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Piaggio MP3 LT Wer sich mit ihm anfreundet, wird ihn schätzen

21.08.2009 ·  Vorn zweispurig, hinten ein Rad, verkleidet wie ein Roller, ist das Dreirad ein Unikum. Gelegentlich liegen Körpergefühl und Elektronik im Widerstreit: Unterwegs mit dem Piaggio MP3 LT 400.

Von Hans-Heinrich Pardey
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Praktisch jeder Motorradfahrer, der dank der Gnade seiner frühen Geburt mit dem vor April 1980 erworbenen Autoführerschein eine 125er bewegt, schielt mehr als bloß gelegentlich nach Maschinen mit etwas mehr Leistung. Der Motorradführerschein mag, warum auch immer, nicht (mehr) auf die Tagesordnung kommen - nicht selten zeigen sich weibliche Haushaltsvorstände rührend am gesunden Erreichen der Pensionsgrenze interessiert - und von gelegentlichen Spritztouren mit der Maschine eines Freundes schweigen wir stille. Ganz legal tut sich angesichts des Wunsches nach mehr Power mit einem der merkwürdigsten Automobile auf unseren Straßen ein Ausweg auf: Den Piaggio MP3 LT gibt es als 250er und 400er.

Vorn zweispurig, hinten ein Rad, verkleidet wie ein Roller, ist das Dreirad ein Unikum. Wir haben ihm schon in schwächeren Versionen durchaus wohlwollende Aufmerksamkeit gezollt, aber erst in der Version LT (wie Large Tread, also Breitspur) wird mit der Zulassung als Auto die Sache so richtig interessant. Die Spurbreite von knapp 47 Zentimeter (statt 42 Zentimeter) macht das Reverse-Trike zum Auto, wobei die Zulassungsvorschriften Zutaten wie eine - mehr im Fußraum störende als angesichts von zwei Handbremshebeln wirklich nötig erscheinende - Fußbremse und die stilistisch gradezu angeklebt wirkenden Blinkerstummel verlangen.

Kaum breiter als eins der großen Fahrsofas

Dem Gefühl nach ist der MP3 keineswegs ein Auto, aber auch kein Quad, sondern ein vorn kaum breiter als eins der großen Fahrsofas wirkender Roller. Er quetscht sich gewiss nicht so mühelos überall durch wie ein 50er-Scooter, aber die gefühlte Breite (tatsächlich sind es stets gut im Blick liegende 76 Zentimeter) ist nicht größer als die eines ausgewachsenen Motorrads. Als LT 400 hat der MP3 ein Leergewicht von knapp 270 Kilogramm (zulässiges Höchstgewicht: 445 Kilogramm) und wird mit dem Viertakt-Vierventil-Motor (24 kW/33 PS bei 7250/min, 38 Nm bei 5250/min) 140 km/h schnell. Ein 12-Liter-Tank für Super-Kraftstoff, auch bei flotter Bewegung weiter als 300 Kilometer reichend, macht ihn zum angenehmen Tourer.

So sehr der wuchtige Eindruck der Front im Gegensatz zur rollertypischen Handlichkeit im Stadtverkehr steht, so unerschütterlich zieht der LT 400 seine Bahn auf Landstraße und Autobahn. Hat man in der Stadt gemerkt, dass regennasses Kopfsteinpflaster oder halbvergossene Straßenbahnschienen ihre Schrecken verlieren, erlebt man nun das Gleiche etwa in welligen oder schlecht geflickten Kurven: Das 12-Zoll-Räderpaar vorn vermittelt in paralleler Schrägstellung (bis 40 Grad Seitenneigung sind möglich) eine Stabilität, wie sie kein anderer Roller bietet. Das Gleiche bei Bremsmanövern: Alle drei Räder haben Scheibenbremsen; der Fußbremshebel wirkt auf alle drei Bremsen, die Handbremshebel wie gewohnt vorn und hinten. Auch ein blockierendes Hinterrad bringt den MP3 nicht ins Schlingern.

Gewöhnungsbedürftig: das „Roll Lock System“

Gewöhnungsbedürftig ist das "Roll Lock System", die Verriegelung der Vorderräder: Mancher mag das und findet es saubequem, andere können sich nur schwer damit zurechtfinden. Dabei ist die Sache ganz einfach: Sobald kein Gas gegeben wird und die Geschwindigkeit unter 10 km/h sinkt, genügt ein Knopfdruck am Lenker, und die Neigetechnik verriegelt die beiden Vorderräder in Parallelstellung. Das gibt zum Beispiel beim Ausrollen vor der Ampel dem MP3 sicheren Stand, ohne dass man einen Fuß auf den Boden setzen muss.

Mancher wird mit dieser Technik nicht recht warm, weil sie so gut funktioniert: nämlich nicht nur beim Geradeausrollen, sondern auch bei eingeschlagenen oder verschieden hoch stehenden Vorderrädern. Da liegen dann gelegentlich Körpergefühl und Elektronik im Widerstreit, was den sicheren Stand angeht. Der MP3 rollt beispielsweise ein wenig zur Seite oder steht so, dass der Fahrer sich fragt: Wird er jetzt doch kippen? Tut er aber nicht, jedenfalls nicht mit der auch beim Rangieren praktischen Verriegelung. Das Lösen dieser Sperre ist ganz einfach: Man gibt Gas oder drückt einen Knopf. - Mit diesem ungewöhnlichen Konzept muss man sich erst einmal anfreunden, keine Frage. Aber das gelingt leicht, wenn man beiseitelässt, dass dieses Auto eben kein Auto ist, sondern ein mit Fahrstabilität brillierender Scooter.

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