Wer bei Sonnenuntergängen auf Capri nur an süßliche Schlagerseligkeit denkt, sollte einmal das spektakuläre Original erleben. Vollends genießen lässt sich das Panorama der sanften Rot- und Blautöne allerdings weder von der Piazza in Capri-Stadt noch von der Terrasse an der Bergstation des Funicolare. Erst die Fahrt aus dem Hauptort der Insel in das kleinere Anacapri und weiter an die Westküste bringt das Naturschauspiel im Panoramaformat zur Geltung.
Wer Glück hat, der erlebt diese Passage auf der steilen Via Provinciale Anacapri im Fond des kirschroten Taxis der Familie de Gregorio. Die Mietdroschke ist ein Cabrio vom Typ Fiat 1500 L (Karosserie des Fiat 1800 mit Vierzylindermotor) in der luxuriösen Ausführung „President“ mit langem Radstand aus dem Jahr 1960.
Padre Pio und die Jungfrau Maria als Statuen auf dem Armaturenbrett
Eleganter lässt es sich kaum über die schmalen Inselstraßen gleiten. Und der Wagen wirkt denn auch wie eine nachdrückliche Reminiszenz an die goldene Zeit der Insel, als der internationale Jetset auf Capri feierte. Aber ein Exot unter den Inseltaxis ist der Klassiker, dem Padre Pio und die Jungfrau Maria als Statuen auf dem Armaturenbrett bei seinen Reisen beistehen, keineswegs. Denn die technischen und ästhetischen Eckdaten des Oldtimers prägen auch seine Enkelgeneration: 30 Cabrios und Landaulets des Typs Fiat Marea mit um 70 Zentimeter verlängertem Radstand bilden heute das stilsichere Rückgrat der insularen Taxiflotte.
Und sogar die aktuellen Minivans der Marken Nissan und Opel laufen auf Capri nicht einfach als Kleinbus im Taxibetrieb, sondern haben vom Karosseriebauer einen Maßanzug als Cabrio erhalten. So trägt ein Zafira der Rüsselsheimer Marke dann stolz den geschwungenen Schriftzug „Convertible“ zum hellblauen Zierstreifen an der Seite. Die B-Säule hat ein Überrollbügel verdrängt, gleichermaßen konzipiert sind die zum Himmel offenen Nissan-Kleinbusse.
Automobiles Straßentheater mit langem Radstand auf schmalen Gassen
Die Taxikultur auf Capri gibt sich so wenig zurückhaltend wie der giftgelb schillernde regionale Aperitif Limoncello, ein am besten eiskalt getrunkener Zitronenlikör. So wird jede Fahrt für Passagiere, Chauffeur und Wagen zum großen Auftritt - automobiles Straßentheater mit langem Radstand auf schmalen Gassen. Diese Inszenierung leidet auch nicht unter solchen Kleinigkeiten wie einer provisorisch mit elastischem Seil verspannten Gepäckklappe: Mögen auch die deutschen Touristenkoffer über das Heck hinausragen und in der Kurve gefährlich über dem Abgrund schweben, wir genießen den Blick auf Capri-Stadt und den Hafen.
Als sich zur Mitte des 20. Jahrhunderts das Automobil auf Capri etablierte, ließen sich die Taxi-Unternehmen offensichtlich von der künstlerischen, leicht überdrehten Atmosphäre der Insel anstecken: Handliche Fiat-Modelle wurden zu Cabrios umgebaut, in Bonbonfarben lackiert und mit Korbsitzen sowie Sonnendächern ausgestattet. Fiat 500, 600 und 600 Multipla gehörten damals zum Rohmaterial für diese Mischung aus Strandwagen und Taxi. Und weil sich auf Inseln die Evolution oft andere Wege sucht als auf dem Festland, wurde Capri zu einer Art Galápagos dieser Taxi-Cabrios.
