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Piaggio MP3 Hybrid Auf Knopfdruck das gute Gewissen

18.07.2009 ·  Die Hybridtechnik hat den Motorroller erreicht. Der italienische Piaggio-Konzern sorgt für die Premiere. Der MP3 Hybrid ist ein Vehikel vor allem für die Stadt, geprägt von den Besonderheiten des Verkehrs im Königreich des Scooters.

Von Walter Wille
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Piaggios ohnehin schon außergewöhnlicher Dreiradroller MP3, im Jahr 2006 eingeführt und seitdem rund 65.000 Mal gebaut, übernimmt die Vorreiterrolle. In der Hybrid-Version ist er ein Vehikel vor allem für die Stadt, geprägt von den Besonderheiten des Verkehrs im Königreich des Scooters. Wenn man bedenkt, wie eng es in den Stiefel-Metropolen zugeht, wo Roller und Motorräder fast mit Blechkontakt geparkt werden, wie schwierig es sein kann, selbst mit solch schmalen Fahrzeugen einen Platz zum Abstellen zu ergattern, dann verwundert es nicht, dass der neue MP3 nicht nur einen Hybridantrieb hat, sondern sogar einen elektrischen Rückwärtsgang. Im September soll die Serienproduktion beginnen. Der stolze Preis: zwischen 9000 und 10.000 Euro.

Hybrid bedeutet: Dem 11 kW (15 PS) leistenden Viertakt-Einzylinder-Motor mit 124 Kubikzentimeter Hubraum, der schon den Standard-MP3 125 antreibt, wird als Zuarbeiter ein Elektromotor mit 2,6 kW (3,5 PS) zur Seite gestellt. Das Miteinander des Duos wird von einer aufwendigen, von einem Gebläse gekühlten elektronischen Steuerung koordiniert. Die Kombination stellt vier Fahrprogramme zur Verfügung, zwischen denen auf Knopfdruck gewechselt werden kann. Im „Hybrid Power“-Modus laufen Verbrennungs- und Elektromotor simultan, im Drehzahlbereich bis 3000 Touren erhöht sich damit das Drehmoment angeblich um bis zu 85 Prozent, was für Spritzigkeit sorgen soll, was wiederum in Rom oder Mailand über Sieg oder Schmach beim Ampelstart entscheidet. Obendrein verringert Piaggio zufolge der Elektro-Hiwi den Spritverbrauch des Verbrenners beträchtlich.

Lithium-Ionen-Batterie unter dem Sitz

Der Elektriker bezieht seine Energie aus einer Lithium-Ionen-Batterie unter dem Sitz - andere MP3 haben dort ein Staufach. Die Höchstgeschwindigkeit soll rund 100 km/h betragen, was während erster kurzer Probefahrten im Gewühl der italienischen Kapitale nicht zu überprüfen war. Wohl aber wurde klar, dass die Höchstgeschwindigkeit auf etwa 30 km/h abnimmt, wenn man auf rein elektrisches Fahren umschaltet, leicht bergauf noch gut 20 km/h. Das hört sich enttäuschend an, Mitfließen im Stadtverkehr ist damit nicht mehr möglich. Allerdings hat der Hersteller dieses Programm vor allem für das Fahren in Zonen vorgesehen, die für Verbrennungsmotoren gesperrt sind, sowie für Wege mit hohem Fußgängeraufkommen. Dafür verfügt der MP3 Hybrid sogar über eine Zweithupe mit geringer Lautstärke. Geschwindigkeiten von 50 bis 60 km/h im Elektrobetrieb könnten die Möglichkeiten zum Spritsparen und Fahren im lautlosen, emissionsfreien Gutes-Gewissen-Modus erweitern, doch Piaggio hat sich erst einmal anders entschieden. Im Rückwärtsgang (Modus Nummer drei) geht es mit 3 km/h in die Parklücke hinein, dabei piept der Scooter wie ein manövrierender Lieferwagen.

Im vierten Modus, „Hybrid Charge“ genannt, werden unterwegs die Akkus geladen: Für den Vortrieb hat dann allein der Verbrennungsmotor zu sorgen, der Elektrokollege arbeitet als Generator und muss sozusagen mitgeschleppt werden. Das merkt man: Der Scooter, ohnehin kein Temperamentsbündel, wirkt in diesem Fall noch träger, sein schon in der herkömmlichen Version stattliches Gewicht von gut 210 Kilo erhöht sich durch die Hybridtechnik um weitere 30 Kilo (davon 14 für den Akkublock). Dafür hat er unter anderem schon ein Ladegerät an Bord, das ein denkbar einfaches Auffrischen der Batterien an der Steckdose erlaubt: Nur Ladekabel unter dem Sattel hervorziehen und einstöpseln, fertig. Obendrein wird in Fahrt der Akku beim Gaswegnehmen geladen, in diesen Momenten arbeitet der E-Motor ebenfalls als Generator.

Display im Cockpit zeigt den gewählten Modus an

Die Handhabung des Hybrid-Rollers ist simpel. Ein Display im Cockpit zeigt den gewählten Modus an, ein großes Rundinstrument informiert über den Ladezustand der Batterien. Piaggio gibt eine Ladezeit von drei Stunden von komplett leer bis voll an, die Reichweite mit Elektromotor allein soll 20 Kilometer betragen. Weil jederzeit der Verbrenner zur Verfügung steht, muss man sich nicht sorgen, unterwegs liegenzubleiben, sofern Benzin im Tank ist. Wird der MP3 im Hybridmodus bewegt (also Viertakter plus Elektromotor), reicht ein Liter Benzin den Angaben zufolge für bis zu 60 Kilometer, gegenüber zirka 26 Kilometer im Fall eines vergleichbaren Rollers ohne Hybridtechnik. Der CO2-Ausstoß verringert sich angeblich von rund 90 auf 40 Gramm je Kilometer. Für diese Berechnungen haben die Entwickler einen Gebrauch von zwei Dritteln im Hybrid- und einem Drittel im Elektromodus angenommen.

Im MP3 Hybrid sieht Piaggio offenbar nur ein erstes Modell einer ganzen Reihe von Scootern und Motorrädern mit Hybrid- oder Elektroantrieben. Mit der Präsentation dieses Typs setzt man sich jetzt an die Spitze von etwas, von dem man nicht weiß, ob daraus wirklich einmal eine Bewegung wird. Das Sperrgebiete-Argument zählt nicht überall, der Kunde muss eine Reihe von Nachteilen in Kauf nehmen, die das Hybridwesen noch mit sich bringt: geringere Staukapazitäten (ein kleineres Helmfach im Heck ist noch übrig geblieben), hohes Gewicht, hoher Preis. Der Standard-MP3 mit 125 Kubik kostet 3000 bis 4000 Euro weniger, eine Vespa GTS 125 zum Preis von 4300 Euro weit weniger als die Hälfte. So braucht es für den HybridPiaggio nicht zuletzt einen guten Schuss Idealismus und Freude an der Technik, damit man sich elektrisieren lässt.

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