05.08.2011 · Der Seat Alhambra ist bis zu 3000 Euro günstiger als der praktisch baugleiche VW Sharan. Beide Minivans werden im portugiesischen Palmela in einem Werk von Volkswagen gebaut, für uns ist der Seat sogar eine Spur schicker im Design.
Von Boris SchmidtMit Familienautos ist das so eine Sache. Platz sollen sie bieten, möglichst viel Platz. Doch mit der Größe des Fahrzeugs wächst automatisch der Preis. So kostet der neue VW Sharan, auf den der nicht mehr so gebräuchliche Terminus „Großraumlimousine“ bestens zutrifft, schnell mehr als 50.000 Euro.
Ohne Frage ist der neue VW Sharan ein gutes Auto mit einem riesigen Platzangebot für bis zu sieben Personen. Wer aber auf das dichte Volkswagen-Händlernetz verzichten kann, spart bis zu 3000 Euro, wenn er den praktisch baugleichen Seat Alhambra bestellt. Beide Minivans werden im portugiesischen Palmela in einem Werk von Volkswagen gebaut, für uns ist der Seat sogar eine Spur schicker im Design - was andere Frontscheinwerfer und Heckleuchten doch ausmachen.
Auf dem hohen Niveau des Sharan
Bis auf den großen Navigations-Monitor und Extras wie adaptives Fahrwerk oder schlüsselloser Zugang sind alle wichtigen Optionen (selbst Allrad) für den Alhambra ebenfalls zu bekommen: die elektrischen Schiebetüren, die elektrische Heckklappe, das große Glasschiebedach, das sich fast bis zur dritten Reihe hinzieht und auch geöffnet werden kann, die Rückfahrkamera, das Bi-Xenonlicht, das auch in die Kurve leuchtet, der Parklenk-Assistent oder die Lederausstattung.
Von der Wertigkeit im Innenraum ist der Seat auf dem hohen Niveau des Sharan, da gibt es keinen Unterschied, bis auf das jeweilige Lenkrad mit dem Markenlogo. Platz ist in Hülle und Fülle, was man von einem 4,85-Meter-Auto (plus 22 Zentimeter gegenüber den Vorgängermodellen) allerdings auch erwarten kann. Sieben Sitze sind gegen Aufpreis möglich, die beiden Stühle in der letzten Reihe lassen sich vollständig versenken, ob man dann nun 658 Liter Kofferraumvolumen hat oder 809 (wie im Fünfsitzer), scheint beinahe unerheblich. Allerdings schließt der Laderaum bei versenkten Sitzen bündig, das Ladegut muss nicht über eine 25 Zentimeter hohe Kante nach draußen gehoben werden. Das maximale Stauvolumen beträgt lieferwagenähnliche 2297 (2430) Liter.
„Arbeit“, die Spaß macht
Die Alhambra-Preise beginnen bei 27.950 Euro für das Modell Reference mit 1,4-Liter-TFSI (110 kW/150 PS). Der Basis-Sharan mit dem gleichen Triebwerk kostet 29.350 Euro. Weiter im Angebot sind ein 2,0-Liter-TSI-Motor (147 kW/200 PS) sowie ein 2,0-Liter-Turbodiesel in drei Leistungsvarianten: 85, 103 und 125 kW (115, 140 und 170 PS). Den stärksten Diesel haben wir unter die Lupe genommen, im Gegensatz zum VW Sharan aber dieses Mal nicht mit dem Sechsgang-DSG, sondern mit einer manuellen Sechsgang-Schaltung.
Mit 31.600 Euro (33.950 Euro als Style) ist dieser Alhambra das Topmodell, der entsprechende Sharan kostet als Comfortline 36.725 Euro. Für das DSG verlangt Seat 2000 Euro Aufpreis (VW 2100), es ist, so zumindest unsere Meinung, eigentlich verzichtbar. Wir gehören zu den Autofahrern, die gern selbst schalten, und dank einer leichtgängigen Kupplung und einer flüssig zu bearbeitenden Schaltkulisse ist das eine „Arbeit“, die Spaß macht.
Hohe passive Sicherheit
Fast alle Alhambra-Versionen tragen den Beinamen „Ecomotive“, sollen also besonders sparsam sein und haben unter anderem ein Stop-Start-System. Auch das funktionierte klaglos, hier zeigt sich ein Vorteil des manuellen Getriebes. Der Fahrer kann besser bestimmen, wann der Motor ausgehen soll. Beim kurzen Halt bleibt einfach der Fuß auf der Kupplung, und der Motor läuft weiter. Obwohl DSG den Verbrauch etwas nach oben treiben soll, hatten wir mit dem manuell geschalteten Seat mit 8,3 Liter Diesel auf 100 Kilometer einen um 0,1 Liter schlechteren Durchschnittsverbrauch. Mit dem VW Sharan waren wir öfters weite Strecken auf der Autobahn unterwegs.
Tatsächlich gibt es sonst keine Unterschiede zwischen den beiden. Auch der Alhambra ist nicht unsportlich zu bewegen, trotz der 1,8 Tonnen, die auf den Rädern lasten. Ein stattliches Drehmoment von 350 Newtonmeter sorgt in diesem Fall dafür. Er bewegt sich flink, die Servolenkung ist präzise, Einflüsse des Frontantriebs auf die Lenkung gibt es so gut wie keine. Für alle Übermütigen und die Notsituationen, die man nie erleben will, hat man in der Hinterhand noch ESP und selbstverständlich ABS. Sollte es doch einmal nicht reichen und zum Unfall kommen, schaffen etliche Airbags und eine steife Fahrgastzelle eine hohe passive Sicherheit.
Mindestens sechs Monate Wartezeit
Alhambra oder Sharan? Für Rechner kann die Wahl nur Alhambra lauten, 3000 Euro weniger für das gleiche Auto zu bezahlen ist einfach schick. Ins Kalkül ziehen sollte man indes den momentan als höher prognostizierten Wiederverkaufswert des Sharan.
VW verkaufte in Deutschland im ersten Halbjahr 2011 exakt 11.775 Sharan, während Seat nur auf 2461 Einheiten kam. Mehr als 1000 VW-Händler gegenüber 320 Seat-Betrieben haben eine andere Marktmacht, außerdem hat Seat im Gegensatz zu VW bislang nicht für seinen Minivan geworben. Gleichgültig, ob man bei VW oder Seat bestellt, auf beide muss man zurzeit mindestens sechs Monate warten, so ausgelastet ist das Werk in Portugal.