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Pariser Autosalon 2006 Tolle Starts und die Ehrlichkeit des Einfachen

04.10.2006 ·  Auf dem Autosalon in Paris herrscht Premierenfieber. Keine Marke ist immun. Besonders angesteckt haben sich die französischen Hersteller. Sie demonstrieren bei ihrem Heimspiel weltläufige Größe. Von der Automesse berichten Michael Kirchberger und Wolfgang Peters.

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Premierenfieber in Paris? Der Automobilsalon an der Porte de Versailles öffnet im Abstand von zwei Jahren (immer zwischen den Frankfurter IAA-Terminen) seine Tore, die Branche übt sich in mit breiter Brust vorgetragener Zuversicht, und die französische Hauptstadt nimmt davon etwa so viel Kenntnis, wie wenn im Lido ein Strumpfband fiele.

Citroën, Peugeot und Renault kommen der vaterländischen Pflicht nach und demonstrieren bei ihrem Heimspiel weltläufige Größe. Bei Citroën wird auf zwei Gleisen gefahren. Der Doppelwinkel, das Markenzeichen des Herstellers, spannt sich auf der Haube des neuen C4 Picasso, der die dottrige Form seines Vorgängers mit Mißachtung straft. Er hat mehr Kanten und Ecken, an denen sich der Betrachter reiben kann. Zwei Benziner und zwei Dieselmotoren machen wahlweise den Picasso flott. Die zweite Schiene bei Citroën führt in die fernere Zukunft. Die Studie C-Métisse (Halbblut) ziert eine coupéhafte Form und ein Hybridantrieb.

Sportwagen, Zukunfts-Cabrios und Transporter

Noch nachdrücklicher werden die sportiven Gene bei Peugeot betont. Der flache 906 RC hat einen quer vor der Hinterachse eingebauten V12-Diesel, der stolze 515 kW (700 PS) leistet und rekordverdächtige Drehmomenthöhen erreicht. Wie der Nachfolger des 206CC aussehen wird, zeigt der Peugeot 207 Epure. Um das Streben nach ebenso nachhaltiger wie vergnüglicher Mobilität zu unterstreichen, bekommt der Wagen eine Brennstoffzelle als Energielieferant des elektrischen Antriebs, sie soll 20 kW leisten und eine Reichweite von 350 Kilometern ermöglichen. 130 km/h Höchstgeschwindigkeit sind beim Offenfahren schon fast zu fix. Seine optische Serienreife, dann mit herkömmlichem Verbrennungsmotor, wird der 207CC erst im Frühjahr auf dem Automobilsalon in Genf erhalten.

Pariser Autosalon 2006: Tollen Starts und die Ehrlichkeit des Einfachen

Renault studiert die Zukunft des großen Cabrios mit dem beeinduckend flachen Netpa. Die vier vollwertigen Einzelsitze rühren sich nicht vom Fleck, für eine angenehme Position sorgen die Verstellung von Pedalerie und Lenkrad. 3,5 Liter Hubraum, ein doppelter Turbolader und direkte Benzineinspritzung der V6-Maschine aktivieren 309 kW (420 PS). Die Studie Twingo Concept kann nicht wirklich überzeugen, den Clio zu schrumpfen und als Nachfolger des knuffigen Twingo zu küren kann der Weg nicht sein. Bei Dacia debütiert der Logan Kombi, ein gut viereinhalb Meter langer Stückguttransporter, der bei Bedarf mit einer dritten Sitzreihe ausgestattet werden kann. Der spärliche Chromschmuck, der dem in Basisversion etwa 8.500 Euro kostenden, zweiten Dacia-Modell spendiert wurde, putzt den puristischen Wagen durchaus.

