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Testfahrt Mobiles Kunstwerk

25.10.2005 ·  1,2 Millionen Euro teuer, 407 km/h schnell und 1001 PS stark: Niemand braucht den Bugatti Veyron. Aber die Fahrt mit dem mobilen Märchen-Mobil macht trotzdem Spaß.

Von Eckhard Schimpf
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Das intensivste Vergnügen bereiten Dinge, die man zum Leben nicht braucht. Niemand braucht den Bugatti Veyron, knapp 1,2 Millionen Euro teuer, 407 km/h schnell und 1001 PS stark. Aber es gibt Leute, die sich diesen Spaß leisten können und wollen. Wie eine Segeljacht, einen Citation-Jet oder ein Gemälde von Picasso. Auch der Bugatti Veyron ist ein Kunstwerk, ein technisches. Es gibt nichts Vergleichbares in der Autowelt.

Bei Cefalu, in den kargen sizilianischen Bergen, wo sich die Straßen noch genauso endlos winden wie zu Zeiten der Eselsgespanne, hat einst eines der wildesten Autorennen der Welt getobt, die Targa Florio. Hier siegte Bugatti zwischen 1925 und 1929 fünfmal, und hier brabbelten an einem stillen Oktobermorgen die 16-Zylinder-Motoren von drei Bugatti Veyron. Hätte er eine würdigere Premiere feiern können als auf den einsamen Straßen Siziliens, wo ein Teil der Bugatti-Legende wurzelt?

Märchen-Mobil aus Tausendundeiner Nacht

Die Testfahrt mit dem Coupe, das schneller ist als jeder Formel-1-Rennwagen, flößt selbst altgedienten Lenkrad-Recken Respekt ein. Die Jacke verschwindet in einem winzigen Behältnis, das als Gepäckraum bezeichnet wird und vorn hinter dem Hufeisenkühler sitzt. Mehr als zwei Prada-Täschchen passen kaum hinein. Hinter den Volant muß der Pilot mit einer Schlängelbewegung gleiten und erwartet im Schalensitz die Anweisungen der Crew - doch nichts geschieht. Sitz vorschieben, Lenkrad einstellen. "Da ist der Startknopf", heißt es. Mehr nicht. Beim Siebener-BMW hatte die Instruktion 20 Minuten gedauert. Auftakt zum Testtag besonderer Art - garniert mit ein paar Runden auf dem Rennkurs von Enna.

Schon nach ein paar Minuten reift die verblüffende Erkenntnis: Dieses unglaubliche Kraftpaket, dieses automobile Märchen-Mobil aus Tausendundeiner Nacht, fährt sich - zumal im Automatikmodus - zahm wie ein Golf. Leicht zu lenken, handlich und ohne daß beim (zart dosierten) Tritt auf das Gaspedal nun gleich ein donnerndes Feuerwerk abbrennt.

Bremsen wie im Space-Shuttle

Das ist die eine Seite dieses Autos. Die andere ist die verborgene Seele. Wer beherzt aufs Gas steigt, wer über das Klackklack der Schaltwippen am Lenkrad den 1000 PS im Heck freien Auslauf gewährt, der erlebt den Wandel vom Divertimento zum Furioso und sollte am besten ein paar Jahre Rennerfahrung auf dem Buckel haben. Der Vorwärtsschub dieses allradgetriebenen Boliden ist schier unglaublich. Ein Porsche Carrera ist ein müder Karren dagegen. Nach 2,5 Sekunden ist das Ding auf 100, nach 7 Sekunden bei 200, und schon zittert die Nadel - längst ist am Heck ein Stabilisierungsflügel ausgefahren - bei 290. Das hat Formel-1-Format. Bremsen kann zur ähnlichen Orgie werden. Die Zangen packen, von einer hochklappenden Luftbremse unterstützt, so brutal zu, daß Werte von mehr als 2g (doppelte Erdbeschleunigung) auftreten wie im Space-Shuttle. Das hält der Magen nicht oft aus.

Ferdinand Piech hat 1998 als VW-Chef die legendäre Marke Bugatti belebt. Er hat ein einmaliges Auto initiiert, das sein Nachfolger Bernd Pischetsrieder zur Serienreife trieb. Piech hat den Weg gewiesen, auch wenn die Kompaßnadel gelegentlich zitterte. Piech hat seinen Bogen weit gespannt, vom Einliterauto bis zum Bugatti, von einem Liter auf 100 Kilometer bis zu einem Liter je Kilometer.

Der Bugatti Veyron ist ein Juwel, ein Fixstern am Autohimmel. 35 Exemplare sind schon verkauft, 300 sollen gebaut werden. Für den VW-Konzern ist das eine Demonstration technischer Kompetenz wie für andere die Formel 1. Viele der High-Tech-Erfahrungen aus diesem Projekt werden in andere Modelle (auch bei Porsche) einfließen. Es bleibt eben so: Technik, die nur das Tagesgeschäft im Auge hat, verliert schnell ihren Rang. Diese Gefahr besteht bei VW nicht mehr.

Quelle: F.A.Z., 25.10.2005, Nr. 248 / Seite T4
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