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Ski Rock around the Flock

14.12.2011 ·  Die Skiindustrie hat etwas Neues anzubieten: den Rocker. Klingt interessant. Aber Bretter, die aussehen wie beim Crash gestaucht - was soll das?

Von Walter Wille
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© Hersteller Die neue Skigattung in all ihrer Vielseitigkeit kommt auch deshalb zur rechten Zeit, weil es einen starken Trend zum „Offroad“-Fahren gibt: runter vom Gewalzten, ab in den unverspurten Hang, am liebsten mit tiefem Pulver, wofür die Ski nicht breit genug sein können.

Aus den Hauptquartieren von Atomic, Völkl, Head und Co. ist wenig Gebrüll des Jubels zu vernehmen. Die Absatzzahlen der Skiindustrie tendieren eher nach unten als nach oben. Es wird um einen kleiner werdenden Kuchen gekämpft, mit allen möglichen technischen Mitteln vom Chip im Heck des Skis bis zum Einsatz teurer Kohlefasern, Titanlegierungen und hochwertiger Hölzer als Kernmaterial. Und mit Rabatten. Eigenartigerweise treibt die Branche traditionell Selbstentwertung dadurch, dass der Ausverkauf im Handel schon um den Jahreswechsel einsetzt, wenn die Saison noch gar nicht richtig in Schwung gekommen ist. Schade ums Produkt, in das viel mehr Aufwand an Entwicklung, Feinabstimmung und Handarbeit in der Produktion gesteckt wird, als die Kunden ahnen.

Da tut es allen gut, dass es jetzt - rund 15 Jahre nach dem Aufkommen des taillierten Carvingski als Ablösung der störrischen Langlatte - endlich wieder ein Thema gibt, über das gesprochen wird. Etwas Spannendes, das Neugier weckt, den Wunsch nach einer Neuanschaffung aufkommen lassen und dem Markt frische Impulse geben kann: der Pistenrocker. Er geht in seine zweite Saison. Vor einem Jahr schien noch nicht jeder überzeugt, nun hat die Sache die gesamte Branche erfasst. Der Rockerski ist nicht die Ablösung des Carvingski. Die Rede ist vielmehr von einem speziellen Konstruktionsmerkmal eines Carvers. Hat der Carver seinerzeit den gedrifteten Schwung erheblich vereinfacht und zugleich die Möglichkeit eröffnet, Bögen unterschiedlichster Radien mit scharfer Präzision zu schneiden, so kommt mit der Rockertechnik sozusagen die Servolenkung für den Carver. Das Versprechen lautet: Schwungeinleitung und Umkanten einfacher, die Fahrt komfortabler, der Ski spielerischer, kraftsparender, vielseitiger.

© F.A.Z. Skimodelle und deren Eigenschaften im Überblick

Es ist nicht bloß Marketinggetöse der Hersteller. Die Rockerkonstruktion macht einen spürbaren Unterschied, wie wir bei Testfahrten mit rund 20 Modellen des Jahrgangs 2011/12 im Vergleich mit traditionell gebauten Carvern festgestellt haben. Gleichwohl: Die alte Regel, dass Vorteile auf der einen Seite normalerweise mit Nachteilen in anderer Hinsicht zu erkaufen sind, gilt auch hier. Für die meisten Skifahrer aber dürften die Vorteile des Rockers klar überwiegen.

Worum geht es eigentlich? Der Begriff "Rocker" steht für ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Hochbiegen der Skienden - entweder nur der Skispitze (Tip-Rocker) oder beider Enden (Tip&Tail-Rocker). Deren Mittelsektion hat weiterhin eine Vorspannung wie bei einem herkömmlichen Ski: Legt man das Brett auf den Tisch, berührt ihn die Mitte nicht. Je stärker die "Rockerung", desto weiter wandern die Kontaktpunkte von den Enden zur Mitte (siehe Zeichnung auf dieser Seite). Mit dem Full-Rocker gibt es einen dritten Typ, den man sich am besten wie eine Banane vorstellt: Bug und Heck hochgebogen, die Mitte auch in unbelastetem Zustand schon mit Bodenkontakt.

Ein ganz eigener Charakter

Grundsätzlich gilt: Rocker erleichtert auf der präparierten Piste das Einlenken und steigert in weichem Schnee den Auftrieb (hochstehende, aufschwimmende Schaufel); Vorspannung hingegen (auch Camber genannt) gewährleistet Grip und Kontrolle auf griffigem Untergrund. Die Entwickler können Länge und Höhe von Rocker und Vorspannung ganz unterschiedlich konfigurieren, die jeweiligen Effekte verstärken oder abschwächen und dem Ski somit einen ganz bestimmten Charakter mitgeben.

