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Radfahrerstadt Glücklich in Göttingen

04.02.2010 ·  Nicht die Größe, nicht die Studenten, nicht die Topographie oder die mittlere Zahl der Sonnentage im Jahr, sondern allein konsequente Förderung macht eine Stadt fahrradfreundlich. Bei Göttingen kommt sogar alles zusammen.

Von Hans-Heinrich Pardey
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Wer mit dem Zug nach Göttingen kommt und die Richtung Zentrum einschlägt, blickt beim Verlassen des Bahnhofs über den historischen Wall hinweg auf den Stadtkern und erkennt schon aus der Entfernung: Hier ist das Fahrrad nicht nur geduldetes Freizeitfahrzeug, sondern ein stadtgestaltendes Verkehrsmittel. Erste Indizien: ein sommers wie winters riesiger, in seiner Unübersichtlichkeit geradezu erschreckender Abstellplatz mit Hunderten von Rädern. Rechter Hand gibt es noch ein mehrstöckiges Fahrradparkhaus mit Reparaturwerkstatt, Verkauf und Verleih und mit einer der immer noch seltenen Waschanlagen für Fahrräder.

Ein paar „Call-a-Bike“-Räder stehenlassend folgt man dem Strom der ins Parkhaus radelnden Pendler. Und es dauert kaum zehn Minuten, und man hat bei Voss-Fahrräder für die nächsten zwölf Stunden eine simple Mühle für acht Euro geliehen. Das einzig Besondere daran ist, dass noch das letzte abschraubbare Teil mit einem Hinweis auf den Leihgeber beklebt ist. Im Übrigen führt der zum Pendeln neigende Acht-Gang-Tiefeinsteiger mit Zentralrohrrahmen und Einkaufskörbchen die Aufschrift Kreidler spazieren: das hohle Echo eines guten alten Namens. Man sollte sich doch endlich ein eigenes Faltrad leisten.

Die morgendliche Fahrt geradeaus in die Stadt hinein und quer durchs Zentrum, auf der Goetheallee und Prinzenstraße Richtung Deutsches Theater, entlarvt Vorurteile: Diese Radfahrer, die mehrheitlich in ausgesprochen zügigem Tempo unterwegs sind, das können nicht lauter Studenten sein - knapp 130.000 Einwohner hat Göttingen und rund 25.000 eingeschriebene Studierende. Den Radverkehrsanteil der Stadt von annähernd 25 Prozent erradelt vom Rentner auf Trimm-dich-Kurs über die einkaufende Hausfrau bis zum Papi, der vor den Bürostunden den Kleinen in seinen Kindergarten karrt, ein breiter Bevölkerungsquerschnitt.

Aber doch stets mit Anstand

Der kurvt zur Morgenstunde flott um alles herum, was in der Fußgängerzone nicht rollt, und kreuzt gelegentlich auch kühn den Autoverkehr. Aber doch stets mit Anstand - zum Erstaunen für den an Frankfurts radelnde Anarchos Gewöhnten werden zum Beispiel Ampeln brav beachtet. Umgekehrt zeigen sich die Autofahrer gelassen, kein Hupen, keine aggressiven Überholmanöver. Am Theaterplatz zwingt eine seltsam nach Kreisverkehr aussehende, aber eben nur so aussehende Kreuzungsgestaltung ohne Verkehrsschilder dazu, dass jeder auf alle anderen achtet: Harmonie der Deregulierung - oder mahnt schlicht Verblüffung zu mehr Aufmerksamkeit?

Jenseits der einstigen Wirkungsstätte von Heinz Hilpert ist es dann aus mit dem Glauben, Niedersachsen und topfeben seien so gut wie gleichbedeutende Begriffe. Für die Fahrt hinauf zu den Wohnburgen an der nach dem großen Regisseur und Göttinger Intendanten benannten Straße wünschte man sich schon ein wenig Elektropower. In der Tat bietet das 2006 zur fahrradfreundlichsten Kommune Niedersachsens gekürte Göttingen gen Osten Steigungen, die einen Fahrrad(schlepp)-lift nach Trondheimer Vorbild zumindest ins Stadium planerischer Voruntersuchungen gelangen ließen.

Was im Fall von Göttingen alles einschließt

Wahr bleibt wahr: Nicht die Größe (das heißt ein eher kleinstädtischer Zuschnitt), nicht die studentische Bevölkerung, nicht die Topographie oder die mittlere Zahl der Sonnentage im Jahr, sondern allein konsequente Förderung macht eine Stadt fahrradfreundlich. Und keine Stadt erlebt man binnen eines Tages so intensiv wie die, die man mit dem Fahrrad erkunden kann. Was im Fall von Göttingen alles einschließt: von Touren durchs Grüne im Leinetal oder zum Biergarten am Kehr bis zur Shopping-Bummelei (mit einem speziellen Stadtplänchen, auf dem die zahlreichen Fahrradparkplätze verzeichnet sind) über die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten im Zentrum bis zur Einkehr im „Szültenbürger“ bei Grünkohl mit Bregenwurst. Mit dem Rad kann man hier überall hin- und vorfahren. Allein das Spektrum der Fachgeschäfte für Radler ist bemerkenswert - zwischen solchen Extremen wie den Sonderangeboten von „radomat“ und den schnörkellosen Custombikes von „Pedalritter“. Warum musste es bloß für diese schönen Räder ausgerechnet dieses verschmockte Unwort aus den Polizeimeldungen des Lokalblatts sein?

Von der Gänseliesel - kaum jemand wurde von mehr Doktoren geküsst - bis zum kleinen Professor Lichtenberg gilt mit den Worten der französischen Chansonnette Barbara: „Doch gäb's viel, was zu sagen bliebe, von Göttingen, von Göttingen . . .“ Eine Betrachtung aus dem Fahrradsattel heraus wäre aber unvollständig ohne einen Hinweis auf besondere Lobbyarbeit, die aus Göttingen kommt. Eine Fahrradfahrt zu Gunnar Fehlau entlang der B 27 gleicht diesen glanzlosen Ankünften, wie sie die meisten Städte dem Radler bereiten. Beim Gründer von „pd-f“, dem Pressedienst Fahrrad, aber ist von Lebensqualität und lustvoller Mobilität die Rede. Dem Qualitätsfahrrad mehr Publizität zu verschaffen, ein „Nice-to-have-Thema“ auch in Wartezimmerzeitschriften zu einem fundiert abzuhandelnden Pflichtstück werden zu lassen, darum ist Fehlau rührig bemüht - um knackige Formulierungen nie verlegen: „Ein Plädoyer für Schürfwunden statt Schongang: Eltern und Gesellschaft bremsen Mädchen bereits zu Beginn der Mobilitätsentwicklung aus.“ Ein glücklicher Göttinger Radfahrer: „Ich werde für etwas bezahlt, was ich sowieso tun würde: Fahrrad fahren und darüber reden.“ Richtig, besser kann es einem doch nicht gehen.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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