Home
http://www.faz.net/-gya-6vegc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sportwagenhersteller Ginge es Italien doch nur so gut wie Ferrari

26.11.2011 ·  Die Italiener machten diese Saison in der Formel 1 kaum einen Stich. Doch die Straßen-Sportwagen aus Maranello verkaufen sich so gut wie nie zuvor.

Von Boris Schmidt
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (1)
© Ferrari Der rote Platz: Ferrari FF zu früher Stunde in Siena

Bei so viel wirtschaftlichem Erfolg ist es kaum ein Wunder, dass Ferrari-Chef Luca di Montezemolo sogar als nächster italienischer Ministerpräsident gehandelt wird. Das Amt mag man ihm zutrauen, schließlich hat der Vierundsechzigjährige schon die Fußball-WM 1990 gemanagt, das Ferrari-Formel-1-Team zu neuen Höhen geführt, ist früher selbst Rennen gefahren und sammelt für die Muttergesellschaft Fiat (zehn Prozent des Unternehmens gehören nach wie vor der Familie Ferrari) mehr Gewinn ein als die übrigen Marken zusammen. 300 Millionen Euro waren es 2010, und bis Ende September dieses Jahres sind 212 Millionen Euro dazugekommen. 5165 Ferrari wurden bislang 2011 abgesetzt, im Jahresvergleich liegt der Hersteller 12,3 Prozent im Plus. Zu erwarten ist 2011 ein Absatz von knapp 7000 Autos, was wiederum das beste Ferrari-Jahr aller Zeiten bedeutete.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Montezemolo, der seit 20 Jahren in Maranello am Ruder ist, versteht es geschickt, die Formel 1, die Begeisterung der Fans für seine Marke und die Bedürfnisse der Ferrari-Fahrer miteinander zu verknüpfen. Inzwischen tragen 50 Ferrari-Stores in aller Welt ihr Scherflein zum Gewinn bei, in Abu Dhabi ist in Lizenz ein riesiger Freizeitpark (Ferrari-World) entstanden, in dem die Marke so intensiv feiert, dass man dort sogar das berühmte Ferrari-Restaurant (das gegenüber dem Eingang in Maranello) in einer 1:1-Kopie findet. Die Ferrari-World ist der größte Indoor-Freizeitpark der Welt.

Bestmögliches Umsetzen der Kraft

In den Stores kann jeder vom eigenen Ferrari träumen und für 38 Euro ein Modell kaufen, wenn es schon nicht für einen echten Rennwagen aus Maranello reicht. Dass immer öfter Menschen 180.000 Euro und mehr nach Norditalien überweisen, um in den Besitz eines Supersportwagens zu kommen, hat mit der zweifelsohne faszinierenden Technik und der Leistungskraft der Ferrari zu tun, aber natürlich auch mit der in manchen Ländern gestiegenen Nachfrage nach Prestigeobjekten. Schnell ist China für Ferrari zum Markt Nummer 2 geworden. 542 Sportwagen wurden 2011 bislang ausgeliefert. Der wichtigste Markt wird aber mittelfristig Nordamerika bleiben. Dorthin fanden bislang 1436 Einheiten ihren Weg.

Dass es 2012 weiter aufwärtsgehen wird, scheint schon so sicher wie die schwarz-weiße Flagge am Ende eines Grand Prix. Auch dafür hat dann der studierte Jurist (Examen 1972 in Rom) Montezemolo gesorgt: Er hat einen Ferrari bauen lassen, wie es ihn noch nie gab, mit Platz für vier Personen und Allradantrieb. Die Produktion des FF (Ferrari Four, vielleicht auch Ferrari Family) hat im März begonnen, die geplanten 800 Einheiten für 2011 sind schon verkauft, wie auch die meisten der 1000 FF, die 2012 in Maranello entstehen werden (Basispreis 260.000 Euro).

  1/3  
© Ferrari Der Boss: Luca di Montezemolo

Der allradgetriebene FF hat vier vollwertige Sitze und ein Kofferraumvolumen von 450 Liter, doch andere altbekannte Tugenden werden nicht vernachlässigt: Sein direkteinspritzender V12-Motor mit 6,3 Liter Hubraum leistet 486 kW (660 PS) bei 8000 Umdrehungen in der Minute und ein maximales Drehmoment von 683 Newtonmeter bei 6000/min. In der Spitze sind 335 km/h möglich, der Spurt von 0 auf 100 km/h gelingt in 3,7 Sekunden, und wer auf dem Gas bleibt, erreicht nach elf Sekunden 200 km/h. Für das bestmögliche Umsetzen der Kraft sorgt ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe aus der Formel 1, das direkt an der Hinterachse verbaut ist (Transaxle).