Ein herkömmlich über seine volle Länge vorgespannter Ski (Full Camber) bringt stets über die gesamte Skilänge Druck auf die Piste, das steigert Laufruhe und Präzision bei allerdings höherem Kraftaufwand und größerer Gefahr des Verkantens. Bei einem "gerockerten" Brett hat in Geradeausfahrt nur die Mittelsektion Kontakt zum Schnee, es ist wie bei einem Auto mit kurzem Radstand, das deswegen sehr agil ist; Andrehen und In-die-Kurve-Driften gelingen müheloser, denn weil die Schaufel (plus eventuell das Heck) etwas hochsteht, ist zunächst nicht deren Widerstand auf dem Untergrund zu überwinden.

Verbesserte Zielgenauigkeit

Klingt logisch. Logisch erscheint jedem Freund des gepflegten Tempos jedoch ebenso, dass die Dinger umso mehr flattern, je bananenartiger sie gebogen sind. Das lässt sich nicht leugnen, sagen die einen Hersteller. Stimmt nicht, behaupten andere. Unserer Erfahrung nach hängt es stark vom Modell ab. Hochwertige Rockerski mit dem Schwerpunkt Pisteneinsatz bleiben dank angepasster Steifigkeit selbst auf eisigem, rippigem Untergrund recht ruhig (ohne in dieser Hinsicht das Niveau konventioneller Racecarver zu erreichen). Extrem gerockerte, weiche, breite Bohlen für pulvrige Hänge dagegen sind im harten Steilhang so instabil, dass sie sich nur noch mühsam führen lassen.

Wenn die Spitze eines gemäßigten Allmountain-Modells - diese SUVs im Schnee werden immer beliebter - in Gleitfahrt auf dem Ziehweg ein wenig wippt, ist das kein Drama. Denn sobald man sich carvend in die Kurve legt, geschieht etwas außerordentlich Begrüßenswertes: Zunehmender Aufkantwinkel, zunehmende Geschwindigkeit führen dazu, dass der sich unter dem Druck biegende Rockerski über seine volle Kantenlänge mit dem Schnee verbeißt. Der "Radstand" wächst, Laufruhe und Zielgenauigkeit verbessern sich.

Es ist ein Balanceakt

Sind wir gerade dabei, Sie etwas zu verwirren? Gut, uns ging es zunächst nicht besser. Fahren wir fort: Wie ein Ski in den Schwung einzieht, bestimmt ganz wesentlich die Form der Schaufel. Der traditionelle (Camber-)Ski hat - weil Schaufel stets am Boden - einen ausgeprägten Drang zur Kurve, lenkt vergleichsweise giftig ein. Der Rocker reagiert indirekter, ist toleranter und verzeiht eher mal einen Kantenfehler, denn seine hochstehende Schaufel geht erst bei größerer Schräglage auf Zug.

Ist auch das Skiende hochgebogen, nimmt man nicht nur vorne, sondern auch hinten Druck heraus, das Gerät wird noch drehfreudiger - auf Kosten der Laufruhe, Stabilität und Dynamik. Es ist ein Balanceakt: Anfängern hilft der Tip-, nicht jedoch der Tip&Tail-Rocker, denn sie neigen zur Rücklage und brauchen Führung vom Heck. Für sportliche Pistenfahrer mit strammen Oberschenkeln, die sich ohnehin leichttun, mit den Fliehkräften spielen, ein straffes, aggressiv geschnittenes Heck gewohnt sind und sich am Ende des Schwungs gern vom "Rebound" des Bretts herauskatapultieren lassen, ist zu viel Rocker ebenfalls nichts.

Starker Trend zum „Offroad“-Fahren

Zu den Typen, die sich auf der Piste rasant bewegen lassen, zählen der Atomic Blackeye TI, Dynastar Outland 80 Pro, Fischer Motive 80, K2 Charger, Rossignol Experience 78, Salomon BBR. Das gilt selbst für den Völkl RTM 84, einen "Full- Rocker" von erstaunlicher Pistentauglichkeit, der zudem ungerührt über zusammengeschobene Haufen und Eisplatten bolzt, wenn im Lauf des Tages die Strecke immer schlechter wird. Solche Allmountain-Rocker wecken - dank stattlicher Taillenbreiten um 80 Millimeter - außerdem Lust auf Geländeausflüge, was ein wichtiger Punkt ist.

