Home
http://www.faz.net/-gya-12uhx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Range Rover Diesel Vom schönen Wert der Distanz

03.07.2009 ·  Mit keinem anderen Geländewagen bewegt man sich stilvoller ins Büro oder in den Busch: Der Range Rover ist noch immer die feinste Art der Fortbewegung auf dem Parkett der automobilen Gesellschaft oder im Schmutz und Schmodder dieser Welt.

Von Wolfgang Peters
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Es gibt Geländewagen, die sind teurer. Die meisten sind billiger. Sie sind flinker oder sparsamer oder beides. Viele sind geräumiger, kompakter und praktischer. Doch nur wenige sind diesseits und jenseits von Asphalt besser. Und keiner duftet intensiver nach Geld, besser: nach altem Geld. Mit keinem anderen Geländewagen bewegt man sich stilvoller ins Büro oder in den Busch: Der Range Rover ist noch immer die feinste Art der Fortbewegung auf dem Parkett der automobilen Gesellschaft oder im Schmutz und Schmodder dieser Welt. Er sorgt für Distanz zur Masse.

Dafür taugt vor allem die Dieselversion, die auf dem deutschen Markt mit einem Verkaufsanteil von 95 Prozent (!) dominiert. Diese Maschine bleibt auch nach der in diesen Wochen zurückhaltend betriebenen Renovierung der Range Rover unverändert im Programm. Der Preis für die TDV8-Diesel-Variante beginnt zur Markteinführung des überarbeiteten Range Rover im September dieses Jahres bei rund 85.000 Euro. Die älteren V8-Benziner werden von dem neuen Fünfliter-V8 ersetzt, der hier mit Kompressorhilfe 375 kW (510 PS) leistet und ein Drehmoment von 625 Newtonmeter abgibt.

Der von uns ermittelte Praxisverbrauch geht gut in Ordnung

Vergleicht man die Daten des Diesels, wird klar, weshalb die Deutschen beim Range-Erwerb darauf bestehen: Aus 3,6 Liter Hubraum entwickelt der V8 - unterstützt von zwei Turboladern - nicht nur 200 kW (272 PS), sondern auch ein maximales Drehmoment von 640 Nm. Und der von uns ermittelte Praxisverbrauch geht gut in Ordnung: Man kann den immerhin fast 2,8 Tonnen wiegenden Range Rover TDV8 mit beinahe unglaublichen 10,25 Liter Diesel auf 100 Kilometer bewegen. Dann gleitet der große Wagen aber mit maximal 110 km/h dahin, wird mit einem Gasfuß beschleunigt, der die empfindliche Haut der knubbelig-rosigen Zehen von Ben und Hanna, als die beiden noch Babies waren, aufweist.

Aber diese Fahrweise ist keineswegs untypisch für den großen Range. Viele Menschen fahren ihn wie mit einem rohen Ei unter dem Gasfuß. Nicht weil sie sich das eine oder andere zusätzliche Literchen nicht leisten könnten. Sondern eher, weil sie ohnehin das Gleiten mehr schätzen als das Heizen und weil man bei 120 km/h auf der Autobahn prima nachdenken kann.

Der Motor nuschelt meist unauffällig

Legt man drei Liter auf den obigen Verbrauch noch darauf, schwimmt man überall an der Spitze der Bewegung mit: 13 Liter sind für ein Auto mit der Statur einer schottischen Wehranlage noch immer aller Ehren wert. Wer den Wagen allerdings mit einem britischen Expresslaster verwechselt, landet bei mehr als 15 Liter für 100 Kilometer. Dann ist man aber häufig in der Nähe der Höchstgeschwindigkeit (gut 200 km/h schüttelt er aus jedem Ärmel) unterwegs und ruft zudem heftige Beschleunigungsvorgänge (aus dem Stand in knapp zehn Sekunden auf 100 km/h) regelmäßig ab.

Der Motor nuschelt meist unauffällig irgendwo herum (wir vermuten seine Heimstatt unter der vorderen Haube, einen akustischen Beleg dafür gibt es nicht) und erhebt seine Stimme nur bei vollem Beschleunigen. Dann legt die ansonsten schmeichlerisch tätige Sechsgangautomatik ihre Höflichkeit zugunsten eiligerer Gangwechsel ab, und den Körper des Wagens durchläuft ein unziemliches Rucken. Dieser Vorgang ist verbunden mit einem sanften, aber durchaus zu registrierenden Anheben der vorderen Fahrzeugpartie. Dabei sorgt der permanent eingespannte Vierradantrieb jederzeit für maximalen Vortrieb. Das gilt auch für unsere milden Ausflüge in den Spessart, der keine (genehmigten) Herausforderungen bot, denen der Range Rover sich nicht gewachsen gezeigt hätte.

Luxuriös ausgeführte, aber sehr schlicht anmutender Innenraum

Der leere Tank nimmt bei entsprechender Geduld am Zapfhahn exakt 104,5 Liter auf. Das sichert eine angenehme Reichweite. Auf diese setzt man. Denn der Fahrer eines Range Rover tankt nicht gern. Er fährt lieber. Das Nachfüllen des flüssigen, in diesem Diesel-Fall auch noch olfaktorisch bedenklichen Energieträgers ist kein wirklich angenehmer Vorgang. Zumal man sich an schlecht gewarteten Tankstellen die Sohlen der Aldenschuhe verschmutzt. Und im Innenraum des Range herrscht die Strenge einer Sauberkeit, die auf hellen, recht hochflorigen Teppichboden und feines Leder setzt, das sich weich und geschmeidig um das Wohlbefinden der Passagiere bemüht.

Die sehr konservative Möblierung, die puristische Form der Fahrerinformationen und die zwar luxuriös ausgeführte, aber sehr schlicht anmutende Architektur des Innenraums verdichten sich zu jener „britishness“, die vielleicht das größte Pfund des Range Rovers ist, mit dem er wuchern kann.

Die Lenkung könnte direkter arbeiten

Auf der Straße gewöhnt man sich am besten an eine dem Auto angemessene, ruhige Form der Fortbewegung. Wankbewegungen, leichtes Rollen um die Längsachse und spürbare Karosserieneigung in Kurven sind typische Wesensäußerungen. Man kann diese nur durch verhaltene Fahrweise verringern, aber nicht völlig abstellen. Dabei kann man dem Range durchaus höhere Kurventempi zumuten, die Lenkung könnte allerdings direkter arbeiten, und die Bremsen sollten standfester sein (das ist auch ein Teil der oben erwähnten Renovierungsmaßnahmen) und gleichmäßiger ihre Verzögerungsarbeit aufnehmen.

Einen Range Rover im deutschen Alltag zu fahren ist trotz seiner markanten Gestalt nicht ohne Reiz. Es hat etwas Ritterliches, ihn vorsichtig und gelassen zu bewegen. Und es gibt nur noch einen einzigen Geländewagen, der mit ähnlicher Souveränität aufwartet.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Vom Profi für Profis

Von Hans-Heinrich Pardey

Auf kaum einem anderen Gebiet der Technik spielt das Präfix „Profi-“ solch eine gewaltige Rolle wie bei der Fototechnik. Es hält sich seit analogen Zeiten bis zum digitalen Workflow von heute die verkaufsfördernde Ansicht: Profiwerkzeug macht Profibilder. Mehr