22.11.2007 · Zweirad, aber weder Roller noch Fahrrad, zweispurig, aber einachsig, motorisiert, aber ohne Gaszug oder -pedal: der „Personal Transporter“ Segway ist anders als alles, was fährt. Und das zeigt sich auch beim einzigartigen Fahrgefühl.
Von Hans-Heinrich PardeyDas Ding, das auch ein etwas stattlicher geratener Rasenmäher sein könnte, widerspricht ganz offensichtlich jeder Erfahrung. Schließlich weiß jedes Kind: Wenn man über eine Stange waagrecht ein Brett legt und es unausgewogen belastet, kippt die Fläche. Genau das müsste eigentlich auch die Erfindung des Amerikaners Dean Kamen tun. Tut sie auch. Kamen, aus dem Bundesstaat New York stammend, Jahrgang 1951, hatte sein Ingenieurstudium abgebrochen und unter anderem eine tragbare Insulinpumpe und einen geländegängigen Rollstuhl entwickelt. Wenn seine bekannteste Erfindung, der Segway, desaktiviert abgestellt werden soll, muss man den kleinen Ständer vorn an der Trittfläche ausklappen. Auf diese einen beherzten Schritt zu tun, erklären einem die Instruktoren als Erstes.
„Schauen Sie mir in die Augen!“ Nichts, was man lieber täte. Die attraktive Dame, die uns in der Kölner Messehalle das Segway-Fahren beibringt, klingt sehr überzeugend und hat blitzblaue Augen. „Und jetzt machen Sie diesen Schritt, wie auf eine Treppenstufe, ohne nach unten zu gucken!“ Also gut, eigentlich muss die Lenksäule ja wegkippen, aber aufrecht gehalten von dem strahlenden Blau tut man wie geheißen und - steht. Die Trittfläche neigt sich minimal vor und zurück, da unten summt irgendetwas Motorisches, aber nicht störend laut. Man steht und wird balanciert. „Sehr gut, einfach aufrecht stehen bleiben! Hierher schauen.“ Sie deutet noch einmal auf ihre Augen, guckt, als wolle sie einen hypnotisieren, und macht einen Schritt rückwärts. Unwillkürlich beugt man sich ein wenig vor, dem blitzblauen Blick hinterher, und da fängt das Ding auch schon an zu rollen.
Man lehnt sich einfach nach dort, wohin man will
„Aufrichten!“ Es steht wieder still und unten grummeln die Motoren. Die Instruktorin macht zwei Schritte rückwärts. „Leicht vorbeugen!“ Mit einem Summsen fährt der Segway PT los, an der Fahrlehrerin, die einen Schritt zur Seite gemacht hat, vorbei. Und das war auch schon der ganze Unterricht - nach fünf Minuten der erste Alleinflug. Dass das Ding sich und seinen Benutzer rollend aufrecht hält, mag noch so unwahrscheinlich erscheinen, das Fahren ist kinderleicht: Vorbeugen - es geht vorwärts; bremsen durch leichtes Rückwärtsneigen des Körpers. Aufrecht stehen, lässt auch den Segway still stehen. Bei der ersten Generation wurde durch Drehen am Lenker gelenkt. Die aktuellen Segway-Modelle i2 und x2 - das ist die mit knapp 55 statt 48 Kilogramm schwerere und mit 21 statt 19 Zoll dicker bereifte Geländeversion des Stadtfahrzeugs - haben eine zur Seite neigbare Lenksäule: Man lehnt sich einfach nach dort, wohin man will.
Mit allem Möglichen ist das Fahrgefühl geradezu poetisch verglichen worden: Ein Dahingleiten sei es, es ähnele dem Surfen, dem Skifahren, sei so, als ob einem Räder an den Füßen wachsen würden. Das in der Tat nicht mit Fahrrad- oder Rollerfahren oder Inline-Skaten zu vergleichende Bewegungsgefühl ist das Resultat einer aufwendigen elektronischen Steuerung. Die wird aktiviert, wenn man den einem Fahrradcomputer ähnelnden „InfoKey“ auf die Lenksäule klemmt. Das kleine Display mit vier Bedienknöpfen ist ein für jedes Fahrzeug individualisierter Diebstahlschutz und zugleich so etwas wie eine Kombination aus Zündschlüssel und Instrumententräger. Mit dem ersten Schritt auf die 21 Zentimeter niedrige Trittfläche beginnen Neigungs- und Kreiselsensoren hundertmal in der Sekunde die Lage des Fahrzeugs und die Körper-Position des Fahrers zu messen.
