10.08.2010 · Ein Hausboot ohne Führerschein chartern: Seit zehn Jahren ist das auch in Deutschland möglich. Was hat das ausgelöst? Auf der Suche nach Antworten dieseln wir durch Mecklenburg. Auch als Anfänger lebt es sich hier prima.
Von Walter WilleBeim Anblick von „Mimi“ setzt schlagartig Entspannung ein. Das beigeblaue Stahlross mit dem hölzernen Aufbau, unser schwimmendes Zuhause für die kommende Woche, macht den Eindruck unzerstörbarer Gemütlichkeit. Eine Mischung aus Mississippi-Dampfer und Panzerkreuzer „Graf Spee“ mit der liebenswerten Ausstrahlung von Emma, der Lokomotive aus Lummerland.
Man staunt. Wie ihre Kolleginnen ist „Mimi“ auf recht hemdsärmelige Weise festgemacht: einfach nur rückwärts an die Spundwand gefahren und mit zwei Heckleinen festgebunden – fertig. Keine Muring, keine Vorleine, so dotzt sie nun mit dem Rammschutz ihrer rechteckigen Badeplattform sanft gegen die Wand, wenn ein manövrierendes Boot im Hafen Wellen verursacht. Manches wird hier anscheinend nicht so eng gesehen.
„Charterbescheinigung“ ohne Prüfung
Es ist Sonnabend, Übergabe- und Übernahmetag. Die Belegschaft von Kuhnle-Tours, des Charterunternehmens im Hafendorf Müritz von Rechlin, hat alle Hände voll zu tun. Männer in Blaumännern, Frauen in Blaumännern sortieren ihre Boote, checken, reinigen, bunkern Wasser und Diesel, leeren Fäkalientanks, erklären den frisch von der A 19 abgebogenen Crews die Handhabung eines Fahrzeugs ohne Bremse. „Mimi“ und ihre eisernen Schwestern vom Typ Kormoran zählen zu jenen Hausbooten, die auch an Kunden verchartert werden, die keinen Führerschein haben. Seit zehn Jahren ist das möglich, zur Stärkung des Bootstourismus in Deutschland gegenüber Ländern wie Frankreich, Irland oder den Niederlanden, wo das schon früher so war.
Es begann im Jahr 2000 mit einem zunächst von erheblicher Skepsis begleiteten Modellversuch. Nach gelungener Testphase ging daraus 2004 eine dauerhafte Regelung hervor: Auf einigen Wasserstraßen im Bundesgebiet mit wenig Berufsschifffahrt, darunter als großes zusammenhängendes Gebiet die Mecklenburgische Seenplatte, dürfen Charterboote bis 15 Meter Länge und 12 km/h Höchstgeschwindigkeit ohne Führerschein bewegt werden – mit einer „Charterbescheinigung“. Die erhält der Mietkapitän nach einer theoretischen und praktischen Einweisung durch den Charterbetrieb, die mindestens drei Stunden dauern soll. Es gibt eine Teilnahmepflicht, aber keine Prüfung, durch die man fallen könnte.
„Wo verstaut man die Fender, wenn man unterwegs ist?“
Die Frage, die von Anfang an im Raum stand: Sind die Vercharterer in der Lage, auch den Unbedarftesten unter ihren Kunden innerhalb von rund drei Stunden das Wesentliche in Sachen Verkehrsregeln, Navigation, Technik und Kurbeln am Steuerrad so nahezubringen, dass sie gut zurechtkommen? Und außerdem: Vertragen sich die Bootfahrer mit und ohne Führerschein? Wir werden’s erleben.
Ist man im Besitz des amtlichen Führerscheins und einigermaßen kundig, geht das mit der Einweisung rascher. Eine Viertelstunde, und wir sind durch. „Mimi“ ist von ganz und gar unkomplizierter Art und wirft kaum Fragen auf. Nur eine noch: „Wo verstaut man die Fender, wenn man unterwegs ist?“ Da schaut uns unser Blaumann entgeistert an, als hätte man soeben an der Frittenbude nach Stoffservietten verlangt. „Die kann man doch hängen lassen“, antwortet er und scheint zu denken: Jetzt komm aber mal runter, Typ, und werde locker.
