07.12.2011 · Nach einem leidlichen Jahr für Japans Automobilindustrie besinnen sich die Hersteller auf der wichtigsten Automesse des Landes wieder auf ihre Stärken.
Von Boris SchmidtDas Jahr 2011 war kein gutes für Japan und die japanische Automobilindustrie. Das Erdbeben im März, der folgende Tsunami und die Havarie der Kernkraftwerke brachten das Land ins Wanken. Da ist es schon erstaunlich, in welch guter Verfassung sich Toyota, Nissan und Co. kaum acht Monate später auf der 42. Tokio Motor Show präsentieren. Die wichtigste Automesse Japans und vielleicht immer noch Asiens - Peking und Schanghai zum Trotz - setzt wieder Impulse, anders als noch vor zwei Jahren, als Ideen, Mut und viele Hersteller fehlten. Der Optimismus ist umso überraschender, als sich der japanische Markt auf Talfahrt befindet, was nicht nur mit dem Erdbeben zu tun hat. Rund minus 30 Prozent lautet die Bilanz bisher.
Eine ganz Reihe von seriennahen Fahrzeugen und Studien befasst sich noch bis zum 11. Dezember mit der Mobilität von morgen. Hier setzen die japanischen Hersteller auf kleine, kleinste, aber auch pfiffige Wagen. Ganz vorne in dieser Hinsicht ist der Hersteller Daihatsu, der sich vom deutschen Markt verabschieden wird. Warum eigentlich, fragt man sich, wenn man in Tokio war. "Big answers from small cars" lautet das gut gewählte Motto, der kleine Roadster D-X ist mit seinem schmalen Zwei-Zylinder-Turbo-Motor dabei. 47 kW (64 PS) reichen angesichts des geringen Gewichts. Rein elektrisch bewegt sich das Schmalspur-Auto Pico, in dem zwei Personen hintereinander sitzen. Wer mehr Platz braucht, nimmt den Sho Case. Das ist ein mobiler, 3,40 Meter langer und 1,90 Meter hoher Quader mit Brennstoffzellenantrieb im Boden, so dass fast die gesamte Wagenlänge für vier Passagiere plus Gepäck zu Verfügung steht.
Beim Blick auf die Zukunft der Antriebstechnik verlieren insbesondere Honda und Mazda den Verbrennungsmotor nicht aus den Augen, wohlwissend, dass auch in zehn Jahren höchstens zehn Prozent aller Personenwagen (von insgesamt vielleicht 100 Millionen jährlich) rein elektrisch betrieben werden. Honda kündigte eine "Earth Dream Technology" an mit der Behauptung, in drei Jahren bei Aggregaten von 0,6 bis 3,5 Liter Hubraum (Benzin und Diesel) führend in Sachen Sparsamkeit zu sein. Zugleich wird an Hybrid- und Elektrofahrzeugen gearbeitet: Der Honda Ev-Ster soll zeigen, dass spätestens die nächste Generation von Elektroautos auch Spaß machen wird. Greifbar und in Japan schon wenige Tage nach der Messe auf dem Markt ist der kastige Mini-Minivan N-Box mit 0,6-Liter-Motörchen. Natürlich darf ein kleines EV nicht fehlen, der MCC (Micro Commuter Concept) ist eine fast schon konventionelle Stadtauto-Studie. Und der Honda AC-X ist als Ausblick auf künftige Plug-in-Hybride zu verstehen.
Während Honda von der Erde träumt, greift Mazda in den Himmel, setzt (fast) alles auf konventionelle Motoren, denen im Zuge des Programms "Sky Active" (wir berichteten) das wahre Sparen beigebracht werden soll. Das SUV CX-5 ist das erste Modell, bei dem Sky Active voll greift. Sukzessive werden alle Mazda "himmelsaktiv", so auch der nächste Mazda 6, dessen neues Kleid anhand der Studie Takeri zu bewundern ist.
Bewundern kann man auch den Mut, mit dem sich Nissan und Renault ins Elektroauto-Abenteuer stürzen. Konzernchef Carlos Ghosn meldet 20 000 verkaufte elektrische Nissan Leaf, reklamiert die Marktführerschaft für sich, weiß aber auch, dass die Tage, in denen sich die Autohersteller allein aufs Auto konzentrieren konnten, vorbei sind. Die Zukunft verlangt nach Mobilitätskonzepten, das Auto ist nur ein Teil davon. Für die Stadt leiht man sich dann vielleicht den winzigen Pivo 3, der mit seinen Radnabenmotoren und zwei gelenkten Achsen einen Wendekreis von nur zwei Metern hat. Bei Renault gegenüber spricht man zwar Japanisch (Nissans Pressekonferenz war in Englisch), hat aber alle ambitionierten E-Autos in Europa gelassen, bis auf die schicke Studie Captur mit Scherentüren.
