03.04.2011 · Die Oldtimermesse Techno-Classica ist ein Fest der Sinne. Und immer wieder ein neuer versteckter Rekordversuch für die größte Zahl von Oldtimern je Quadratmeter. Sie wird zu Recht als „Klassiker-Weltmesse“ bezeichnet.
Von Rüdiger AbeleDie Welt der Oldtimer ist so vielfältig. Bestimmt wird sie vor allem von zwei Polen: Dem Ausleben von Passion und Hobby auf der einen Seite und der schnöden Sicht als Wirtschaftsfaktor mit allen Facetten auf der anderen Seite. Über allem steht die Faszination für alte Fahrzeuge. Sie ist ungebrochen, wie Zahlen mit erdrückender Macht erzählen: 4,3 Millionen Deutsche würden sich für Fahrzeuge interessieren, rund 15 Millionen Menschen hätten eine grundsätzlich positive Einstellung zu Oldtimern. Rund 335 000 Autos und 265 000 Motorräder gebe es, die hierzulande den Oldtimer-Status erfüllen, somit mindestens 30 Jahre alt und gepflegt seien, hinzu kämen 1,5 Millionen Youngtimer, mit steigender Tendenz in allen Fahrzeugaltersgruppen. Diese Eckdaten legte vergangene Woche in Essen der Veranstalter der Techno-Classica vor, die er selbstbewusst als „Klassiker-Weltmesse“ bezeichnet.
Durchschnaufen nach diesen nüchternen Zahlen ist erlaubt. Um Atem und Kraft zu sammeln für den langen Gang durch zwölf Messehallen, die in Essen gefüllt sind mit der Faszination Oldtimer. Sogar hinaus aus den Gebäuden schwappt sie, denn auch die Freigelände mutieren zur Ausstellungsfläche, punktuell sogar die Parkplätze rund um das Messegelände. Das ist Essen: Alte Fahrzeuge, soweit das Auge reicht, garniert von essentiellem Beiwerk wie Bücher, Teile, Werkzeug, Klubs, Klamotten. Nicht zu vergessen die Currywurst, die hier im Ruhrgebiet inmitten des heiligen Blechs und der flanierenden Jeans- und Anzugträger zur demokratischen Delikatesse wird. Oder Crêpe Suzette.
Ohne Automobil gäbe es dieses Fest der Sinne nicht. Dieses wurde, so die offizielle Lesart, vor 125 Jahren von Carl Benz erfunden. Und deshalb steht die Messehalle 1, traditionell die Essener Heimat von Mercedes-Benz, unter dem Zeichen des großen Jubiläums. Zwölf Fahrzeuge aus zwölf Epochen hat die Marke mitgebracht - das alleine ist schon ein kompaktes Automuseum. Es reicht von einer Replika des Patent-Motorwagens aus dem Jahr 1886 über diverse Ikonen, unter anderem Mercedes-Simplex, SSK, 500 K Spezial-Roadster, 300 SL und 450 SEL 6.9, sogar bis in die Zukunft, die eine Designskulptur markiert. Sie soll zeigen, wie künftig das Automobil aussehen könnte. Mercedes beteuert vehement, dass die fehlenden Räder einzig der künstlerischen Freiheit der Designer zuzuschreiben seien.
Alle Marken in einem lichten Ambiente
Zurück in die Gegenwart. Von der Eindrücklichkeit des Auftritts spielt in Essen einzig der Volkswagen-Konzern in der gleichen Liga wie die Stuttgarter Marke mit dem Stern: Halle 7 versammelt alle Marken in einem lichten Ambiente und spielt verschiedene Themen. Beispiele: Das erste Golf Cabriolet hätte es schon ohne Bügel geben können, wie ein Prototyp aus dem Jahr 1976 zeigt - er steht einträchtig neben dem gerade vorgestellten aktuellen Cabrio. Freizeit auf Rädern ist für viele Freizeit mit dem Bulli - eine Sonderausstellung der Nutzfahrzeugsparte mit entsprechenden Fahrzeugen zeigt es. Audi schickt Pärchen auf die Messe - fünf Motorsport-Fahrzeuge, flankiert von deren Straßen-Pendants. Die Autostadt präsentiert italienisches Design, unter anderem mit diversen Fahrzeugen von Italdesign-Giugiaro, seit 2010 ebenfalls zum Volkswagen-Imperium gehörend.
BMW feiert in diesem Jahr mehrere Jubiläen, beispielsweise 50 Jahre Neue Klasse (der 1500 debütierte 1961) und 75 Jahre 328. Mini bereichert die Messepräsenz, unter anderem mit dem originalen Siegerfahrzeug der Rallye Monte Carlo von 1964. Und Rolls-Royce ist nach fünfjähriger Abstinenz auch zurück in Essen und hebt über zwei Fahrzeuge vor allem die berühmte Kühlerfigur „Spirit of Ecstacy“ heraus, die in diesem Jahr 100 Jahre alt wird.
Opel hat einen bunten Exponat-Strauß nach Essen gebracht, darunter auch eine Nähmaschine sowie Fahrräder - damit begann die Geschichte des Unternehmens, das Autos „erst“ seit 1898 produziert, aber im nächsten Jahr den 150. Geburtstag feiert. Besonders gefallen hat uns der elektrifizierte GT aus dem Jahr 1971, für Rekordfahrten gedacht, aber nie im dortigen Autohimmel angekommen. Ford hat selbstbewusst „80 Jahre: Made in Kölle“ zum Messe-Motto erklärt und zeigt dort produzierte Fahrzeuge: Ja, auch Capri, Granada, Taunus und Co. sind längst in der Oldtimerwelt zuhause. Zwischenbilanz an dieser Stelle: Sehr viele Automarken sind in Essen offiziell vertreten, von Alfa Romeo bis Volvo - weil die Tradition potentiellen Kunden den historischen Unterbau für eine eventuelle Kaufentscheidung liefert, heißt es.
Mit der Schwalbe ins Waldbad
Die TC, wie die Messe abgekürzt gern genannt wird, wäre aber ohne die Clubs und Privatenthusiasten nicht die TC. Mit teilweise sehr liebevollen Arrangements stellen sie ihre Fahrzeuge und ihr großes Hobby dar. Da geht es mit der Schwalbe ins Waldbad - und die drei „Clubbies“ sitzen am St(r)and wie an der Kasse. Oder der Bitter-Club lädt in den Schauraum, als könnte man Fahrzeuge wie den CD oder den SC noch regulär kaufen. Bewundernswert auch diejenigen, die sich Nutzfahrzeuge zum Hobby erklärt haben und in Essen sperriges Gerät einräumen - Feuerwehrfahrzeuge, Unimog, Lanz Bulldog: Die Techno-Classica hält alles bereit.
Vergessen darf man darüber aber nicht, dass es eine Marktveranstaltung ist. Es heißt, 90 Prozent der ausgestellten Fahrzeuge könne man kaufen. Zum Beispiel im Rahmen einer Auktion, veranstaltet von Coys. Oder auch direkt an den Ständen - wobei mitunter sehr viel Geld den Besitzer wechselt. „a. A.“ ist eine lapidare Abkürzung auf manchem Fahrzeugsteckbrief, „auf Anfrage“ erfährt man nach einem tiefen Blick des Verkäufers in die Augen des potentiellen künftigen Besitzers die Summe. Dass mancher zu diesem Zeitpunkt bereits am Haken der eigenen Passion hängt, realisiert er erst später oder nie. Die Besitzer- und auch Benutzerfreude macht vieles wett.