So ganz ohne ist er nicht
Daraus werden Steuerimpulse für die beiden Motoren errechnet. Die leisten jeweils etwa zwei PS und verschaffen mit dem Energievorrat aus zwei (in acht Stunden an der Steckdose geladenen) Lithium-Ionen-Akkus dem i2 bei einer Spitzengeschwindigkeit von 20 km/h eine Reichweite von 38 Kilometer (x2: bis 19 Kilometer im Gelände, bis 32 Kilometer auf Straßen). Beide Modelle können dabei 118 Kilogramm Nutzlast, den Fahrer mitgerechnet, befördern. Und sie benötigen für ihr korrektes Funktionieren eine Mindestbelastung, so dass sie nicht für Kinder geeignet sind. Der zu Preisen von 7000 Euro an viel Fahrspaß bereitende Segway ist weder ein Spielzeug noch für Behinderte gedacht. So ganz ohne ist er nämlich nicht. Das muss man ehrlicherweise erwähnen. Zwar gibt es Videos, in denen - ausdrücklich als „trainiert“ ausgewiesene - Sportsleute über Treppenstufen, in engen Gebäudepassagen oder, holterdiepolter, Metersprünge machend wie mit dem Mountainbike durch bewaldetes Gelände düsen.
Aber zahlreicher sind in einschlägigen Bewegtbildersammlungen wie YouTube Amateurstreifen, die teilweise geradezu grotesk wirkende Unfälle zeigen. Zum einen das, was man vom Erlernen des Fahrradfahrens kennt: Auffahren auf das einzige Hindernis weit und breit. Wie magisch angezogen, rollt da jemand gegen einen Baum, eine Zimmertür, eine Wandkante - weil er noch nicht weiß, wie breit er mit dem Segway (i2: 63, x2: 84 Zentimeter) ist oder weil er bei der Annäherung an das Hindernis in Panik gerät und vergessen hat, wie er bremsen könnte. Häufiger sind offenbar Stürze, die durch gewolltes Abspringen zur Unzeit oder unfreiwilliges Verlassen der Trittfläche eingeleitet werden.
Wie ein Katapult: Vorsicht beim Bremsen
Vom Segway geradezu herunterkatapultiert werden kann man, wenn das automatische Balancieren heftiger als üblich reagiert. Das kann einem beispielsweise bei einer Gewaltbremsung passieren: Man lehnt sich schnell und so weit zurück, dass ein Sturz nach hinten zu drohen scheint. Der Segway kontert diese Bewegung blitzschnell in entgegengesetzter Richtung. Entweder wird einem dabei der Lenker aus der Hand gerissen - und man fällt rücklings herunter. Oder aber man hält sich fest genug, wird mit nach vorn genommen und stürzt in Fahrtrichtung über den Lenker hinweg.
Passiert ist uns derlei Spektakuläres bei den Probefahrten mit dem Frankfurter Distributor (City-Mobility, Telefon 0 69 / 26 09 80 95, Fax -96, Internet: www.city-mobility.de) keineswegs. Aber regennasse Fahrbahn, Herbstlaub und unbefestigter Grund lassen den Personentransporter schon ins Driften kommen. Das beste Rezept scheint vertrauensvolle Ruhe zu sein: Die Elektronik unter den Füßen behält den Kopf oben.
Internetadressen im Zusammenhang mit Segway: Händlernachweis, Verleih, Prospekte, Probefahrten: www.segway.de. Ein Erfahrungsbericht einschließlich Unfall mit einem der ersten in Deutschland gefahrenen Segway: www.thomasknauf.de