18.05.2007 · Scheibenwischer sind eine unverzichtbare Alltagstechnik. Ohne sie würden wir manchmal ganz schön dumm schauen. Ihre komplizierte Technik wird aber oft unterschätzt. Hinter dem simplen Hin und Her versteckt sich Hightech.
Von Manfred LindingerSechs Wochen lang hatten sie nichts zu tun. Sonnenschein, kein Wölkchen am Himmel, geschweige denn eine Wolke, die uns sichtbehinderndes Nass auf die Windschutzscheibe hätte schütten können. Erst seit Anfang vergangener Woche zeigt der Frühling wieder sein für unsere Breiten übliches feuchtes Gesicht, und den Motoristen begleitet wieder jenes vertraute, von schlurfenden Geräuschen begleitete Surren.
Ihr harmloses Hin und Her ist nicht der einzige Grund, warum wir die Scheibenwischertechnik gewöhnlich unterschätzen. Mechanik hat im Zeitalter von Nano und Neuro generell ein Imageproblem. Dabei sind Scheibenwischer heute ausgesprochenes Hightech. Denn ihre Gummikanten müssen Schwerstarbeit leisten, wenn das Wischblatt bei Tempo 160 gleichmäßig in einem Winkel von etwa 45 Grad über die Scheibe zieht und bei jedem Richtungswechsel umklappt. Das macht keine Plaste und kein Elast ewig mit. Aber ein moderner Scheibenwischergummi immerhin schon eine ganze Weile
Hebel und Seilzugmechanismus
„Im Labor bewältigt ein Scheibenwischer etwa 1,5 Millionen Wischzyklen“, sagt Stephan Kraus von der Firma Bosch, seit jeher der Marktführer auf diesem Gebiet. Doch in der Praxis, wenn der Wischer den harschen Umweltbedingungen ausgesetzt ist, sind es wohl eher nur 500000 Zyklen. Da muss das Blatt Eis und Schnee oder Sand und Insekten von der Scheibe wischen und dabei auch noch perfekt der aerodynamisch geformten Frontscheibe folgen können.
Da hatte der erste Scheibenwischerkonstrukteur es noch wesentlich einfacher. Wer das war, ist allerdings nicht ganz leicht auszumachen. Schließlich hat der Scheibenwischer gleich mehrere Väter - und zumindest eine Mutter: „Allen, die es betreffen könnte, wird bekanntgegeben, dass ich, Mary Anderson, Bürgerin der Vereinigten Staaten, wohnhaft in Birmingham im Staate Alabama, eine neue und nützliche Verbesserung von Fensterreinigungsanlagen erfunden habe.“ Mit diesen Worten beginnt eine Patentschrift mit der Nummer US743801 vom 10. November 1903. Die darin beschriebene Vorrichtung, die man als den Vorfahren des automatischen Scheibenwischers bezeichnen könnte, bestand aus einem nahe dem Lenkrad angebrachten Hebel, mit dem der Fahrer über einen Seilzugmechanismus einen gefederten Schwingarm mit einem Gummiblatt auf der Außenseite der Windschutzscheibe in Bewegung versetzen konnte (siehe Zeichnung). Die Anlage war schon damals zur Beseitigung von Schnee, Regen oder Graupeln gedacht und konnte jederzeit abmontiert werden, damit sie „bei schönem Wetter nicht das gewohnte Aussehen des Automobils verderbe“. Allerdings ließ sich mit der Vorrichtung nur ein Teil der Scheibe reinigen.
Erstes elektrisches System 1926
Wir wissen nicht, ob Heinrich Prinz von Preußen Kenntnis von diesem Patent hatte. Jedenfalls entwickelte auch der automobilbegeisterte Bruder Kaiser Wilhelms II. einen eigenen handbetriebenen Scheibenwischer für die vordere Windschutzscheibe seines Opel. Das Gerät, das der Prinz selbst als „Abstreichlineal“ bezeichnete, meldete er 1905 in Deutschland zum Patent an, welches ihm auch am 24. März 1908 unter der Nummer DRP204343 erteilt wurde.
