07.11.2011 · Peugeot lässt den 208 los. Der jüngste Spross der Erfolgsfamilie soll sich an die Spitze kämpfen. Seine Eltern haben ihm einiges mitgegeben - auch eine schicke Schnapsidee.
Von Holger AppelIm Sommer 1985 galt es, eine wegweisende Entscheidung zu treffen. Drei wagemutige junge Männer wollten sich nach Antalya aufmachen, in den Süden der Türkei, der damals noch keine Hochburg des Pauschaltourismus war. Doch welches ihrer Autos würde die Strapaze gut und günstig überstehen, dazu noch Platz für Schlafsäcke, Zelt und einen gewissen Vorrat an Raviolidosen haben? VW Golf und Ford Capri standen zur Wahl.
Bald fiel die Wahl auf den Peugeot 205 Diesel. Rund 6000 Kilometer später und ohne dem Auto anzulastenden Zwischenfall waren alle wieder wohlbehalten daheim. Wenn wir uns recht erinnern, notierten wir einen Durchschnittsverbrauch um 5 Liter in dem bis unters Dach vollgepackten Gefährt. Seither wohnt der 205 in unserem Herzen; biegt einer um die Ecke, geht die Sonne über dem Mittelmeer auf.
Aber auf der guten alten Zeit lässt sich schlecht ausruhen, das wissen auch die Mütter und Väter jener erfolgreichsten Generation null, die nun mit der Ziffernfolge 208 in eine frische Zukunft fahren soll. Das Erbe ist gewaltig: 18 Millionen Einheiten sind seit 1983 von dem kompakten Modell gebaut worden. Zuletzt aber ging es etwas langsamer voran, es ist also höchste Zeit für eine Neuauflage.
Krallen ausfahren, wieder Nummer eins in Europa werden, den Ford Fiesta vom Thron stoßen und den VW Polo in die Schranken weisen lautet das Ziel. Mit zwei und vier Türen geht es im Frühjahr 2012 los, andere Varianten werden mit etwas Abstand folgen. Ein viersitziges Cabriolet gilt als ausgemacht, es soll wie einst der 205 wieder eine Mütze aus Stoff bekommen und die Blechdächer der CC-Reihe in Rente schicken. Wir werden ihnen nicht nachtrauern. Der Kombi wird zunächst weitergebaut und dann entschlafen, an seine Stelle tritt ein Crossover im Van-Format.
Jung und energiegeladen sei das Design, meinen die Mannen von Peugeot, der 208 löse Liebe auf den ersten Blick aus. Vor allem mehr Frauen und die Käufer von Zweitwagen will die Löwen-Marke mit ihrem jüngsten Baby verführen. Die Sortierung seiner Gefühlswelt überlassen wir dem Betrachter, jedenfalls ist das Auto modern gezeichnet. Die Linie des Zweitürers unterscheidet sich recht deutlich von der des Viertürers und nimmt keck einige Zitate aus der guten alten Zeit des 205 GTI auf - zum Beispiel die Plakette an der C-Säule. Beide spielen mit Leuchten, die mal wie ein Bumerang aussehen, mal wie nach oben gezogene Augenbrauen funkeln und mal einfach nur rund sind.
Sieben Zentimeter kürzer als der 207 wird der Neue und sich damit unter vier Meter Außenlänge halten, was in der Enge der Stadt sicher kein Nachteil ist. Der Radstand bleibt dennoch gleich und soll somit das Bedürfnis der Insassen nach Platz erfüllen. Nach einer ersten Sitzprobe darf das als gelungen gelten. Vor allem vorne macht der Innenraum einen luftigen Eindruck. Hinten hat die Kniefreiheit um fünf Zentimeter zugelegt, wir glauben es gerne, doch wie sind wir dereinst bloß in dieser Stellung bis in die Türkei gekommen? Auch der nun einer tiefen Raubtierhöhle ähnelnde Kofferraum ist einen Tick größer geworden als im aktuellen Modell. Vielleicht noch wichtiger: Durchschnittlich 110 überflüssige Kilo haben die Entwickler gefunden und abtrainiert, der 208 startet nun mit einem Leergewicht von 975 Kilogramm. Verbrauch und Agilität werden es danken.