Die Mecklenburgische Seenplatte ist überall schön
Es gilt unter Anhängern der gepflegten Seemannschaft als Sünde, die aufgeblasenen Wülste, die man in Häfen und Schleusen an die Bordwand hängt, ständig baumeln zu lassen. Ungefähr jeder Zweite tut das hier, vielleicht, weil es ein Gefühl der Sicherheit gibt, vielleicht aus Bequemlichkeit. Wir beschließen, die Dinger wenigstens auf die Seitendecks zu legen, und dieseln los.
Die Mecklenburgische Seenplatte („Tausend Seen und ein kleines Meer“) ist ein Paradies der Natur und des Wassersports. Diese Feststellung ist nicht originell, aber genau das, was einem immer wieder in den Sinn kommt, wenn man weite Wasserflächen, idyllische Nebenarme, schmale Kanäle bereist. Wir baden, besichtigen Ortschaften wie Röbel, Mirow, Malchow, legen bei Müritzfischern zum Essen an, stellen fest, dass es fast egal ist, welche Richtung man einschlägt, weil es überall schön ist. Wenn dann bei Sietow die rote Sonne im Meer versinkt, also in der Müritz, und man das Schauspiel vom Achterdeck des vor Anker dösenden Boots verfolgt, gibt es keinen Ort auf der Welt, an dem man in diesem Moment lieber wäre.
Auch als Dussel lebt es sich hier prima
Mit einem der typischen Mietboote ist man schon von weitem als Charterer zu erkennen und steht auch ohne baumelnde Fender im Verdacht, ein Greenhorn zu sein. Der Hafenmeister von Klink meint es nur gut, als er uns beim Anlegen mit Ratschlägen und Kommandos empfängt: vor, zurück, mehr Backbord, Leine hierher. Man möchte dem Besorgten zurufen: Alles im Griff, wir haben das schon oft gemacht, wir sehen nur so aus, als hätten wir keinen Führerschein! Aber wäre es nicht unhöflich, die Hilfe abzulehnen? Also lassen wir ihn gewähren und spielen den Dussel.
Auch als Dussel lebt es sich hier prima. Das Miteinander auf dem Wasser ist in dieser Region ein auffallend freundliches. Man grüßt vom großen zum kleinen, vom schnellen zum langsamen, vom gemieteten Boot zum Eigentum und umgekehrt. Wie überall gibt es Ausnahmen, Miesepetrige, die hochnäsig vor sich hindampfen, freundliches Winken ignorieren. Mit irgendwelchen Führerscheinbestimmungen hat das nichts zu tun.
Charterer ohne Führerschein verursachten weniger Unfälle
Zweifellos aber hat die Charterschein-Regelung einen erheblichen Beitrag zum Aufschwung des Wassersporttourismus geleistet. „Die Diskussion darüber vor zehn Jahren hat uns bekannter gemacht“, erzählt Andrea Nagel, die Geschäftsführerin des Tourismusverbands Mecklenburgische Seenplatte. „Da haben die Leute entdeckt, wie viel Wasser wir hier haben.“ Der Bootsurlauber an sich gilt als Gast, der zum Geldausgeben bereit ist, Essen und Shoppen geht und nach der Bootstour gern noch eine Woche dranhängt, zum Radfahren etwa. Die Zahl der Charterboote auf der Seenplatte schätzt Nagel auf 1200, die Liegeplatz-Kapazitäten seien mittlerweile ausgereizt.
