Morgens auf dem Weg ins Büro. Nur langsam kommen die Pendler voran. Man könnte ja mal mit dem Smartphone nach neuer E-Mail gucken. Natürlich ist das verboten. Aber man macht es trotzdem. Und man ist ja auch nicht allein, wie ein Blick auf die Nachbarautos und ihre Fahrer zeigt. Wir sind jedoch mit dem im Sommer modernisierten 7er BMW unterwegs, und hier bleibt die Fahrerablenkung minimal. Mit dem Betreten des Fahrzeugs wird das Smartphone identifiziert und angekoppelt, und schon sind im Office-Menü des iDrive-Systems unsere drei E-Mail-Konten sowie der SMS-Nachrichteneingang auf dem Bordmonitor sichtbar.
E-Mail lesen während der Fahrt? Darum geht es nicht. Vielmehr sind nur Absender und Betreff im fahrenden Auto angezeigt, nicht jedoch der Nachrichtentext. Den wiederum kann man sich von einer synthetischen Stimme vorlesen lassen. Das funktioniert erstaunlich gut, man kann eine Pause einlegen lassen, und wenn die (in der Regel vollkommen überflüssige) Signatur oder Fußzeile der E-Mail erreicht ist, stoppt man. Ferner gibt es Filter, um beispielsweise nur die ungelesenen oder nach Fahrtbeginn neu eingetroffenen E-Mails anzeigen und vorlesen zu lassen.
Diesen schönen Luxus gibt es schon länger bei BMW und anderen Fahrzeugherstellern. Nur war der Datenfluss vom eigenen E-Mail-Konto oder vom Smartphone hin zum Bordmonitor bislang eine komplizierte Angelegenheit. Bei BMW musste man in iDrive und Connected Drive das entsprechende E-Mail-Konto mitsamt allen zugehörigen Parametern einrichten, eine ziemliche Fummelei mit dem Controller. Nun sind die Inhalte der elektronischen Post automatisch da - und die Vorlesefunktion hält einen unterwegs auf dem Laufenden.
Eine Weltpremiere bietet der aktuelle 7er BMW jedoch beim Beantworten von E-Mail oder Schreiben von SMS: Erstmals kommt eine Spracherkennung zum Einsatz, die jenseits der Erfassung von Navigationszielen, Telefonkommandos oder der Musikauswahl alle nur denkbaren Texte in Schriftform umwandelt. Die Technik stammt vom amerikanischen Marktführer Nuance, der die Windows-Software Dragon Naturally Speaking sowie Apples kluge Assistentin Siri entwickelt. Voraussetzung sind das Professional-Navigationssystem und Connected Drive.
Im 7er BMW lehnt sich das Verfahren eher an Siri als an das PC-System an. Es arbeitet also ohne vorheriges Sprechertraining, verzichtet auf ein persönliches Sprachmodell und ist nicht lernfähig. Es wird also nur ein Alltagsvokabular unterstützt, das sich nicht um individuelle Sprechweisen oder Eigennamen ergänzen lässt. Wer Fachtexte diktieren will, bleibt demnach außen vor. Aber die schnelle Antwort auf eine E-Mail oder SMS lässt sich mit wenig Aufwand und geringer Ablenkung sinnvoll erfassen.
Mit Dragon Drive Messaging im BMW diktiert man ein paar Sätze, und wie auf dem iPhone wird die Audiodatei via Mobilfunk zu den Nuance-Rechnern nach Amerika übertragen, dort transkribiert und als Text zurück ins Fahrzeug geschickt. Man beachte also, dass der Inhalt auf fremden Servern landet. Was auf dem Smartphone prima funktioniert, erhält in der Oberklasse-Limousine weitere raffinierte Zutaten. So sei das akustische Sprachmodell auf die Nebengeräusche des Fahrzeugs abgestimmt, diese würden automatisch ausgeblendet, heißt es bei BMW.
