26.04.2009 · Die einstige Ein-Modell-Marke stockt auf: Mit dem Panamera fährt Porsche in neue Dimensionen des Wettbewerbs. Etwa eine Milliarde Euro wurde in die Entwicklung und Vorbereitung gesteckt. Das ist nicht ohne Risiko. Aber von hohem Reiz.
Von Wolfgang PetersAuf der Auto Shanghai 2009 feiert die Coupé-Limousine Panamera in diesen Tagen ihre Premiere. Ein Porsche, wie es noch keinen zuvor gab und der mehr ist als nur ein High-Tech-Mobil mit Muskeln: der Panamera ist das Vermächtnis der Marke an die Zukunft. Er war eine Herausforderung für die Porsche-Ingenieure im hauseigenen Entwicklungszentrum Weissach, eine scharfe Kalkulationsaufgabe für die Finanzspezialisten des Unternehmens (und die tüfteln daneben noch an ganz anderen Zahlenwerken herum), und er ist der Fehdehandschuh vor den breiten Rädern der längst etablierten Konkurrenz in diesem lukrativen, aber hart umkämpften Segment des Weltmarktes für moderne Muskelautos: BMW M5, die AMG-Versionen von E- und S-Klasse sowie der stärkste CLS von Mercedes, jeder ein Maßstab für sich und eine Messlatte für den neuen Panamera in der Entwicklungsphase.
Diese war vor allem teuer: etwa eine Milliarde Euro hat Porsche in Entwicklung und Vorbereitung gesteckt, und rund 900 Millionen Euro haben Partner und Händler für Präsentation, Wartung und Verkauf des Panamera aufgewendet. Die neue Limousine hat also schon vor der Markteinführung einiges bewegt.
Die Mercedes S-Klasse als Maßstab
Im September 2009 ist Marktstart in Europa, im Oktober in den Vereinigten Staaten und Anfang 2010 in China. Porsche möchte zuerst die V8-Versionen verkaufen, davon gibt es drei: der Panamera S und der 4S kommen jeweils mit 294 kW (400 PS), der S kostet 94.575 Euro, der mit Allradantrieb aufwartende 4S kommt auf 102.251 Euro. Der beim Fahren an den Auftritt von elementaren Mächten erinnernde Turbo-V8 hält 368 kW (500 PS) bereit, wird ebenfalls über alle vier Räder angetrieben und muss mit 135.154 Euro honoriert werden. Wahrscheinlich noch 2010/2011 ist der Panamera mit dem 3,6-Liter-V6 zu haben, eine Hybridversion ist für 2012 oder 2013 eingeplant.
Die Aufgabe des mit einem Verkaufsvolumen von durchschnittlich 20.000 Exemplaren im Jahr (gerechnet über die gesamte Modelllebensdauer) eingeplanten viertürigen Porsche ist schlicht definiert: er soll eine neue Klasse, die „Panamera-Klasse“, begründen. Dafür wurde hoher Aufwand im inneren Zirkel von Porsche getrieben: „Keine Idee und keine Zeichnung zum Panamera hat unser Werk verlassen“, sagt Wolfgang Dürheimer, für Forschung und Entwicklung zuständiger Vorstand. So ist offensichtlich ohne die Inanspruchnahme auswärtiger Entwicklungskapazitäten mit dem Panamera ein Produkt „Porsche pur“ entstanden, das eben gerade aus dieser Herkunft mit den Genen des Motorsports und der hauseigenen Weissacher Entwicklungsmannschaft seinen besonderen Status auch gegenüber den Konkurrenten zu erreichen hat. Alles, sagt Vorstand Dürheimer, lebe aus den Eigenschaften und der Welt der Sportwagen heraus, mit einer Ausnahme: Als Maßstab für den Panamera-Komfort hat sich die Entwicklungsabteilung eine S-Klasse von Mercedes besorgt und hat vor diesem Hintergrund am Fahr- und Federungskomfort gefeilt.