Längst nicht jeder Verleiher nutze die Möglichkeiten der Führerscheinbefreiung, sagt Nagel und fügt Überraschendes hinzu: Charterer ohne Führerschein verursachten weniger Unfälle, weil sie vorsichtiger zu Werke gingen als „echte“ Skipper, die glaubten, sie seien die Profis, obwohl sie vielleicht seit Jahren nicht mehr am Steuer gestanden hätten. Erstaunlich auch, was uns die Wasserschutzpolizei mitteilt: Nur an rund fünf Prozent der Unfälle mit Sportbooten seien Charterskipper (mit und ohne Führerschein) beteiligt. Hartmut Richter, Sprecher der Direktion Mecklenburg-Vorpommern in Rostock, berichtet von 250 gemeldeten Unfällen im Jahr 2009 im Gebiet der Direktion (zwei Binnen- und fünf Küsteninspektionen). Lediglich in 14 davon seien Charterboote verwickelt gewesen. Der Kriminalhauptkommissar, selber Freizeitschipper, hat für die „äußerst erfreulichen“ Zahlen eine simple Erklärung: Yachtcharter sei nicht billig, schon aus Sorge um ihre hinterlegte Kaution verhielten sich die Kunden extrem vorsichtig. Es sind also nicht unbedingt blutige Anfänger, die im Hafen mit „Bootsbowling“, wie es die Einheimischen nennen, für Unterhaltung sorgen.
Im Stadthafen von Waren scheppert es angeblich öfter
Die vielen Leihyachten, die uns im Verlauf der Woche begegnen, werden überwiegend sehr behutsam bis souverän geführt. Gelegentlich sieht man Haarsträubendes, begleitet von allgemeinem Kopfschütteln. Den hektisch am Rad drehenden Familienvater etwa, der unter Beobachtung einer Meute von Zuschauern erst im dritten Anlauf mit Mühe die Schleuseneinfahrt trifft, die Crew, deren Schiff sich an der Schleusenwand verhakt, in Schieflage gerät und sich schließlich polternd selbst befreit. Dergleichen komme immer wieder mal vor, erzählt ein Schleusenwärter. Nach den Worten von Andrea Nagel kämpft der Tourismusverband darum, dass der Bund die Selbstbedienungsschleusen wenigstens in der Hauptsaison weiter mit Personal besetze, das Hilfe leisten und für geordnete Abläufe sorgen könne.
Wo es angeblich öfter mal scheppert, das ist der Stadthafen von Waren. Der ist beliebt, eng, voll, dort erleben wir Bizarres: Noch während wir ein – sauberes – Anlegemanöver rückwärts in eine enge Box fahren, fängt ein mit seinem Siebenmeterboot auf dem Nachbarplatz liegendes jüngeres Paar Streit an. Anstatt nach gutem Brauch die Festmacher entgegenzunehmen, fotografiert er uns eifrig mit seiner Digitalkamera, offenbar in der Annahme, auf einem Charterschiff könnten nur Stümper zugange sein, die gleich anecken werden, droht mit „Beweisfotos“ für die Polizei, falls etwas passiere. „Pass ja auf!“, keift derweil seine Begleiterin, fuchtelt mit einem Bootshaken herum und scheint entschlossen, unseren Siebzehntonner mit ihrer albernen Stange wegzustoßen. Wir legen ruhig an und sind irritiert. Haben die einen Sonnenstich? Oder haben sie schlechte Erfahrungen gemacht?
Alternative zu Frankreich, Holland oder Irland
Mit Umsicht und dosiertem Einsatz des Bugstrahlruders schiebt sich ein Schwergewicht wie „Mimi“ zentimetergenau in eine Lücke. Das kann man lernen, mit Führerschein und auch ohne. Die Einführung des Charterscheins vor zehn Jahren, dieser außergewöhnliche Fall von Deregulierung, kommt einem im Rückblick fast wie ein Wunder vor. Die Folge war „ein kleines Wirtschaftswunder“, wie es bei Kuhnle heißt, „ein Boom“, wie es Andrea Nagel formuliert. Der Einstieg in den Wassersport, das unverbindliche Ausprobieren wurden erleichtert, mit einem Mal gab es hierzulande eine Alternative zu Frankreich, Holland oder Irland.