Für die Inbetriebnahme muss man eine E-Mail-Adresse eingeben und diese für den kostenfreien 60-Tage-Probebetrieb verifizieren, danach verlangt Nuance 25 Euro im Jahr. Anschließend kann man im Office-Menü sofort mit einem maximal 30 Sekunden langen Diktat loslegen. Das alles funktioniert etwa so gut wie mit Apples Siri: Fachbegriffe und manche Nachnamen führen erwartungsgemäß zu Erkennungsfehlern, aber bei typischen Texten wie „Ich komme später, warten Sie nicht mit der Besprechung“ ist die Leistung der Anlage sehr ordentlich. Wie bei Siri lassen sich Interpunktionszeichen diktieren, und Kommandos wie „groß sie“ werden ebenfalls umgesetzt.
In der längeren Erprobung von Dragon Drive Messaging zeigte sich jedoch, dass die Nebengeräuschunterdrückung besser sein müsste. Vieles, was Siri in ruhiger Umgebung einwandfrei erkennt, bereitete im BMW selbst bei geringen Geschwindigkeiten unter 120 km/h Probleme. Man kann Wort für Wort mithilfe des Controllers korrigieren und erhält eine Liste von Alternativvorschlägen. Das lenkt aber zu sehr ab.
Noch stärker ist die Fahrerablenkung, wenn es um die Eingabe einer E-Mail-Adresse oder eines SMS-Empfängers geht. Nichts einfacher als das, denkt man zunächst: „Schreibe neue E-Mail an Max Muster“ ruft man der Anlage entgegen. Aber hier haben BMW und Nuance gewaltig gepatzt. Es gibt nämlich derzeit keine Spracherkennung für die Adressaten. Vielmehr muss man mit dem Controller mühselig die entsprechenden Kontaktdaten aus dem Adressbuch heraussuchen, was eine Umstandskrämerei ohnegleichen ist. Nur das Antworten auf SMS oder E-Mail ist dank entsprechender Schaltfläche mit einem Klick erledigt.
Auch wenn es darum geht, mit welchem Smartphone Dragon Drive Messaging zusammenarbeitet, bekleckern sich BMW und Nuance nicht mit Ruhm. Hieß es im vergangenen Sommer bei der Fahrvorstellung, es sei ein Smartphone mit dem Bluetooth-Profil MAP erforderlich, und dieses „Message Access Profile“ käme mit iOS 6 auch für das iPhone, schauen nun die Apple-Jünger in die Röhre. Zwar bringt das aktuelle Betriebssystem für das iPhone tatsächlich MAP mit, aber im 7er BMW fehlt nichtsdestotrotz die versprochene E-Mail- und SMS-Funktionalität. Apple habe MAP „nicht vollständig implementiert“, heißt es von BMW. Aber dem Autohersteller bleibt anzukreiden, dass man beim Diktieren von SMS geradezu getäuscht wird: Das System erkennt den Text, es lässt sich ein Adressat auswählen, und nach dem Senden kommt eine entsprechende Bestätigung. Tatsächlich wird nicht eine einzige SMS gesendet, der Fehler ist BMW bekannt. Mit dem Android-Referenzgerät Nexus 4 funktioniert übrigens die gesamte Nachrichtenfunktionalität gar nicht.
Geht es um das volle Programm der Möglichkeiten und Optionen, muss man auf einen Blackberry (von Betriebssystemversion 6 an) zurückgreifen. Wir setzten den ganz neuen Z10 ein, der dann allerdings sofort und reibungslos mit der Fahrzeuglösung harmonierte. Im Detail lässt sich einstellen, welches E-Mail-Konto angezeigt und von welchem Account aus die diktierte Nachricht verschickt wird.
Insgesamt meinen wir: Hier schimmert eine neue Zukunft der Fahrzeugkommunikation hervor. Schon die unkomplizierte Anzeige neuer Nachrichten mitsamt Vorlesemodus ist eine Wucht. Sie lenkt weniger vom Verkehrsgeschehen ab als der Seitenblick auf das Telefon. Beim Diktieren stören die erwähnten Unzulänglichkeiten. Aber das Gebotene ist eindrucksvoll, und für den Sommer hat BMW ein großes Update des Dragon Drive Messaging mit vielen Detailverbesserungen angekündigt. Die Nuance-Lösung zieht als Nächstes in den Audi A3 Sportback ein, und Mercedes-Benz hat ja ohnehin angekündigt, dass in der neuen A- und E-Klasse mit dem „Drive Kit Plus“ eine vollwertige Siri-Diktatfunktion bereitstehen soll.
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Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
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Andreas Häußer (ahaeu)
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