18.02.2011 · Der Cayenne S mit dem neuen und in Relation zum vorherigen Aggregat erleichterten 4,8-Liter-V8 liefert Porsche pur und damit die besten Argumente für dieses Triebwerk. Um die Zukunft eines derart optimierten V8 muss man nicht fürchten.
Von Wolfgang PetersGroße Benzinmotoren gehören zu den bedrohten Antriebsarten. Hybride und High-Tech-Diesel setzen die geschmeidigen, muskulösen V8-Ottotriebwerke unter Druck und können immer dann punkten, wenn es um Drehmoment und Verbrauch geht.
In der Familie des nicht ohne Kritik (zu groß, zu rund, zu teuer, zu durstig) vor rund acht Jahren geborenen Porsche Cayenne gibt es für jede Motorform ein Beispiel: Der V6-Benziner bildet die Basis, dann bemüht sich die Hybridversion um das grüne Gewissen, ein Diesel legt sich sparsam ins Zeug, zwei Achtzylinder (Sauger und Turbo) sorgen dafür, dass die Konkurrenz den Respekt nicht verliert.
Der Cayenne S mit dem schon aus dem Panamera bekannten, neuen und in Relation zum vorherigen Aggregat erleichterten 4,8-Liter-V8 liefert Porsche pur und damit die besten Argumente für dieses Triebwerk. Es bietet 294 kW (400 PS) und ein maximales Drehmoment von 500 Nm bei 3500/min mit jener Lässigkeit auf, wie es nur ein hoch drehender und gleichzeitig durchzugsstarker V8-Benziner kann. Schon bei 2000/min gibt es 400 Nm, und diese stehen bis zur Drehzahlgrenze von 6500/min jederzeit mit schöner Wachheit zur Verfügung.
In 6,8 Sekunden auf 100 km/h
Mit einem sanften Grollen meldet sich der V8 auf den ersten Zündbefehl zum Dienst, tut mit milden Vibrationen und kehligem Hecheln seine Bereitschaft zum Vortrieb kund und reagiert auf Bewegungen des Gaspedals mit einer Agilität, die jedem ehrgeizigen Dachshund Streicheleinheiten seines Herrchens einbrächte. Aus dem Stand wuchtet sich der rund 2,3 Tonnen schwere Geländewagen unter Volllast nach unseren Messungen in 6,8 Sekunden auf 100 km/h, kommt in 10,2 Sekunden auf 130 km/h und erreicht (laut Tacho) ein Tempo von mehr als 265 km/h. Wenn das die Dauergeschwindigkeit wäre, dann genügte ein voller Tank (85 Liter) nicht einmal für 200 Kilometer. Aber man richtet sich für die lange Strecke (sie darf als die Domäne des Cayenne gelten) auf eine Reisegeschwindigkeit von 160 bis 180 km/h ein, hat dann eine recht flotte Tempoaufnahme noch in der Hinterhand und wird mit einem Verbrauch zwischen 11 und 14 Liter Super plus auf 100 Kilometer belohnt.
Wir kamen bei altersgerecht milder Fahrweise auf einen Konsum von etwa neun Liter, im Durchschnitt waren es 12,9, was uns als eine vertretbare Marge erscheint. Wir erfreuten uns am ruhigen Lauf des V8, genossen die vorzügliche Luftfederung, den souverän verarbeiteten und nicht mehr ganz so nüchtern gestalteten Innenraum des Cayenne. Auf der Mittelkonsole und überall, wo noch Platz ist, tummeln sich Tasten und Regler, nur gut, dass man die wenigsten davon wirklich häufig benötigt.
Die Agilität ist im Kurvenbetrieb höher
Der erste Serienviertürer von Porsche wurde jüngst so intensiv überarbeitet, dass man von einer Neuauflage sprechen kann. Dieser ist es gelungen, trotz besseren Platzangebots (mit variablen Eigenschaften für Rücksitzbank und gut geschnittenem Kofferraum) und höheren Fahr- sowie geschmeidigeren Federungskomforts jene Eigenschaften zu verstärken, die aus einem Geländewagen einen Porsche machen: Das Gewicht wurde im Vergleich zum Vorgänger geringer, die Agilität im Kurvenbetrieb höher, Seitenneigung und Wankbewegungen sind minimiert, und Straßenlage sowie Bremsvermögen plazieren den Cayenne an der Spitze seiner Spezies. Hohen Anteil am Entstehen von Fahrvergnügen haben die direkte, nicht zu leichtgängige Lenkung, das fast schon perfekt schaltende, neue Achtgang-Automatikgetriebe (mit allerdings harschem Kraftschluss bei zügigem Anfahren) und die standfesten Bremsen (die bei Verzögern im Notfall "giftiger" reagieren könnten).
Der große Wagen (Länge 4,85 Meter) lässt sich präzise auf Kurs setzen, man kann ihn mit dem Gaspedal kurz vor dem Eingreifen der Sicherheitssysteme ein wenig in den Bereich des Übersteuerns transferieren, ohne dass sich deshalb die Fahrsicherheit verschlechterte. Fast immer geht die Federung mit den Unbilden der Straßen zum Vorteil ihrer verwöhnten Kundschaft um. Allerdings erschüttern Querfugen und Frostaufbrüche den Fahrzeugkörper über Gebühr. Der Allradantrieb macht sich auf trockenem Untergrund nicht nachteilig bemerkbar. Auf tief verschneiter Gebirgsstrecke (Osttiroler Villgratental bis ans Ende) zieht der hoch aufragende Cayenne unter Einsatz seiner Regelsysteme nicht nur stur seine Bahn, sondern er bereitet hier auch jene Fahrfreude, die man sonst eher mit den flacheren Produkten von Porsche verbindet.
Kummer bereiten vor allem in der Stadt die Unübersichtlichkeit der Karosserie: Ihre fülligen Abmessungen sind in normierten Parkgaragen unangenehme Gründe für die Transpiration des Fahrers. Schweißausbrüche könnte dieser, so er denn auch der Käufer war, schon vor dem Start erlebt haben. Mit den reichlich verbauten Extras lag das von uns gefahrene Exemplar bei mehr als 100.000 Euro. Noch ein Beleg dafür, dass der Cayenne tatsächlich Porsche pur liefert. Um die Zukunft eines derart optimierten V8 muss man nicht fürchten.
Volllastverbräuche
Lutz Kauffmann (lutzinger)
- 18.02.2011, 13:43 Uhr
Die vielen Alu-Dekorationen
Thomas Vernunft (Domenq)
- 19.02.2011, 12:35 Uhr