Home
http://www.faz.net/-gya-75vgk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
IAA Nutzfahrzeuge 2014

Pflicht, oder nicht? Der Radweg, das unbekannte Wesen

Radfahrer gehören auf die Radwege. Die Fahrbahn ist für Autos und andere Motorfahrzeuge da. Das klingt vielleicht übersichtlich, aber so einfach ist es nicht.

© dapd Vergrößern Zumutbar muss der Radweg sein - manche sind jedoch eine Zumutung

Radwege, im Fachdeutsch Radverkehrsanlagen, gibt es seit über hundert Jahren. Als ältester deutscher Radweg gilt der von 1907 an entlang des Alleenrings im Süden von Offenbach angelegte. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schrieb die Reichsstraßenverkehrsordnung fest, dass Radfahrer die Pflicht haben, einen vorhandenen Radweg auch zu benutzen: Wo für einen Teil des Straßenverkehrs eigene Flächen ausgewiesen werden, sollten sie auch von diesem und nur von diesem genutzt werden. Damit erging es den Radfahrern wie den Fußgängern. Der Sinn des Radwegs und der Pflicht, ihn zu benutzen war erklärtermaßen, dem Auto freie Bahn zu schaffen. Das galt als fortschrittlich.

Hans-Heinrich Pardey Folgen:  

Seit 1997 steht in der deutschen Straßenverkehrsordnung (StVO) etwas von Radwegen, die man nicht benutzen muss. Zunächst war da von „anderen Radwegen“ die Rede, seit 2009 lautet der Terminus „Radweg ohne Benutzungspflicht“. Aber um mit dem Gegenteil zu beginnen: Ein Radweg, dessen Benutzung heute verpflichtend ist, lässt sich leicht daran erkennen, dass er als Teil einer Straße mit den blauen Verkehrszeichen 237, 240 oder 241 beschildert ist. Diese blauen Schilder schicken den Radfahrer von der Fahrbahn auf den Radweg. Denn grundsätzlich gehört der Radfahrer, wenn er kein Kind mehr ist, mit seinem Fahrzeug auf die Fahrbahn, also auf die Verkehrsflächen, wo Fahrzeuge rollen. Das blaue Schild ist das Gebot, sich von dort auf eine Sonderfläche zu begeben, die dem Radverkehr entweder allein oder zusammen mit den Fußgängern (Zeichen 240 und 241) zugewiesen wurde.

Man muss den Radweg benutzen

Ein Radweg kann optisch und baulich ein Teil des Bürgersteigs sein oder zur Fahrbahn gehören, mit einer Abtrennung versehen oder lediglich markiert sein. Die Varianten sind zahlreich und werden - auch in ein und derselben Kommune, die in aller Regel für die Radwege zuständig ist - häufig sehr unterschiedlich ausgeführt. Es ist, wie könnte es bei uns auch anders sein, genau geregelt, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit ein Radweg als benutzungspflichtig ausgewiesen werden kann. Da sind nicht nur Mindestbreiten vorgeschrieben und Vorschriften zum Zustand und zur Wegführung zu beachten, es muss die Benutzungspflicht auch der Verkehrssicherheit dienen. Wenn also in einem neu geschaffenen Wohnbaugebiet mit wenig Autoverkehr ein üppiger Fahrradweg angelegt und sogleich, blau beschildert, verpflichtend gemacht wird, kann man sich sehr wohl fragen, ob das eigentlich rechtens ist. Egal, zu welchem Schluss man kommt, und gleichgültig, wie ruhig und übersichtlich die Verkehrslage auf dieser Straße sein mag, man muss den Radweg benutzen.

Mehr zum Thema

Diese Pflicht hat ihre Grenzen. Zum einen endet sie, wenn ausdrücklich durch die Beschilderung das Ende des verpflichtenden Radwegs angezeigt wird. Es gibt Städte, die es ganz genau damit nehmen, hinter jeder Querstraße oder Einmündung wieder ein blaues Schild anzubringen. Ob das erforderlich ist oder ob die Benutzungspflicht über eine Kreuzung hinweg bestehen bleibt, ist umstritten. Kinder bis zu acht Jahren müssen und dürfen bis zu ihrem zehnten Geburtstag auf dem Gehweg Fahrrad fahren, also weder auf der Fahrbahn noch auf dem Radweg. Zumutbar muss der Radweg sein, was immer das im Einzelfall bedeuten mag: Ein Radfahrer, dem Mülleimer oder geparkte Autos den Weg so versperren, dass der Radweg faktisch nicht benutzbar ist, hat auf die Fahrbahn auszuweichen - nicht auf den Gehweg. Unzumutbar ist ein im Winter nicht geräumter Radweg. Unzumutbar kann auch die Benutzung durch ein zweispuriges Fahrrad (Trike oder Fahrrad mit Anhänger) sein, aber da kommt es auf die jeweilige Situation an: Generell unterliegen auch solche Fahrräder der Benutzungspflicht. Und ab wann ein schlecht unterhaltener, von Baumwurzeln aufgebrochener Radweg nicht nur unzumutbar ist, sondern eine Gefährdung darstellt, das ist ein Thema, über das sich trefflich streiten lässt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Verkehrsministerium legt nach Neues Bußgeld für Radfahrer geplant

Die Bundesregierung will einem Zeitungsbericht zufolge bei den Radlern abkassieren: Für das Befahren eines Radwegs in die falsche Richtung sollen künftig 35 Euro Strafe fällig werden. Mehr

26.09.2014, 07:09 Uhr | Gesellschaft
Wie gut sind Sie im Nummernschilder-Raten?

Nummernschilder-Raten ist ein beliebtes Spiel für gelangweilte Auto-Reisende. Doch seitdem Städte und Gemeinden wieder Kennzeichen nutzen, die lange verschwunden waren, ist es beträchtlich schwieriger geworden. Wie gut kennen Sie sich mit den neuen Schildern aus? Testen Sie sich selbst im Quiz. Mehr

18.07.2014, 21:11 Uhr | Gesellschaft
Netzrätsel Da platzt dem Radler doch die Hutschnur

Es gibt so gut wie nichts, was es nicht gibt im Netz der Netze: Geniales, Interessantes, Nützliches und herrlich Überflüssiges. Diesmal: Störungen im Radverkehr. Mehr Von Jochen Reinecke

21.09.2014, 08:00 Uhr | Wissen
Pistorius schildert Tatnacht

Er habe seine Freundin für einen Einbrecher gehalten und zu spät bemerkt, dass sie es war, die sich im Badezimmer bewegte. Mehr

08.04.2014, 19:57 Uhr | Gesellschaft
Blitzmarathon Bisschen schnell unterwegs heute

Beim Blitzmarathon werden überall im Land Autofahrer kontrolliert. Die Aktion soll ein Bewusstsein dafür schaffen, dass erhöhtes Tempo gefährlich ist. Aber hat das Ganze wirklich Sinn? Beobachtungen von der Laser-Front. Mehr Von Anna Schughart, Offenbach

18.09.2014, 16:53 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.01.2013, 19:23 Uhr

Endlich erleuchtet

Von Heike Göbel

Sechs Jahre fahren wir ihn nun schon, unseren Mercedes-Kombi. Und noch immer vermag er uns zu überraschen. Letztes Jahr etwa haben wir bemerkt, dass das Licht beim Start automatisch angeht. Mehr 5 6

Hinweis
Die Redaktion