17.11.2006 · Eine Swan ist der Mercedes unter den Segelyachten. Seit 40 Jahren begeistern diese finnischen Boote Segelfreunde in aller Welt. Den italienischen Modeunternehmer Leonardo Ferragamo so sehr, daß er 1998 die Werft übernahm.
Von Erdmann BraschosOb es sich um Autos, Fahrräder, Tennisschläger oder Segelboote handelt, bei Gebrauchsgegenständen und Sportgeräten kennen wir im wesentlichen zwei Qualitäten: jene, deren Gebrauch dauerhaft Spaß macht, und andere, die gehobenen Ansprüchen nur bedingt gerecht werden. Gern- und Vielfahrer oder Agilitätsmenschen, die ein Leben mit erhöhter Drehzahl führen, erwarten Newtonmeter, sichere Straßenlage und souveränen Geradeauslauf auf der linken Spur. Dem Gelegenheitsradler oder sporadischen Tennisspieler, der im Wonnemonat Mai seine sonst vergessenen Sportambitionen entdeckt, langt die normale Ausrüstung. Dem Wochenend- und Bummelsegler, der sein Boot überwiegend als schwimmende Datsche nutzt, genügt ein Raumwunder mit den Vorzügen aktuellen, günstigen Großserienyachtbaus. Er nimmt in Kauf, daß bei ruppigen Bedingungen unter Umständen der Kajütausbau quietscht.
Routinierte Schiffer wie der Hamburger Versicherungskaufmann Harald Baum oder der Berliner Blauwassersegler Manfred Kerstan segeln aus guten Gründen Swan, den Mercedes unter den Segelyachten. Die Boote sind gediegen, kostspielig und seit Einführung des Swan Cups Anfang der achtziger Jahre vor Cowes oder an der Costa Smeralda über Seglerkreise hinaus ein Begriff. Voraussetzung zu diesem pfiffigen, längst nachgeahmten Marketing ist seit den sechziger Jahren die überzeugende yachtbauliche Nautor-Substanz. Sie gehört nach wie vor zum Besten, was man sich zum Familien- und Regattasegeln zulegen kann.
„Wir haben entsetzliche Stürme erlebt“
Nach einigen Regatten mit dem formverleimten Holzleichtbau „Diana III“ segelt Baum Swan, und zwar die betagten, vom New Yorker Konstruktionsbüro Sparkman & Stephens gezeichneten 44 und 48 Fuß langen Exemplare aus den frühen siebziger Jahren mit dem markant keilförmig angehobenen Teakdeck, V-förmiger Vorschiffspartie und ausgeprägtem S-Schlag mittschiffs und gemäßigt moderner Kiel- und Ruderkonfiguration. Baum, der bekennt, „eigentlich Fahrtensegler“ zu sein, schwört auf die „Symbiose aus Lightdisplacement mit reduzierter wasserbenetzter Fläche, verläßlichem Seeschiff und gediegener Bauweise der Nautor-Schiffe“.
Sechsmal segelte Baum mit verschiedenen Swans über den Atlantik. Er blickt auf mittlerweile 25, überwiegend mit seinen Booten namens „Elan“ absolvierte Skagen-Regatten zurück: „Wir haben entsetzliche Stürme erlebt, nie ist etwas kaputtgegangen.“ Harald Baum hat, wie viele andere auch, mal über ein größeres Boot, einen Neubau für Mittelmeerregatten etwa, nachgedacht, doch bleibt er bei seiner zweiten Swan 48 „Elan“, Baujahr '73. Gut möglich, daß gelebtes Hanseatentum dabei eine Rolle spielt.
Deftige Bedingungen in der Tasmanischen See
Die Substanz selbst hart gesegelter, drei Jahrzehnte alter Swans, ihrer panzerstarken GfK-Rümpfe, ist so gut, daß eine umfassende Sanierung alter Nautor-Yachten lohnt. Baum segelt seine Swan 48 einfach weiter. „So ein Schiff wird ja zur Familienstory. Wir haben Spaß auf der Regattabahn, wo wir uns ganz passabel schlagen, und sind kommendes Jahr wieder in Cowes dabei.“ Ebenso beharrlich wie Baum bleibt übrigens der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel dabei, er segelt seit vielen Jahren eine 37-Fuß-Swan.
Der Berliner Manfred Kerstan ist mittlerweile mit der dritten Swan namens „Albatros“ unterwegs. 1975 erkundete er mit einer 48er das Mittelmeer, segelte damit um die Welt und übernahm 1986 eine 61er. Damit beteiligte er sich unter anderem am Kapstadt-Rio-Rennen und an der für deftige Bedingungen in der Tasmanischen See gefürchteten Sydney-Hobart-Regatta. Jetzt ist Kerstan mit seinem dritten Nautor-Schlitten, einem Deckssalonschiff vom Typ Swan 62 RS, in das seine nahezu fünfzigjährige Segelpraxis einfloß, unterwegs. Der jugendlich wirkende Senior blickt auf 25 Atlantiküberquerungen zurück.
