Stil ist ein richtiges Weglassen des Unwesentlichen. Dieser Satz könnte sehr passend auf einer der Internet-Seiten von Schindelhauer Bikes stehen. Aber das tut er nicht. Das wahre Wort stammt vielmehr aus „Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach“. Stattdessen heißt es auf einer Internet-Seite der Magdeburger c2g-engineering GmbH, die hinter der Marke steht, der Jörg Schindelhauer seinen Namen gab, juristisch ein wenig holprig: „Es wird darauf hingewiesen, dass die von Schindelhauer Bikes ausgelieferten Fahrräder nicht der Verkehrsordnung der Straßenverkehrsordung entsprechen.“ Ja, das Weglassen von weniger Wesentlichem bringt einen leicht in Konflikt mit der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (StVZO) und beispielsweise ihren Vorschriften hinsichtlich der Beleuchtung. Doch gemach: Schindelhauer liefert auf Wunsch auch StVZO-konform. „Ohne Schutzblech, ohne Klingel, ohne Licht“ - Sünden, denen sich auch andere und viel größere Anbieter mit einem Rahmenaufkleber schuldig zu bekennen haben - sind die Räder aber einfach eleganter.
Eleganz, ja, man steht nicht an, von technischer Schönheit zu reden: Das ist eine Seite dieser Räder, die ihren allerersten Anfang in einer vierrädrigen und finanziell auf der Strecke gebliebenen Studie von Magdeburger Maschinenbauern und Designern hatten. Das Design der Schindelhauer Bikes ist so geradlinig wie das Fahrrad-Piktogramm auf einem Verkehrsschild. Trotz der kräftig dimensionierten, dreifach konifizierten Aero-Rohre aus Aluminium 7005 mit innenliegenden Kanälen für die Züge wirken die Räder optisch besonders leicht - und sind es auch.
Der Tourer Ludwig 8 (preislich bei rund 1500 Euro mit Shimano Alfine 8-Gang-Nabe beginnend und bis 2900 Euro als Ludwig 14 mit Rohloff Speedhub 500/14 reichend) bleibt in Höhe 53 Zentimeter unter der gesetzlichen Rennrad-Marke von 11 Kilogramm. Die WIG-geschweißten Rahmen mit den geglätteten Nähten gefallen offensichtlich: Zwei Tage lang mit einem Ludwig 11 (rund 1900 Euro mit Alfine 11-Gang-Nabe) und dem Singlespeed-Modell Siegfried unterwegs hätten wir ohne besondere Überredung drei Stück verkaufen können. Die Räder sind in gebürstetem Silberglanz oder pulverbeschichtet in RAL-Farben zu haben. Außer dem Tourer existieren ein etwas gedrängterer Diamantrahmen für die Ein-Gang-Modelle (Flipflop: starr und mit Freilauf) sowie ein Damen-Rahmen.
So leise, dass jedes Knacken der Shimano Alfine rasend macht
Technisch ist an den Rädern der Antrieb am interessantesten: Hier arbeitet keine Kette, sondern der schwarz-blaue Zahnriemen von Gates mit dem Kohlefaser-Innenleben. Ganz offen gesagt: Diesem Riemen, speziell seiner Tauglichkeit im Alltag, wo es ja häufig dümmer kommt, als man denken möchte, trauen wir - immer noch - nicht so recht über den Weg. Die Begegnung mit den Schindelhauer Bikes und ihren vom Karbonriemen völlig überzeugten Machern war insofern im wörtlichen Sinne eine vertrauensbildende Maßnahme.
Keine Frage: Formal passt keine denkbare Kette so gut wie der von vielen hochgejubelte Riemen in diese puristischen Räder. Er ist leicht und absolut leise. Er läuft, weil ungeölt, nackt und sauber am Hosenbein vorbei. Er gibt dem Antritt gerade auf der noch etwas sportiveren Rahmen-Geometrie des Schindelhauer Siegfried eine kraftvolle Geschmeidigkeit, die ihresgleichen sucht. Und noch einmal, weil man es gar nicht oft genug betonen kann: Er ist so leise, dass jedes Knacken der Shimano Alfine einen rasend machen kann, so leise, dass vor einem her bummelnde Radfahrer überhaupt nichts hören, wenn Schindelhauers Siegfried à tempo von hinten aufläuft.
