29.07.2010 · Der Toyota Land Cruiser ist einer der Altvorderen im Gewerbe und ist trotz Erneuerung ein Klassiker geblieben. Daraus entstehen nicht nur Vorteile. Seine jüngste Ausgabe scheint gestalterisch mit alten Tugenden brechen zu wollen.
Von Michael KirchbergerNicht die Jagd über Stock und Stein, der Durst hat ihm den Hals gebrochen. Im vorigen Jahr zeigten die CO2-Bilanz und die Verbrauchsangaben dem V6-Dieselmotor im Toyota Land Cruiser die Rote Karte. Der Klassiker mit Leiterrahmen und kantiger Form alterte rascher als erwartet. Toyota hat deshalb das Design des motorisierten Entwicklungshelfers erneuert, seinen Vierzylinder-Diesel überarbeitet und eine ganze Reihe zusätzlicher elektronischer Helfer an Bord genommen. Das mag seine Manieren verbessert haben, der Charakter des wuchtigen Geländewagens blieb, wie er war. Ehrlich im Charakter und für schwere Aufgaben bestens gerüstet, aber nur noch mit vier Zylindern.
Der Land Cruiser ist einer der Altvorderen im Gewerbe. Seit mehr als 60 Jahren schuftet er in heißen wie in kalten Regionen dieser Erde, transportiert Gut und Böse gleichermaßen willig durchs Gelände und das Dickicht der Großstadt, zieht schwere Lasten und gilt allen als zuverlässiger Erfüllungsgehilfe. Seine jüngste Ausgabe scheint gestalterisch mit alten Tugenden brechen zu wollen. Viel Chrom am auffälligen Kühlergrill und ausgestellte Radhäuser, die wie hochgezogene Lefzen eines Pitbulls wirken, dazu kantige Rückleuchten mit LED-Technik, so viel aggressives Design hätte es nicht gebraucht, den Land Cruiser moderner zu machen.
Besser wäre die große Heckklappe auf der für Kontinentaleuropa richtigen Seite angeschlagen worden. Doch die geringen Verkaufserwartungen hierzulande haben dagegen gesprochen, daher öffnet sie wie bisher von links nach rechts und steht beim Parken am rechten Straßenrand stets im Weg. Immerhin lässt sich die Heckscheibe separat nach oben schwingen, kleines Gepäck findet so einfacher den Weg in den Kofferraum.
Der Dreiliter-Diesel ist ein wahres Rauhbein
Dieser ist von beachtlicher Größe. 621 Liter kann man mindestens in die fünfsitzige Land-Cruiser-Version einladen, das größte Volumen entsteht, wenn Sitzflächen und Rückenlehnen im Fond nach vorn geklappt werden - das ist sehr einfach möglich - dann bietet Toyotas Großer bis zu 1934 Liter Stauraum. Ein hilfreiches Paket namens Cargo-Manager erleichtert das Sichern der Ladung, es kostet 260 Euro und besteht aus Teleskopstange, Befestigungsgurten und Schienen auf dem Laderaumboden.
Der Dreiliter-Diesel ist ein wahres Rauhbein. Reichlich ungehobelt springt er an, rumort im Leerlauf mit spürbaren Vibrationen, macht kein Hehl aus seinem Charakter, der sich dem Schwermetall verschrieben hat. Allerdings versteht er, die Muskeln zu spannen. 410 Newtonmeter Drehmoment liefert die Maschine bereits bei 1600 Umdrehungen in der Minute ab, in Verbindung mit der fünfstufigen Automatik (nur damit ist die 58 350 Euro teure Ausstattungsversion Executive zu haben) geht es so in 11,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h. 127 kW (173 PS) leistet der Selbstzünder, der beherzte Tritt aufs Gaspedal macht den unbeladen fast 2400 Kilogramm schweren Land Cruiser maximal 175 km/h schnell. Die schnelle Fahrt und die üppige Stirnfläche fordern Tribut: mehr als zwölf Liter für 100 Kilometer, vorsichtshalber hat Toyota den Tank auf 87 Liter ausgelegt.
Trunken über der Bahn
Der mäßige Geradeauslauf und die ausgeprägte Seitenwindempfindlichkeit lassen den Toyota wie trunken über die Bahn wanken. Kurvenhatz verbietet sich von selbst, die ungenaue Lenkung mag im Gelände mit Leichtgängigkeit gefallen, auf der Straße kann sie mit der Präzision moderner SUVs nicht mithalten. Wer den schweren Wagen sanfter bewegt, der kommt weitaus nervenschonender voran und obendrein mit maßvollen acht Liter 100 Kilometer weit.
Im Gelände fühlt sich der Land Cruiser dann heimischer. Das ABS funktioniert auch hier, eine aktive Traktionskontrolle sorgt für das Vorwärtskommen, und bergauf oder bergab assistieren Anfahrhilfe und Tempobegrenzung. Die Unterstützung beim Off-Road-Einsatz übernimmt das Multi-Terrain-Select-System, das die Konfiguration des permanenten Allradantriebs in Abhängigkeit von der Geländebeschaffenheit einstellt. Zur Wahl stehen Sand, Schotter, Buckelpiste und Fels, eine Kamera übermittelt Bilder nach der Systemaktivierung des direkt vor dem Bug des Land Cruiser liegenden Terrains auf den Monitor in der Mittelkonsole.
Gut ablesbare Instrumente, eindeutige Kennzeichnung der Bedienungselemente
Innen gefällt der Toyota mit klaren Linien und schnörkellosem Design. Gut ablesbare Instrumente, eindeutige Kennzeichnung der Bedienungselemente, so soll es sein. Sehr leicht und effizient ist der Mechanismus, mit dem die Rücksitzanlage umgeklappt werden kann, es entsteht mit zwei Handgriffen eine ebene Ladefläche. Und als kleines Bonbon gibt es für die gehobenen Ausstattungen ein schlüsselloses Zugangs- und Startsystem sowie eine Kühlbox.
Unschön ist die Aufpreispolitik von Toyota. Die einzige serienmäßige Lackierung ist schneeweiß, alle anderen sieben Farben kosten je 850 Euro extra. Die Navigation mit Festplatte und Audioanlage ist in der Executive Version inklusive, Aufpreis kostet allerdings das Geländepaket mit dem Multi-Terrain-System (1550 Euro). Und sogar die Erhöhung der Anhängelast lässt sich Toyota bezahlen. Wer 3500 statt 3000 Kilogramm benötigt, muss dafür etwa 65 Euro für Bearbeitung und Eintrag überweisen. Unangenehm, wenn die von einem Geländewagen als Kernkompetenz erwarteten Tugenden als teure Extras in der Preisliste stehen. Vergleichbar wäre ein Cabrio, dessen Verdeck sich nur gegen Aufpreis öffnen ließe.