Neuer mediterraner Chics
Ein anderer Swan-Liebhaber, der sein amphibisches Segler- und Geschäftsleben mehr an Land als der Berliner Immobilienfachmann verbringt, ist der Florentiner Modeunternehmer Leonardo Ferragamo. 1988 stieg er mit einer gebrauchten Swan 51 in die noble Nautor-Welt ein, ersetzte das Schiff fünf Jahre später durch eine werftneue 68er und übernahm im Mai 1998 die ganze Werft. Die Marke war damals mit einer unentschlossenen Modellpolitik ins Schlingern geraten. Der Spagat zwischen Touren- und Regattaboot gelang mit betulichen Fahrtenbooten nicht mehr. „Aufgrund meiner Erfahrungen in der Luxusartikelbranche war mir alles, was Nautor bot, vertraut, und ich erkannte, welchen Beitrag ich zum exzellenten Bootsbau in Pietarsaari leisten konnte.“ Endlich durfte der langjährige argentinische Nautor-Vertragskonstrukteur Germán Frers leistungsfähigere Boote mit besserem Leistungsgewicht bei konservativer Nutzung der Komposittechnologie entwerfen.
„Nautor steht für Zuverlässigkeit auf See, Luxus, Eleganz und außergewöhnliche Segeleigenschaften. Der Swan-Eigner ist kein Versuchskaninchen“, erklärt Ferragamo in bewußter Abgrenzung zur einen oder anderen vertriebsstarken mailändischen oder monegassischen Werftrepräsentanz, wo mit schrillen Yachtlackierungen, manchen technischen Spielereien und modernistischem Loftinterieur, das in Hochglanzzeitschriften eher überzeugt als auf hoher See, experimentiert wird. Wobei Swans nun auch deutliche Züge des neuen mediterranen Chics tragen.
Schritt in die noble Nautor-Welt
Seit Einführung des agilen, knapp 14 Meter langen Einsteigermodells Swan 45 hat die Marke wieder Sexappeal. Das Boot mit funktional T-förmigem Regattacockpit wurde bislang 50 Mal gebaut, darunter viermal für deutsche Eigner, und kostet derzeit segelklar einschließlich Mehrwertsteuer je nach Ausstattung 750.000 bis 800.000 Euro. Etwa so beeindruckend wie der Preis sind die Regattafelder der Einheitsklasse Swan 45. Den Relaunch des noblen finnischen Cruiser-Racers möchte Nautor jetzt mit der Swan 601, einer Einheitsklasse der 18-Meter-Kategorie, fortsetzen.
In Zeiten, in denen viele Eigner das internationale Vermessungschaos beklagen und ihre kostbare Freizeit lieber mit sportlich reellem Regattasegeln in baugleichen Booten verbringen, ein vielleicht erfolgreiches Konzept. Fahrtentauglich wird der ästhetische Renner durch eine modular anpaßbare Tourenausstattung. Ostsee- und Fahrtensegler werden das aktuelle 46-Fuß-Modell mit 2,20 Meter Tiefgang bevorzugen. Damit kommt man in der dänischen Südsee noch einigermaßen klar. Die Swan 46 wurde dreißigmal, darunter viermal für deutsche Rechnung, gebaut. Auch hier macht das Budget für eine neue „kleine“ Swan den Schritt in die noble Nautor-Welt zu einer exklusiven Entscheidung. Nautor baut derzeit bis 131 Fuß.
Die schönste Buckelpiste der Welt
Aus Anlaß einer Ausschreibung des New York Yacht Club entwickelten die Werft und Yachtarchitekt Frers mit der Club Swan 42 ein leichtes und günstigeres Einsteigermodell für Vereinsregatten. Der Prototyp wurde dieses Jahr ausführlich gesegelt und geht derzeit als 13 Meter lange, 3,65 Meter breite und 2,70 Meter tief gehende Einheitsklasse ohne Teakdeck, als erste Swan übrigens mit seitlich aus dem Bug ausfahrbarem Karbonrüssel für den Gennaker, in Serie.
Seit der wagemutige Papiertütenverkäufer Pekka Koskenkylä im fernen Finnland auf annähernd 64 Grad nördlicher Breite 1966, vor 40 Jahren also, das erste 36-Fuß-Modell aus einer umfunktionierten Scheune schob, hat Nautor gut 1900 Yachten gebaut. Dafür brauchen manche Großserienhersteller, die mit ihren deutlich preisgünstigeren Yachten ganz andere Zielgruppen haben, nicht einmal ein Jahr. Eine Swan der finnischen Edelmarke ist ein wertstabiles Investment für jahrzehntelangen Einsatz auf der schönsten Buckelpiste der Welt, dem Meer.