Ruhe bei deutschen Autoherstellern

Die deutschen Autohersteller demonstrieren eine seltsame Ruhe. Sie scheinen die Enttäuschung über die ausbleibende Sonderkonjunktur im Jahr 2006 wegen der 2007 kommenden Mehrwertsteuererhöhung weggesteckt zu haben. Deshalb blicken sie schon in Richtung 2008, die Zukunft kann man sich in der Gegenwart prima zurechtlegen. Gleichzeitig ist eine Art von „Angstblüte“ auszumachen, es naht zwar nicht das Ende des Automobils, aber es ziehen tiefere Veränderungen herauf, als die meisten Produzenten wahrgenommen haben.

Einen tollen Start hat Opel mit dem neuen Corsa hingelegt, er wird in zwei Karosserieversionen mit zwei oder vier Türen, jeweils plus Heckklappe gefertigt, eine Woche vor dem Verkaufsstart liegen rund 75.000 Kaufanträge vor. Ähnlich flott soll der neue Antara (kommt noch 2006 und ist eine Mischung aus Gelände- und Kombiwagen) in den Markt starten. Dem Vectra OPC wurde ein neues Fahrwerk spendiert, der Sportwagen GT ist bereit zur Produktion, und der CorsaVan Concept gibt einen Ausblick auf eine sehr wahrscheinliche Stadt-Transporter-Variante.

Iroc soll Emotionen wecken

Bei Volkswagen erinnert man sich der Wurzeln und blickt gleichzeitig nach vorn: Der glühende Iroc wird (ziemlich so, wie er sich gibt) im nächsten Jahr zum neuen Scirocco, einem Sportcoupé, das die neuen Emotionen der Volksmarke belegt. Dem Alltagsgeschäft zuzurechnen sind die Facelifts des Familienautos Touran (mit elektronischer Einparkhilfe) und des Geländewagens Touareg (mit neuem V8-FSI-Triebwerk).

„Starke Marke mit starken Produkten“ so definiert Ford-Mann Bernhard Mattes aus der Chef-Position heraus sein Unternehmen. Dazu fügen sich nicht nur die neuen Galaxy und S-Max, sondern auch der künftige Mondeo (Marktstart im Sommer 2007), der noch als Prototyp getarnt zeigt, wohin die Reise bei Ford gehen soll: der Mondeo Turnier wird ein wirklicher Kraft-Wagen; hohe Gürtellinie, flaches Dach und gebremste Aggressivität holen die Ford-Mittelklasse aus der Unverbindlichkeit heraus. Die Studie iosis X gestattet einen Ausblick auf einen neuen SUV. Mit dem raffiniert-schlicht gezeichneten Sportwagen R8 hat sich Audi-Chef Martin Winterkorn einen ganz persönlichen Wunsch erfüllt. Natürlich soll sich der V8-Sportwagen auch noch an andere Menschen verkaufen.

Autos jenseits der Tempowelt von Flensburg

BMW findet zu seiner einstigen bayerischen Ruhe in der globalen Rasanz zurück und belegt das mit dem Ausbau seiner M-Reihe, mit dem neuen 3er-Coupé und der Überarbeitung des X3, der innen wertvoller und außen schlüssiger wirkt. Das neue M-Coupé auf Basis des Z4 ist wie ein Hammerschlag auf den Daumen: Nach diesem Schmerz wird man süchtig.

Mit dem neuen CL ist Mercedes-Benz angereist, es ist das Übercoupé schlechthin. Es verbindet die innere Macht von Elektronik, Motor und Luxus mit einem Design, das Potentaten begeistert und Demokraten nicht abschreckt. In einer sehr kleinen und doch sehr breiten Nische hockt der SLR McLaren, ein Auto aus einer Tempowelt jenseits von Flensburg.

Porsche für Hochfrisuren

Der offene Porsche für Hochfrisuren heißt wieder Targa. Mit subtiler Eleganz fügt sich das Schiebedach in den 911er-Körper und zeigt deshalb sehr deutlich, wie gut die Entscheidung für das 911-Cabrio sein kann. Es trägt die Ehrlichkeit des Verzichtes auf Brillantine mit sich.

