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Rolls-Royce E-Phantom Kathedrale mit Kabelanschluss

Die Frage nach dem Motor im Rolls-Royce stellt sich nicht. Stop! Sie stellte sich nicht. Denn jetzt testen die Briten im Phantom, ob ein Elektro-Antrieb den V12 ersetzen könnte.

© Hersteller Vergrößern Äußerlich ist das elektrische Phantom kaum vom Benziner zu unterscheiden. Rolls-Royce bietet 45.000 Farben, aber diesen in 16 Schichten aufgetragenen Lack gibt es nur für den unter Strom gesetzten Versuchsträger

Die Gleichung ist simpel: Rolls-Royce = 12 Zylinder. Kein Mensch braucht einen anderen Antrieb, oder vielmehr, kein Kunde will einen anderen. Was soll ein Motor mehr können als der 6,75 Liter V12? Er ist so leise, dass ihn Passanten kaum und die Insassen fast gar nicht hören. Er hat genug Kraft für jede Lage, ist ein gesellschaftliches Statement, und der Verbrauch spielt keine Rolle. Wer Rolls-Royce fährt, hat 10 bis 15 Autos in der Garage, da gelten andere Maßstäbe. Bliebe das Umweltgewissen. Doch wer einmal mit seinem Privatjet von London an die Cote d'Azur fliegt oder auf den Golfplatz mit dem Helikopter einschwebt, der produziert mehr vermeintlich schädliches Klimagas, als der Rolls-Royce jemals ausstoßen wird. Trotzdem haben die Mannen aus Goodwood ihrem Phantom nun einen Elektromotor eingebaut. Der hat nur 200 Kilometer Reichweite, braucht 8 bis 20 Stunden zum Aufladen und ist mit 160 km/h Spitze eine eher lahme Ente. Warum also?

Vor einem Jahr saß die Führungsmannschaft zusammen und kam zu dem Schluss: Es wird der Tag kommen, an dem der 12-Zylinder-Benziner stirbt. Er mag fern sein, dieser schreckliche Tag, doch er wird kommen. Politikern könnte einfallen, solch große Motoren zu verbieten oder aus den Innenstädten zu verbannen, auch wenn jedes Jahr gerade mal knapp 3000 Luxusmobile aus den Werkshallen in England rollen. „Wir wissen nicht, was unsere Kunden akzeptieren werden. Deshalb beginnen wir mit dem 102 EX getauften Versuchsträger, alternative Antriebe auf ihre Eignung für unsere Automobile zu testen“, sagt Unternehmenssprecher Frank Tiemann.

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Doch welcher kommt in Frage? Ein Diesel jedenfalls nicht, da ist die Antwort der Kundschaft eindeutig: Null Interesse, Rolls-Royce und Diesel passen nicht zusammen. Hybrid mit krächzendem Hilfsmotor als Reichweitenverlängerer? Grausame Vorstellung. 8-Zylinder mit Doppelturbo? Gähn, ist nicht exklusiv. Elektroantrieb? Das könnte gehen. Vielleicht fände sogar der Besitzer der Peninsula-Hotelkette, der 21 Phantome für seine Gäste bereithält, daran Gefallen. Jetzt sollen Antworten her. Das Verschicken von E-Mails an die betuchte Kundschaft mit angehängtem Fragebogen erschien als kaum probates Mittel. Also geht Rolls-Royce mit dem Elektroauto ein Jahr lang auf Welttournee. In Clubs und feinen Hotels wird das Fahrzeug ausgewählten Kunden vorgestellt.

Rolls3 © Hersteller Vergrößern Steckdose: Er lädt auch induktiv

Die E-Version wiegt nur 170 Kilo mehr

Sie werden sich fragen: Läuft der Motor? Es ist nichts zu hören, doch einige Kontrolllampen deuten auf Fahrbereitschaft hin. Wir ziehen am Lenkstockhebel und gehen auf „D“. Mit leichtem Gasfuß geben wir das Signal zur Abfahrt, und das 2,7 Tonnen schwere Luxusappartement setzt sich sanft in Bewegung. Gespenstisch leise nehmen wir Fahrt auf. Schließlich fassen wir Mut und geben entschlossener Gas. Verzeihung, hier liegt die Krux: Nicht Gas geben wir, sondern Strom. Um den Vortrieb bemühen sich zwei Elektromotoren. Sie wohnen dort, wo üblicherweise der Benzintank ruht, und treiben die Hinterachse mit zusammen 290 kW (394 PS) an.