Ein großer Erfolg war der Scheibenreiniger Seiner Durchlaucht freilich nicht. Während in Amerika von 1916 an alle Neuwagen serienmäßig mit Scheibenwischer ausgestattet wurden, setzte er sich in Deutschland nur zögerlich durch. Das änderte sich erst, als die Firma Bosch im September 1926 ein elektrisch angetriebenes System auf den Markt brachte, das erstmals mit konstanter Wischgeschwindigkeit arbeitete. Es ersetzte die bis dahin verbreiteten pneumatisch angetriebenen Wischer, die mit zunehmender Fahrtgeschwindigkeit immer langsamer arbeiteten.
Hundertstelmillimeter breite Wischlippe
Doch angesichts immer schnellerer und immer windschnittigerer Automobile konnte die Entwicklung nicht stehenbleiben. Der Schlüssel zur sauberen Scheibe ist heute vor allem in der Qualität des Wischgummis zu suchen. Über viele Jahrzehnte hinweg wurde er aus dem Saft des Kautschukbaums angefertigt. Durch Vulkanisieren lässt sich daraus ein reißfester Gummi herstellen, der auch bei tiefen Temperaturen elastisch bleibt. Vor gut zwanzig Jahren wurde der Naturkautschuk dann endgültig von Kunstgummi abgelöst. Denn bei synthetischen Elastomeren lassen Materialeigenschaften wie Härte und Elastizität sich schon während der Herstellung nach Maß schneidern.
Moderne Wischgummis sind Präzisionsinstrumente. Sie bestehen aus einer besonders harten und abriebfesten Wischlippe, die in einen weichen Wischrücken übergeht. Letztere sorgt unter anderem dafür, dass das Wischblatt auch bei extremen Temperaturen weder quietscht noch rubbelt. Die Wischlippe besteht aus einer nur Hundertstelmillimeter breiten Doppelkante. Dieses Profil stellt hohe Anforderungen an die Homogenität der Wischkante. Schlecht verteilte Füllstoffe, Verunreinigungen oder gar eingeschlossene kleine Luftbläschen beeinträchtigen die Funktion erheblich.
Undankbare Autofahrer
1999 erlebte die Evolution des Wischblattes dann mit dem ersten gelenkfreien Wischer einen großen Schub. Statt aus einem Bügelsystem - bei dem der Wischgummi mit Krallen befestigt ist - besteht der „Aerotwin“ genannte Wischer der Firma Bosch aus einem einteiligen Gummiprofil mit integriertem Spoiler. Zwei speziell auf die Form der Scheibe abgestimmte Federschienen verteilen die Andruckkraft gleichmäßig. Das mindert den Verschleiß der Wischlippe und macht das Wischen gleichmäßiger.
„Verglichen mit herkömmlichen Wischblättern ist der Aerotwin nur noch halb so hoch“, schwärmt Stephan Kraus. Der flache Aufbau verbessert die Aerodynamik und verringert die Windgeräusche deutlich. Und auch auf der Antriebsseite hat sich mittlerweile einiges getan. Die Drehrichtung der Wischer wird jetzt elektronisch gesteuert, was vorher durch Mechanik geschah. Außerdem reduziert die Elektronik vor jedem Richtungswechsel des Wischblatts die Motordrehzahl. Das führt zu einem noch leiseren Lauf und verringert den Verschleiß weiter.
Das alles sollte den Autofahrer eigentlich freuen. Aber undankbar, wie er ist, sieht er meist buchstäblich über seinen Scheibenwischer hinweg. Denn mal ehrlich: Wer nimmt ihn schon bewusst wahr, es sei denn, er ist verdreckt oder funktioniert nicht mehr richtig und hinterlässt hässliche Schlieren? Ob das treue Stück heute wieder Pause hat, können wir Ihnen leider nicht sagen. Die Meteorologen sprechen von örtlichen Schauern und vereinzelten Gewittern.