Natürlich wurden einst viele Bedenken gegen das führerscheinfreie Chartern angeführt. Kritiker sahen ein munteres Schiffeversenken kommen. Wer Kurse belegt, sich die Mühe des Paukens gemacht und einer Prüfung für den amtlichen Schein ausgesetzt hat, mag sich veralbert vorkommen, wenn plötzlich lauter Quereinsteiger herumtouren dürfen. „Die Fahrschulen haben als Erste gemerkt, dass das eine gute Sache ist“, sagt Nagel, „sie bekamen Zulauf von Charterkunden, die auf den Geschmack gekommen waren.“ Inzwischen gebe es überhaupt keine Diskussion mehr. „Das Thema hat sich erledigt.“
„Wir kassieren nicht für jeden Kratzer ab“
Unternehmer Harald Kuhnle sieht’s genauso: „Die Gegner haben keine Argumente mehr.“ Seine ehemals in Stuttgart, heute in Rechlin beheimatete Gesellschaft Kuhnle-Tours, nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland, unterhält im In- und Ausland eine Flotte von 130 Booten. Im Gebiet der Seenplatte seien rund 40 Prozent seiner Kunden mit Charterbescheinigung unterwegs. Dabei handele es sich allerdings nicht durchweg um Ungeübte, vielmehr seien zum Beispiel auch Norddeutsche darunter, die im Besitz des Sportbootführerscheins für Küstengewässer seien, oder Booturlauber, die bisher im Ausland gebucht hätten.
Kuhnle behauptet: In den vergangenen zehn Jahren sei nicht ein einziger Unfall mit Verletzten verzeichnet worden. Was die Sachschäden betreffe, gebe es keinen Unterschied zwischen Charterschein-Skippern und denen mit Sportbootführerschein, das bestätigten im Übrigen die Versicherungen. Ein Großteil der Schäden liege unter 100 Euro. „Und wir kassieren nicht für jeden Kratzer ab.“ Eine Aussage, die die Entspannung noch weiter steigert.
Kormoran - Das Boot zum Revier
Als Harald Kuhnle, Charterunternehmer aus Stuttgart, Anfang der neunziger Jahre begann, seinen Betrieb im wasserreichen Osten des Landes zu verankern, gab er dafür beim Designer Peter Sonntag einen neuen Typ Boot, einen Stahlverdränger mit speziellen Anforderungen, in Auftrag. Robust, wartungsfreundlich, einfach in der Handhabung sollte er sein, Innen- und Außensteuerstand haben, gleichwertige Kabinen mit jeweils eigener, großer Nasszelle, eine insgesamt pflegeleichte Innenausstattung, narrensichere Technik, kurzum: das maßgeschneiderte Hausboot für den rauhen Charterbetrieb.
Die Kormorane wurden anfangs in Holland gebaut, später in Stettin. Seit einigen Jahren entstehen sie komplett am Unternehmenssitz in Rechlin an der Müritz. Es gibt sie zur Zeit in vier Größen von 9 bis 15 Meter, auch in Eignervarianten.
Senkrechter Steven, kantige Statur - das wirkt im Zusammenspiel mit der Form der Fenster und dem hölzernen Deckshaus klassisch, auf jeden Fall eigenständig (Spitzname „Bügeleisen“), gewährleistet aber vor allem maximales Volumen und somit ein stolzes Platzangebot für die Besatzung. Wasserhähne, Schränke, Bettengrößen, Türbreiten, Stehhöhen, Kühlschränke wie daheim, riesige Wasser- und Abwassertanks, jederzeit fließend heißes und kaltes Wasser außen wie innen - eine Kormoran ist ein Haus-Boot im Wortsinn. Alles wirkt großzügig dimensioniert. Der Schiffsdiesel treibt Propeller und Bugstrahler über ein Hydrauliksystem an. Bei Elektrik, Heizkörpern, Pumpen und dergleichen vertraut Kuhnle auf Industriestandard statt Yachtausrüstung: „Kostet weniger und hält länger.“
Wir waren mit einer gecharterten Kormoran 1140 für vier bis sechs Personen unterwegs. Die Wochenpreise für das 11-Meter-Boot reichen je nach Saison von 1560 bis 2790 Euro. Die Kormoran war vorbildlich ausgestattet, einschließlich Unterlagen zu Revier und Boot. Weiteres unter www.kuhnle-tours.de.
Zum Urlaubsgebiet findet man Näheres unter www.mecklenburgische-seenplatte.de und www.das-blaue-paradies.de. Informationen zur Charterbescheinigung, Übersicht über Bundeswasserstraßen, die mit einer Charterbescheinigung befahren werden dürfen: www.elwis.de.