Die neue Skigattung in all ihrer Vielseitigkeit kommt nämlich auch deshalb zur rechten Zeit, weil es einen starken Trend zum "Offroad"-Fahren gibt: runter vom Gewalzten, ab in den unverspurten Hang, am liebsten mit tiefem Pulver, wofür die Ski nicht breit genug sein können. Bei der Rückkehr auf die Piste wiederum hilft die Rockerkonstruktion, auch mächtige, wegen ihre Breite träge Bretter mit erträglichem Aufwand in die Kurve zu legen.

Die Hälfte des Wegs zwischen beiden Welten

Sogar Spezial-Powderplanken für Freeskiflockenfans wie der Atomic Access, der an seiner schmalsten Stelle unter der Bindung 100 Millimeter breit ist, und selbst der 123 Millimeter breite Atomic Bent Chetler lassen sich von Könnern auf der Piste relativ entspannt auf Kurs halten. Bedeutend einfacher geht das mit den erwähnten Allmountain-Modellen mit einer Mittenbreite von knapp 80 bis gut 90 Millimeter. Sie markieren die Hälfte des Wegs zwischen beiden Welten, mit ihnen kommt man hier wie dort zurecht, ohne dass die besonderen Stärken der Spezialisten - Slalomcarver auf der einen, Tiefschneeski auf der anderen Seite - erwartet werden dürfen.

Schmale Ski deutlich unter 80 Millimeter Mittenbreite tauchen im Tiefschnee ab, mit dergleichen ist man im Wirkungsbereich der Pistenraupe am besten aufgehoben, wo sie ihre Wendigkeit ausspielen. Weil das Schwimmvermögen nicht nur mit der Breite, sondern auch mit der Länge zunimmt, gibt es ein weiteres Argument für den Rocker. Der kann nach Angaben der Hersteller bei gleichem Kraftaufwand zehn Zentimeter länger gefahren werden als ein herkömmlicher Carver.

Geradezu verwirrende Bandbreite

Die Bandbreite der Rockerski-Varianten ist weit, geradezu verwirrend, wie ein Blick auf Seite 6 dieses "Technik und Motor"-Teils zeigt, wo wir eine Auswahl von neuen Modellen vorstellen. "Wichtig ist, dass der Endverbraucher im Fachhandel zu den unterschiedlichen Rockerarten beraten wird und so auch der individuelle Nutzen deutlich wird", hebt Hilmar Bolle, Deutschland-Chef der Rossignol-Gruppe, hervor.

Die Industrie sieht im Rocker nicht bloß eine vorübergehende Mode. Der Anteil der Rockermodelle am Gesamtprogramm liegt bei Atomic nach den Worten von Thilo Dörr, Marketingleiter für Deutschland, bei 60 Prozent. "Zur nächsten Saison werden es 99,9 Prozent sein." Bei Völkl sind es 70, Tendenz steigend, bei K2 gibt es nichts anderes mehr. "Die Leute wollen weg von den Liften und außerhalb der Pisten fahren", weiß Christoph Bronder, Europa-Präsident des Konzerns Jarden Outdoor, zu dem die Marken Völkl und K2 gehören.

„Der klassische Ski bleibt im Markt“

"Das Material hilft Menschen beim Fahren im Gelände, für die das früher gar nicht in Betracht gekommen ist - durch größere Skibreiten und Rockerkonstruktion", erklärt Thomas Rakuscha, Marketingleiter bei Blizzard. Allerdings bleibe "der klassische Ski auf jedem Fall im Markt". Sein Kollege Michael Epple von Head Deutschland sieht das ähnlich: "Wer bei jeder Gelegenheit abseits der Piste in tieferem und weicherem Schnee unterwegs ist, hat Vorteile. Für reine Pistenfahrer sehen wir diese eher nicht. Es wird auch weiterhin Skifahrer mit sportlicher Fahrweise geben, die Wert auf eine optimale Schwungsteuerung und Laufruhe legen. Sie suchen den sportlicheren Ski."

Kerstin Garstenauer, PR-Managerin bei Fischer, ist überzeugt: "Racecarver werden in Europa immer ein wichtiges Thema sein. Bei performanceorientiertem Skilauf auf der Piste ist vom Rocker abzuraten." Salomon-Produktmanager Dirk Reinhardt meint, der Racecarver werde "im topsportlichen Segment" überleben. "Es wird auch in Zukunft eine Minorität geben, die ihn haben will. Alle anderen werden sich für den Rocker entscheiden. Man macht sich das Leben leichter. Man will ja auch kein Auto mehr ohne Servolenkung fahren."

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