Mitsubishi sucht noch immer das Rezept für den Neuanfang, nachdem man sich vom Schwerpunkt Geländewagen (Pajero und Konsorten) bewusst verabschiedet hat. 16 000 elektrische i-MiEV wurden inzwischen verkauft, für 2012 steht ein leichtes Facelift an. Ein Kleinlieferwagen auf Basis des i-MiEV hat Chancen, nach Europa zu kommen. Überall auf der Welt will man den konventionellen Kleinwagen Mirage (in Europa nicht unter diesem Namen) verkaufen. Unter der Haube werkelt ein schmaler Drei-Zylinder-Motor mit einem Liter Hubraum und 3,3 Liter Normverbrauch, ein E-Antrieb ist in Vorbereitung. Nur schade, dass Weltautos so oft im Allerweltsdesign daherkommen. Schärfere Linien hat die Studie Mitsubishi PX-MiEV II, ein Kompakt-SUV mit Plug-in-Hybrid.
Toyota, schon vor der Märzkatastrophe durch das Rückruf-Desaster gebeutelt, freut sich über die zukünftige Zusammenarbeit mit BMW, fällt aber durch einen verunglückt wirkenden Messeauftritt auf. Die Ausstellungsstücke indes haben es in sich: Der Toyota Fun-Vii ist eine Art Keil auf Rädern, dessen gesamte Fläche als Display genutzt werden kann - so lässt sich jeden Tag eine andere Farbe wählen. Die Studie ist vier Meter lang, natürlich wird elektrisch gefahren. Dazu gibt es die Brennstoffzellenstudie FCV-R. Es ist fraglich, wann so etwas zu kaufen sein wird, im Gegensatz zum Elektro-Toyota FT-EV III, der 2012 auf den Markt kommt. Er basiert auf dem Toyota iQ, eine Reichweite von 100 Kilometer ist avisiert. Noch im Dezember kommt der Aqua, der die Hybridtechnik aus dem Prius nutzt. Außerhalb Japans wird er als Prius C vermarktet. Relativ konventionell ist der Sportwagen GT 86, den man gemeinsam mit Subaru entwickelt hat. Die Toyota-Tochter Lexus schafft es, mit einem in Schwarz gehüllten Stand den Eindruck einer Beerdigung zu wecken. Dabei feiert man doch den neuen GS.
Subaru hat außer dem Gegenstück zum GT 86 die Hybridstudie Advanced Tourer sowie den neuen Impreza dabei, der noch im Dezember in Japan in den Verkaufsräumen stehen wird. Suzuki ist von den Messemachern wohl mit Absicht gegenüber von VW plaziert worden, legt aber Wert auf die Feststellung, man werde mit VW nicht sprechen. Gelegenheit wäre gewesen, denn VW-Chef Winterkorn eröffnete die VW-Pressekonferenz (siehe zu VW die nächste Seite). Suzuki ist ähnlich wie Daihatsu auf Kleinwagen spezialisiert, stellt die Studien Regina, Q-Concept und den Swift als Hybridmodell ins Scheinwerferlicht. Der Regina hat einen 0,8-Liter-Benzinmotor und pflegt mit seinen fließenden Formen den Retro-Look, trotz modernstem Interieur. Der Q-Concept ist eine Art fahrende Rundschachtel mit Anbauten und Elektroantrieb. Zwei Personen sitzen hintereinander.
Und sonst? Vertreten sind die deutschen Marken Audi, BMW (Weltpremiere 5er Hybrid), Mini, Mercedes-Benz (mit Smart und immer noch mit Maybach), Porsche und der BMW-Tuner Alpina. Lotus ist da, Peugeot und Citroën sowie Jaguar/Land Rover. Der Fiat-Konzern sowie die koreanischen Hersteller sind nicht in Japan aktiv. Alle Luxusmarken sowie Ford und GM sparen sich den Auftritt.
Sehr schön
Sebastian Kramer (Krakz)
- 07.12.2011, 16:34 Uhr