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Schippern ohne Führerschein Zehn Jahre blaues Wunder

Ein Hausboot ohne Führerschein chartern: Seit zehn Jahren ist das auch in Deutschland möglich. Was hat das ausgelöst? Auf der Suche nach Antworten dieseln wir durch Mecklenburg. Auch als Anfänger lebt es sich hier prima.

© Wille Vergrößern Karibik? Nein, Mecklenburg: Die Kormoran 1140 ankert auf der Müritz

Beim Anblick von „Mimi“ setzt schlagartig Entspannung ein. Das beigeblaue Stahlross mit dem hölzernen Aufbau, unser schwimmendes Zuhause für die kommende Woche, macht den Eindruck unzerstörbarer Gemütlichkeit. Eine Mischung aus Mississippi-Dampfer und Panzerkreuzer „Graf Spee“ mit der liebenswerten Ausstrahlung von Emma, der Lokomotive aus Lummerland.

Man staunt. Wie ihre Kolleginnen ist „Mimi“ auf recht hemdsärmelige Weise festgemacht: einfach nur rückwärts an die Spundwand gefahren und mit zwei Heckleinen festgebunden – fertig. Keine Muring, keine Vorleine, so dotzt sie nun mit dem Rammschutz ihrer rechteckigen Badeplattform sanft gegen die Wand, wenn ein manövrierendes Boot im Hafen Wellen verursacht. Manches wird hier anscheinend nicht so eng gesehen.

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„Charterbescheinigung“ ohne Prüfung

Es ist Sonnabend, Übergabe- und Übernahmetag. Die Belegschaft von Kuhnle-Tours, des Charterunternehmens im Hafendorf Müritz von Rechlin, hat alle Hände voll zu tun. Männer in Blaumännern, Frauen in Blaumännern sortieren ihre Boote, checken, reinigen, bunkern Wasser und Diesel, leeren Fäkalientanks, erklären den frisch von der A 19 abgebogenen Crews die Handhabung eines Fahrzeugs ohne Bremse. „Mimi“ und ihre eisernen Schwestern vom Typ Kormoran zählen zu jenen Hausbooten, die auch an Kunden verchartert werden, die keinen Führerschein haben. Seit zehn Jahren ist das möglich, zur Stärkung des Bootstourismus in Deutschland gegenüber Ländern wie Frankreich, Irland oder den Niederlanden, wo das schon früher so war.

Zehn Jahre blaues Wunder Seenplatte © Wille Vergrößern „Tausend Seen und ein kleines Meer”: Die Mecklenburgische Seenplatte ist ein Paradies der Natur und des Wassersports

Es begann im Jahr 2000 mit einem zunächst von erheblicher Skepsis begleiteten Modellversuch. Nach gelungener Testphase ging daraus 2004 eine dauerhafte Regelung hervor: Auf einigen Wasserstraßen im Bundesgebiet mit wenig Berufsschifffahrt, darunter als großes zusammenhängendes Gebiet die Mecklenburgische Seenplatte, dürfen Charterboote bis 15 Meter Länge und 12 km/h Höchstgeschwindigkeit ohne Führerschein bewegt werden – mit einer „Charterbescheinigung“. Die erhält der Mietkapitän nach einer theoretischen und praktischen Einweisung durch den Charterbetrieb, die mindestens drei Stunden dauern soll. Es gibt eine Teilnahmepflicht, aber keine Prüfung, durch die man fallen könnte.

„Wo verstaut man die Fender, wenn man unterwegs ist?“

Die Frage, die von Anfang an im Raum stand: Sind die Vercharterer in der Lage, auch den Unbedarftesten unter ihren Kunden innerhalb von rund drei Stunden das Wesentliche in Sachen Verkehrsregeln, Navigation, Technik und Kurbeln am Steuerrad so nahezubringen, dass sie gut zurechtkommen? Und außerdem: Vertragen sich die Bootfahrer mit und ohne Führerschein? Wir werden’s erleben.

Ist man im Besitz des amtlichen Führerscheins und einigermaßen kundig, geht das mit der Einweisung rascher. Eine Viertelstunde, und wir sind durch. „Mimi“ ist von ganz und gar unkomplizierter Art und wirft kaum Fragen auf. Nur eine noch: „Wo verstaut man die Fender, wenn man unterwegs ist?“ Da schaut uns unser Blaumann entgeistert an, als hätte man soeben an der Frittenbude nach Stoffservietten verlangt. „Die kann man doch hängen lassen“, antwortet er und scheint zu denken: Jetzt komm aber mal runter, Typ, und werde locker.

Die Mecklenburgische Seenplatte ist überall schön

Es gilt unter Anhängern der gepflegten Seemannschaft als Sünde, die aufgeblasenen Wülste, die man in Häfen und Schleusen an die Bordwand hängt, ständig baumeln zu lassen. Ungefähr jeder Zweite tut das hier, vielleicht, weil es ein Gefühl der Sicherheit gibt, vielleicht aus Bequemlichkeit. Wir beschließen, die Dinger wenigstens auf die Seitendecks zu legen, und dieseln los.

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