Eine Sicherheitsrolle, die den Riemen nicht berührt
Die Verwendung des Gates-Riemens setzt zum einen teilbaren Hinterbau voraus: Der Riemen läuft von außerhalb kommend ins Innere des Rahmensdreiecks, das Sattelrohr sowie obere und untere Hinterbaustrebe bilden. Die Schindelhauer-Rahmen kommen dieser Anforderung durch ein Ausfallende nach, das sich öffnen lässt. Zum anderen setzt der Antrieb den exakten Einbau des Riemens in seitlicher Ausrichtung und Spannung voraus. Prinzipiell ist das auch bei einer Kette so, die einzuhaltenden Toleranzen sind jedoch beim Zahnriemen geringer. In Magdeburg haben wir beim Zugucken während eines Radwechsels den Eindruck gewonnen, dass es hierbei sehr auf Gewusst-wie ankommt.
Die mechanische Voraussetzung für das exakte Vorspannen des Riemens - nach Gefühl und Erfahrung - ist beim Singlespeed Siegfried (das uns noch besser als Ludwig, der Tourer, gefiel, weil Fahrcharakteristik und Erscheinung noch mehr harmonieren) das offen zutage liegende gezahnte Ausfallende „Crocodile“: Durch Zahnscheiben auf der Spannachse arbeitet sich diese, solange man sie dreht, durch die Edelstahl-Zahnreihe des Ausfallendes nach hinten, um dann in der richtigen Position mit einem zweiten Schlüssel fixiert zu werden. Am Ludwig mit der Schaltnabe liegt das teilbare Ausfallende verdeckt: Unter einer aufgeschraubten Abdeckung stellt ein wellenförmiges Zwischenteil mit Formschluss und zusätzlich verschraubt die Verbindung zwischen den Hinterbaustreben her - und nichts ist zu sehen. Eine Sicherheitsrolle, die den Riemen nicht berührt, hindert ihn aber doch daran, über die Zähne des Ritzels hinweg zu klettern - was ohne die Rolle bei hohen Zugkräften vielleicht möglich wäre.
22.000 Kilometer Lebenserwartung
Bei beiden Rädern hat der Riemenantrieb während der Touren zur völligen Zufriedenheit funktioniert. Kunststück: Schindelhauer geht von etwa 22.000 Kilometer als Lebenserwartung des Riemens aus. Kritiker argwöhnen, starke Querbelastungen könnten dem Gates-Riemen zunächst unsichtbar bleibende, dann aber um so fatalere Schäden an den Kohlefasern zufügen. Jörg Schindelhauer und seine Kollegen, die ihre eigenen Testfahrer sind, halten solche Besorgnisse für übertrieben. Unsere Vorbehalte, was unbeabsichtigte Schädigungen und die Benutzung von Feld- und Waldwegen auch bei weniger schönen Wetterverhältnissen angeht, wollen wir gern durch weitere Erfahrungen überprüfen.
Vom Antrieb und den eigenen Naben (beim Siegfried hinten in Über- und nicht in Bahnradbreite) abgesehen, tendiert die Ausstattung der Räder in eher konservative Geschmacksrichtung: ein Kernledersattel von Brooks, dessen Stütze formschön und bombenfest fixiert wird, Ledergriffe, schlichte, aber effektive Seitenzugbremsen von Tektro. Dass die Schindelhauer Bikes Straßen- und Stadträder sind, die den designorientierten Genussradler ansprechen, ist keine Frage. Er (oder sie) sollte jedoch auch ein bisschen sportlich sein, und gelegentlich mal richtig reintreten. Fürs bloße Flanieren sind die Rahmen vor allem auf der Hinterhand etwas zu steif, was sie jedoch für den Riemen sein müssen. Und gerade, wenn das Bike einen mal wieder richtig durchschüttelt auf Kopfsteinpflaster, entschädigt der Riemen voll und ganz: durch absolut keinen Mucks.
