Home
http://www.faz.net/-gya-p73y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rennrad Verschraubt wie ein Ikea-Regal

 ·  Das von Tom Ritchey konstruierte Zerleg-Rennrad Allegro von Dahon

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Dahon, der Welt größter Hersteller von Faltfahrrädern, muß um den naheliegenden Kalauer nicht verlegen sein: "Wir haben das Rad neu erfunden", tönt die deutsche Internetseite. Da läßt sich nichts dagegen sagen, es stimmt einfach - sogar mehrfach. Denn seit 1982 sind von dem in Los Angeles ansässigen und in Taiwan, Macao und China produzierenden Unternehmen immer wieder neue Faltmechanismen auf den Markt gebracht worden. Wohl gab es auch bei Dahon einen tüftelnden Gründer: Der chinesischstämmige Physiker David Hon arbeitete bei Hughes Aircraft in Kalifornien als Laserspezialist, als er während der sogenannten Ölkrise Mitte der siebziger Jahre über das Fahrrad nachzudenken begann. Aber anders als andere Anbieter hat Dahon nicht stur den einen Entwurf seines Gründers weitergebaut. Statt dessen wurden recht unterschiedliche Konzepte von Falten und Zusammenklappen realisiert - immer auch mit Blick darauf, was sich andere einfallen lassen. Mit dem Ergebnis einer regelrechten Lizenznahme haben wir es beim Dahon Allegro zu tun.

Der Hauptrahmen dieses für die Fernreise tauglichen, weil handlich zerlegbaren Rennrads stammt von Tom Ritchey. Der Rahmen- und Komponentenhersteller hat unter dem Namen "Break Away" eine Rahmenteilung entwickelt, die das Fahrrad durch das Lösen von drei Inbusschrauben zunächst in zwei hauptsächliche Teile trennt. Das Unterrohr wird knapp über dem Tretlager geteilt, das Sitzrohr über der Stelle, wo die oberen Hinterbaustreben angelötet sind. Dort wird die Verbindung von der in beide Rohrteile eingeschobenen superleichten Sattelstütze tragfähig gemacht und von zwei Sattelklemmbolzen gesichert. Unten stellt eine schmale, ebenfalls von einer Schraube sicher zusammengehaltenen Manschette die Verbindung her: Die Rohrenden sind ganz wenig nach außen zu einem Rand umgebogen. Zum einen erhalten sie dadurch eine minimale Standfläche, zum anderen umgreift die mit einem Scharnier aufklappbare Metallmanschette mit einer innenliegenden Rille beide Ränder und preßt sie fest aufeinander, wenn im zugeklappten Zustand die Schraube fest angezogen wird.

Zieht man nach dem Lösen der Schrauben die ultraleichte American-Classic-Sattelstütze heraus, teilt sich der Rahmen vor dem Sitzrohr. Dies setzt natürlich auch voraus, daß man die teilbaren Bowdenzüge an ihren Kupplungen auseinandergeschraubt hat. Pedale und Laufräder werden entfernt, der Lenkervorbau läßt sich nach Lösen einer weiteren Inbusschraube nach oben abziehen. Die Vorderradbremse wird aus dem Kopf der Carbongabel entfernt, und die Naben müssen aus den Klemmungen des Rahmens befreit werden. Und schon kann es ans Verpacken gehen. Am Ende hat man ein Gepäckstück von den Maßen 73,5x66x23 Zentimeter, in dem Radreisende auch noch Platz für Waschzeug und ein, zwei Wechseltrikots oder Werkzeug finden werden. Die Verpackung des Rades im Koffer ist sehr ordentlich: Für empfindliche Rahmenpartien gibt es Gummischützer, die schmutzigen, scharfkantigen Kettenblätter kommen in ein separates Täschchen, für kleinere Teile wie Schnellspanner findet sich ein Fach. Das wirkt alles ordentlich und durchdacht.

Die Herstellerangabe für den Zusammenbau lautet "wenige Minuten". Mit etwas Übung und keinem falschen Handgriff mag das hinkommen, fürs erste Mal darf man schon ein halbes Stündchen einplanen, zumal die Bauanleitung fast so lapidar ist, als käme das Rad von Ikea. Ob Faltboot oder Faltfahrrad - alle zusammenlegbare Technik läßt sich unter zwei völlig verschiedenen Gesichtspunkten betrachten: Ist es ein gutes Boot, ein vollwertiges Fahrrad? Oder ist es in erster Linie narrensichere rasche Faltbarkeit, mit der man sich wohl aufs Wasser trauen oder fahrradfahren kann? Beim Dahon Allegro bietet sich die erste Fragestellung an. Und die Antwort lautet ja: Dies ist ein echtes Rennrad, das mit Rahmenhöhe 48 Zentimeter und mit Pedalen tatsächlich etwas weniger als 9 Kilogramm wiegt.

Mit einem munteren Komponentenmix aus Teilen von American Classic (Naben, Aero-Felgen, Sattelstütze und Tretlager), Ritchey (Rahmen, Lenker, Vorbau), Shimano (Bremsen und Schalthebel: Shimano 105, Schaltwerk: Ultegra), Sram (Ritzelkassette) aufgebaut, ergibt sich für rund 1850 Euro kein Rennrad der Klasse "Ende der Fahnenstange", aber eine ernstzunehmende Rennmaschine. Sie macht beim Fahren einen eher komfortablen wie leicht gedämpften Eindruck, aber das liegt nicht an der Zerlegbarkeit. Wer argwöhnt, daß etwas schlackere, das vorher zusammengeschraubt wurde, der sieht sich getäuscht. Die Elastizität entspricht der eines festgefügten Rahmens aus Chrom-Molybdänstahl. "Never pay another cent to the airlines for shipping your bike" heißt die Parole für das Allegro. Man kann sich nicht nur aus Geiz dafür entscheiden.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. August 2004

Quelle:
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

Jüngste Beiträge