Bei Fiat geht es etwas verhaltener zu, man will Luft schnappen, bevor im nächsten Jahr der Stilo-Nachfolger Bravo die Bühne betritt, eine starke Panda-Version (74 kW/100 PS) ist zu vermelden. Alfa Romeo zeigt den 8C Competizione, der nun tatsächlich in einer Auflage von 500 Stück und zu einem Preis von rund 134.000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer vom Spätsommer nächsten Jahres an verkauft werden soll. Lancia präsentiert den leicht überarbeiteten Ypsilon und die sehr seriennahe Studie Delta HPE.

Etliche Neuheiten gehen auf den Weg

Begleitet von großen Erwartungen, gehen etliche Neuheiten auf den Weg. Bei Nissan debütiert der Qashqai, ein gelungenes Crossover-Auto mit Allradantrieb, das Anfang 2007 zu Preisen von 20.000 Euro an kommt. Ähnliches geschieht bei Mitsubishi. Der neue Pajero ist deutlich markanter geworden und verläßt die weichen Formen seines Vorgängers, knapp unter 40.000 Euro wird er kosten. Im neuen Gewand wird der SUV Outlander gezeigt, flott gerundet und sehr frisch, beide Autos betreten zum Jahreswechsel die Arena. Daihatsu zeigt den Materia, einen 3,8 Meter langen Kompaktvan, der wie ein geschrumpfter PT-Cruiser aussieht, und bei Honda steht der erneuerte FR-V. Lexus krönt die Hybrid-Versionen mit dem LS 600h. 330 kW (450 PS) Leistung sollen mit weniger als zehn Liter Treibstoffverbrauch auf 100 Kilometer zum Laufen gebracht werden. Der Toyota Auris stellt sich als Nachfolger des Corolla vor und will geräumig, sparsam und dynamisch sein. Nichts anderes hätten wir erwartet. Mazda schlägt mit dem Crossover-Auto CX-7 neue Wege ein, Anfang 2007 rollt er auf die Straßen.

Aus Amerika reisen dieselbestückte Exponate an. Dodge setzt weitere Dieselmotoren ein, Vier- und Fünfzylinder mit 2,4 und 2,7 Liter Hubraum werden aus den Konzernregalen geholt und im Mittelklassewagen Avenger eingebaut. Selbstzünder verwenden auch die aufstrebenden koreanischen Marken. Hyundai bietet einen neuen 2,2-Liter-Vierzylinderdiesel mit 114 kW (155 PS) für das Spitzenmodell Grandeur an, das Hyundai Coupé wurde sachte überarbeitet. Großes kündigt der Hersteller für das Jahr 2008 an. Dann soll der neue für Europa konzipierte und nun als Studie mit dem Namen Arnejs gezeigte Kompaktwagen debütieren. Zunächst als viertürige Limousine, dann als Kombi und schließlich als Coupé-Cabrio. Bei der Tochtermarke Kia gibt es das Auto bald als Cee'd.

Skoda im Aufwärtstrend

Die VW-Tochtermarke Skoda korrigiert die Absatzzahlen ständig, und zwar nach oben. In Paris zeigt sie eine Variante des Octavia Combi 4×4 im Off-Road-Kleid. Noch mehr Beachtung findet die Studie Joyster, die Idee eines munteren Kompaktwagens mit zwei Türen, einer zweigeteilten Heckklappe, die als Sitzbank taugt, und einer per Mikrocomputer gesteuerten Info- und Unterhaltungstechnik. Der Joyster offenbart einige Merkmale der nächsten Fabia-Generation, die im Laufe des nächsten Jahres antreten wird. Seat will mit dem um 18 Zentimeter verlängerten Altea seinen praktisch denkenden Kunden ein großzügiges Angebot machen.

Aus dem wankenden Reich von Ford-Amerika reiste der neue Volvo C 30 an. Er kam aber direkt aus Belgien nach Paris.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.10.2006
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