Erstauto- und Eroberer-Qualität

Bei aller Hochachtung vor der Leistung des V12, der im Vergleich mit den bisherigen Zwölfzylindern aus Maranello um ein Viertel sparsamer geworden ist (mit Start-Stopp-System, dennoch beträgt der Normverbrauch stattliche 15,4 Liter Super und der CO2-Ausstoß 360 g/km),: Das wirklich Besondere am neuen Ferrari ist sein Allradantrieb. Es gibt keine mechanische Verbindung zwischen der Vorder- und der Hinterachse, die in der Regel angetrieben wird. Nur wenn die Elektronik es für nötig hält, geht auch Kraft nach vorn.

Das funktioniert alles bestens, wie wir auf einer Fahrt von Maranello nach Mugello überprüfen konnten. Auch passen tatsächlich vier erwachsene Männer, von denen keiner unter 1,85 Meter war, in den FF. Wir haben es ausprobiert und sind so etliche Kilometer unterwegs gewesen. Der FF ist der erste Ferrari, der Erstauto-Qualität hat, und Pressesprecher Matteo Torre versichert, etliche Kunden nutzten ihn so. Eroberer-Qualität hat er offenbar auch: Für 60 Prozent der FF-Kunden ist er der erste Ferrari.

Liebe zum Sport und Tradition

In Mugello in der Toskana fand auf der dortigen Rennstrecke unlängst die Ferrari-Jahresabschlussparty statt, auf der sich die Fans der Marke treffen und mit ihren Autos Rennen fahren. Ferrari betreibt verschiedene Rennserien für Privatfahrer: Eine italienische, eine europäische, eine nordamerikanische sowie eine asiatische. In Mugello war das „Finali Mondiali“ aller Serien. Dort wurde Montezemolo gefeiert wie ein Popstar, als er nach dem Abschluss der Rennen eine Parade von Ferrari (Kundenfahrzeuge) anführte und vor der Haupttribüne die Huldigungen des Volkes entgegennahm. Für Deutschland undenkbar, dass man in dieser Form etwa Porsche-Chef Matthias Müller zujubelt.

Für die Tifosi aber ist Ferrari eine Art Nationalheiligtum, weil die Marke in der Welt für das Land wirbt. Auch wenn die Formel 1 zurzeit wenig Anlass zur Freude gibt. Montezemolo drohte in Mugello zum wiederholten Mal mit dem Ausstieg aus der Formel 1, wenn von 2013 an Vierzylinder-Motoren verpflichtend würden. Für Ferrari sei die Teilnahme nicht vom Marketing getrieben, sondern man suche den Wettbewerb, pflege die Liebe zum Sport und die Tradition (das Unternehmen entstand 1947 aus dem Rennstall von Enzo Ferrari). Außerdem profitiere die Serienproduktion von der Formel-1-Technik.

Riesige Pflanzen im Werk

Produziert wird in Maranello seit 1947. Aus kleinen Anfängen ist ein veritables Automobilwerk samt hochmodernem Windtunnel geworden. Die Grenzen des Wachstums sind allerdings erreicht. 1947 hatte Enzo Ferrari am Ortsrand seine Aktivitäten begonnen, heute ist das Werk komplett von der 17.000-Einwohner-Stadt umgeben. 3000 Menschen arbeiten in meist modernen (vom historischen Teil abgesehen) und klinisch sauberen Gebäuden.

Alle Ferrari - neben dem FF zurzeit die Modelle 458 Italia, 458 Spider, 458 Challenge, California und 599 GTB Fiorano - entstehen in der Endmontage von Hand. Nur die Frontscheiben setzt ein Roboter ein. Im Motorenwerk wird sogar rund um die Uhr gearbeitet, hier werden zusätzlich Triebwerke für die Schwestergesellschaft Maserati (rund 6000 jährlich) hergestellt. Ein wenig kurios: Solch riesige Flächen, die für Pflanzen reserviert sind, die bisweilen bis zur rund zehn Meter hohen Decke reichen, haben wir in noch keinem Automobilwerk gesehen. Die Pflanzen sollen im wahrsten Sinne des Wortes das Betriebsklima verbessern. Das freilich wird schon durch die guten Ergebnisse befördert. Für Ferrari als Unternehmen sieht es zurzeit mehr als rosig aus, man könnte sagen, Ferrari-Rot. Für Italien gilt das nicht. Aber Montezemolo weiß vielleicht eine Antwort. Nein, ganz sicher sogar.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Mit Mazda ein Romeo

Von Wolfgang Peters

Wenn sich zwei leidlich gesunde Automarken, ohne eine Hochzeit im Himmel zu zelebrieren, miteinander ins Bett legen, dann kommt ein Roadster dabei heraus. Alfa Romeo und Mazda haben genau diese Autoform im Sinn. Mehr