Im Innenraum ist das Cockpit neu gestaltet, es dominieren nun pure und elegante Linien und leicht wilde Einfälle. Manches erinnert ein wenig an "Raumschiff Enterprise". Es sind weniger Knöpfe zu sehen, die Funktionalität soll verbessert worden sein. In den Ausstattungsstufen jenseits der Basis - die nach Ansicht von Peugeot 80 Prozent der Kunden wählen werden - gibt es einen berührungsempfindlichen Bildschirm und Sensortasten für die Radio-, Telefon-, Navigationseinheit. Auf Wunsch ist Internet an Bord. Das Lenkrad ist zur Steigerung der Agilität kleiner geworden und die Sitzposition zur Steigerung der Übersicht höher.
Beides kann jedoch nicht verhindern, dass das Lenkrad die hochgesetzten Instrumente verdeckt und man sich am Volant verrenken muss, um die Daten abzulesen. Wer kommt bloß auf solch eine (schicke) Schnapsidee? "Handlich, sicher, intuitiv" habe im Lastenheft gestanden, heißt es. Nun ja. Ärgerlich ist für die im Viertürer hinten reisenden Passagiere, dass die Seitenscheiben zu einem Drittel stehenbleiben. Selbige müssen zudem, jedenfalls in den Niederungen des Preisgefüges, mit Kurbeln bewegt werden. Ebenso sind Haltegriffe am Dach weggespart worden. Die Sicht nach schräg hinten scheint bescheiden, und der mittlere Sitz auf der Rückbank ist kein Platzwunder. Näheres wird später ein Fahrtbericht klären.
Unter der steil ansteigenden Motorhaube versehen die aus dem 207 bekannten Vierzylinder- sowie neue Dreizylinder-Benzinmotoren ihren Dienst. Letztere hat Peugeot selbst entwickelt, sie entspringen nicht der bestehenden Kooperation mit BMW und haben auch nichts mit dort ebenfalls anlaufenden Dreizylindern zu tun. Der neue 1,0-Liter-Saugmotor soll 50 kW (68 PS) leisten und nur 99 Gramm CO2 je Kilometer ausstoßen, womit der Normverbrauch 4,3 Liter beträgt. Als 1,2-Liter stehen 60 kW (82 PS) im Programm. Später werden Turboversionen hinzukommen, die für bis zu 120 PS gut sein werden und die jetzigen Vierzylinder ersetzen dürften. Oberhalb bleibt Raum für größere Maschinen mit bis zu 207 PS, die heute schon den Citroën DS 3 Racing befeuern und dann auch den 208 GTI antreiben dürften. Eine Start-Stopp-Automatik steht zum Modellanlauf in den Benzinern nicht zur Verfügung, sie soll später nachgereicht werden.
Die fünf verschiedenen Diesel dürfen noch mit 4 Zylindern werkeln, vier von ihnen haben Start-Stopp-Automatik und leisten zunächst als 1,4-Liter 50 kW (68 PS) und als 1,6-Liter 82 kW (112 PS). Kein Diesel stößt mehr als 99 g CO2 aus, der sparsamste soll auf 87 g oder 3,4 Liter Normverbrauch kommen. Im Durchschnitt emittiere das neue Modell 34 Gramm weniger CO2 als das aktuelle, verspricht Peugeot. Das ist ein Wort. Es werden manuelle Getriebe mit fünf oder sechs Gängen sowie automatisierte Getriebe ebenfalls mit fünf oder sechs Stufen verbaut. 50 Liter fasst der Tank.
Über die Preise herrscht noch Stillschweigen, Peugeot verspricht kompetitive Einstiegstarife: "Wir haben Ford Fiesta und VW Polo fest im Blick", sagen die Manager. Und wir Antalya. Vielleicht bekommen wir die Band ja noch mal zusammen.
Frank-Holger Appel Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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