„Der Panamera ist ein sinnliches Auto“
Die unsichtbare Basis für den Panamera aber waren laut Dürheimer die Gene von Porsche: das Design, das besondere, direkte Fahrgefühl, („ich liebe diese Sitzposition“), die akustischen Äußerungen des Motors, das intelligente Schalten und Walten der Doppelkupplungsbox (PDK), das spontan ansprechende Fahrwerk, die packenden Bremsen und der Innenraum, dieser prunkt mit den Details und dem Charakter der Porsche-Sportwagen. „Der Panamera ist ein sinnliches Auto“, sagt Dürheimer und spitzt dabei die Lippen, als verkoste er einen besonders leckeren Trollinger.
Dann fügt er hinzu: „Und natürlich hat er die richtigen Proportionen, das bekannte Gesicht und – vor allem – die richtige Menge an Performance.“ Damit meint Dürheimer, dass auch Panamera-Fahrer auf zügige Fortbewegung setzen können und gleichzeitig gelte: „Wir wissen durchaus um unsere Verantwortung für die Umwelt“, sagt Dürheimer und verweist auf (genormt ermittelte) Verbräuche, die dem Panamera mit Werten von 10,8 bis 12,2 Liter einen Vorsprung vor der Konkurrenz verleihen würden. „Der Panamera ist die Weiterentwicklung des sportlichen Automobils in eine neue Dimension.“ Und Dürheimer ist sich zudem der Erwartungen seiner Kundschaft bewusst. Denn, sagt er, Porsche wisse, wo man herkomme, und er definiert das gleich selbst: „Wir kommen vom Rennsport.“ Und auf den Rennpisten sei schon immer der Verbrauch eine der über Sieg oder Niederlage entscheidenden Auto-Eigenschaften gewesen.
Der Wohlfühlfaktor war noch nie zuvor größer
Diese „neue vierte Dimension“ (neben den anderen drei Modellreihen) erreicht immerhin eine Länge von beinahe fünf Meter, und dennoch bietet der Panamera nur vier Sitzplätze. Aber das war von vorneherein so geplant, sagt man bei Porsche. Dort mag man sich nicht vorstellen, dass es in der edlen „Performance Limousine“ des Hauses eine „Bank“ als Sitzgelegenheit für drei auf Tuchfühlung untergebrachte Passagiere geben könnte. So sitzt man hinten bequem, in getrennt eingerichteten Nischen, mit gutem Abstand zu den vorderen Sitzen und zum Dachhimmel (trotz der relativ knappen Fahrzeughöhe von 1,42 Meter). Beim Blick von den hinteren Plätzen zur Seite führt die hohe Gürtellinie unter dem vergleichsweise zierlichen Pavillon zu einem Gefühl der Geborgenheit, aber auch des Rückzugs von den alltäglichen Malaisen des Straßenverkehrs. Wie erste Sitzproben vermuten lassen, sind selbst längere Verkehrsstaus im Panamera leichter zu ertragen.
Das ist überhaupt der größte Unterschied zu einem, sagen wir, in die Nähe der körperlichen Erhitzung gefahrenen 911: Die im Panamera lebenden Freiheitsgrade für den Fahrer und die Familie gestatten das Tragen fülligerer Frisuren, und sogar Hüte möchte man sich vorstellen. Allerdings nicht beim Fahrer. Für alle gibt es ein helles Leben ohne den dunklen Dunst einer falsch verstandenen Sportlichkeit. Der Wohlfühlfaktor war noch nie zuvor in einem Porsche größer: Sind die Passagiere doch nicht nur von allen Errungenschaften moderner Entertainment-Systeme umgeben, sondern werden auch von feinen Leder-, Holz- und Metall-Intarsien sowie einer (bereits in Vorserienmodellen anwesenden) peniblen Verarbeitung umschmeichelt.
Um die Zukunft des Panamera ist Dürheimer (auch unter Berücksichtigung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Düsternis) nicht bange: „Wir sind mit dem Panamera der Trendsetter“, sagt der Entwicklungschef, und wenn er seine künftigen Kunden richtig einschätze, dann „wird es ein Aha-Erlebnis für alle geben, die mit diesem Auto unterwegs sind“. Ob es schon (entmutigende?) Lieferfristen gibt, war noch nicht zu erfahren.