In diesem E-Phantom arbeiten alle Verbraucher mit Strom: die Klimaanlage, die Lenkung, die Bremskraftunterstützung und natürlich die Hundertschaft kleiner Helfer, die sich um die Sitzposition, das Ambientelicht und die Kühlung des Champagners mühen. Entsprechend groß ist der Energiebedarf. Sicher stellen ihn drei Lithium-Ionen-Batterieblöcke mit zusammen 96 Zellen. Sie speichern 71 kWh Energie, die zu erzeugen ein sportlicher Mensch 710 Stunden auf dem Heimtrainer strampeln müsste. Sie bringen aber auch 640 Kilo auf die Waage. Fahrdynamisch spürt man das hohe Gewicht nicht. Denn im Vergleich zum Phantom mit Wärmekraftmaschine wiegt die E-Version nur 170 Kilo mehr. So bewegen wir den E-Phantom kaum anders über britische Straßen als einen konventionell angetriebenen Phantom. Ohne Drama im fließenden Überlandverkehr und würdevoll durch die Kleinstädte des englischen Südwesten.

In weniger als 8 Sekunden geht es auf 100 km/h

Doch wenn der Gasfuß fällt, setzt ein Charakterwandel ein: Dann schleicht sich ein leises Wimmern aus dem Antriebsstrang durch die hochflorigen Lammfellmatten im Fußraum, wie wir es von einer beschleunigenden Straßenbahn kennen. Gleichzeitig hebt der E-Phantom stolz den Bug und strebt von 800 Newtonmetern getrieben voran. Ohne Schaltpause geht es in weniger als 8 Sekunden auf 100 km/h und weiter. Der E-Phantom wird zum ECE. Bei 160 km/h ist Schluss. Die Höchstgeschwindigkeit wird abgeregelt, um mit dem Strom zu haushalten. Eine Anzeige im Powermeter motiviert, früh vom Gas zu gehen, um im Schub Energie in die Akkus einzuspeisen. Diese Rekuperation erfolgt zweistufig und kann bei vorausschauender Fahrweise die mechanische Bremse weitgehend ersetzen. Am Lenkrad lässt sie sich von 120 Nm Bremskraft auf 210 Nm nahezu verdoppeln.

Wer auf musikalische Untermalung seiner Fahrt verzichtet, hört leise Abrollgeräusche der Reifen, wie der Wind um die Fenster streicht, und leichtes Knarzen des Leders, wenn sich ein Mitfahrer auf seinem Sitz bewegt. Es ist die kathedrale Stille, die Rolls-Royce-Fahrer abkoppelt von der emsigen Geschäftigkeit des Alltags. Diese Qualität des Reisens bietet der Elektro-Phantom mit nochmals mehr Zurückhaltung als sein benzingetriebenes Pendant. Darüber hinaus zieht er aus dem Stand kräftiger durch.

Womöglich gibt es doch Kunden, die das schätzen. Dann fingen die Probleme erst richtig an. Denn bis der E-Antrieb alle Zulassungen durchlaufen hat und der Phantom serienreif umgebaut ist, werden noch Jahre vergehen. Und Menschen, die sich alles leisten können, zeichnen sich meist nicht gerade durch Geduld aus.

Sensible Versuchsträger

Sie sehen aus wie fertige Autos, doch im Inneren sind Versuchsträger Sensibelchen. Kürzlich ließ Audi seinen neuen Allradantrieb e-tron erproben, das Auto ging während der Fahrt aus. Dann muss ein Laptop her und das System neu starten. Rolls-Royce hatte diese Woche mit seinem sündteuren Einzelstück größeres Pech. Beim Abladen von einem Transporter rutschte der 102 EX von der Rampe und schlug hart auf. Der elektrische Antrieb versagte hernach den Dienst. Die Reparatur dauerte Tage. Das darf in Kundenhand natürlich nicht passieren, und so wird es noch einige Jahre dauern, bis der E-Rolls-Royce - sofern er überhaupt gebaut wird - in Serie geht. (hap.)

Quelle: F.A.S.

 
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