Home
http://www.faz.net/-gya-zp9l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Opel Wird der Insignia zum Heilsbringer der Marke?

 ·  Opel vibriert vor Spannung. Von der Vergangenheit kann der Konzern nicht leben. Der Insignia ist ein Wechsel in die Zukunft und er muss mehr zeigen als nur Muskeln. So wird der Insignia zur Probe für das neue Denken bei Opel.

Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (7)

Aus der Vergangenheit kann Opel nicht leben. Das gilt auch für den Versuch, sich wieder in der oberen Mittelklasse zu etablieren. Wo einst Kapitäne, Admirale, Diplomaten und Senatoren sowie die einfacheren, aber robusten und unglaublich alltagstauglichen Omegas unterwegs waren, da war Opel in den vergangenen zehn, zwölf Jahren nicht mehr wirklich erfolgreich. Das soll sich jetzt mit dem neuen Opel Insignia ändern. Er tritt zwar die Nachfolge von Vectra und Signum an, ist aber nicht mit ihnen zu vergleichen.

Denn Opel probt mit dem Insignia den Aufstand: die zunächst nur in zwei Karosserieformen offerierte Limousine wirkt schon auf den ersten Blick wie die Revolution aus Rüsselsheim. In der hessischen Opel-Zentrale herrscht Raumfahrt-Spannung: Der Insignia ist nicht einfach nur ein neuer Opel. Er darf als Grundlage für ein anderes Marken-Verständnis gelten: „Mehr als die anderen“, das will Opel künftig seinen Kunden liefern. Zum Jahresende debutiert der neue Opel auf den europäischen Märkten.

Die Kleiderwahl

Der große Wagen von Opel hat tatsächlich Gardemaße: 4,83 Meter in der Länge und ein Radstand von 2,74 Meter, das sind Werte, die nahe an eine E-Klasse von Mercedes-Benz herankommen. Dazu gibt es die Kleiderwahl: die klassische Limousinenform mit kurzem Stufenheck und separatem Kofferraum sowie die andere Form mit Heckklappe und variablem Innenraum. Dazu sieben Motorvarianten gleich vom Start weg und deren grundsätzliche Kombination mit einem manuell oder automatisch schaltenden Sechsganggetriebe.

Die Palette der Benziner reicht von 85 kW (115 PS) bis 191 kW (260 PS), die drei Diesel-Aggregate – alle serienmäßig mit einem Rußpartikelfilter ausgerüstet – liefern 80 kW (110 PS) bis 117 kW (160 PS). Doch bei den Selbstzündern schwächelt das Angebot noch. Zumindest die leistungsverwöhnte Diesel-Kundschaft in dieser automobilen Spielklasse dürfte nach mehr verlangen. Opel kündigt bereits eine „Vervollständigung“ des Motorenprogramms an, damit sind in erster Linie kräftigere Triebwerke gemeint.

Als „Hot Shot“ titulieren die Rüsselsheimer keinen Tee mit Rum

Was wäre der gehobene Stand der Mobilität ohne seine elektronischen Helfer, die Assistenzsysteme. Opel versucht ein Wortspiel und bemüht den Begriff „Opel-Eye“ für eine kameragestützte Verkehrsschild–Erkennung. Sie warnt den Fahrer nicht nur vor dem Überschreiten von Tempolimits, es mahnt ihn überdies, die Fahrspur nicht unabsichtlich zu verlassen. Das aktive Fahrlicht AFL wurde um verschiedene Funktionen verbessert, damit die Nachtsicht noch schärfer und vorausschauender wird. Als „Hot Shot“ titulieren die Rüsselsheimer keinen Tee mit Rum, sondern das beheizte Scheibenwaschwasser, das im Winter die Scheibe noch schneller eisfrei spritzt. Ein aktives Fahrwerk mit Frontantrieb, und der optionale Allradantrieb mit variabler Verteilung der Motormomente sind die wesentlichen weiteren Ausstattungen des Technik-Pakets. Der Allradantrieb kann nur mit den leistungsstärkeren Motoren aus der Diesel- und Benziner-Abteilung kombiniert werden.

Besonders bemerkenswert ist der niedrige Luftwiderstandsbeiwert, den Opel seinem jüngsten Spross mit mehr als 650 Stunden akribischer Arbeit im Windkanal bereitet hat. 0,27 nennt man als Wert und betont, dass der Insignia so besser gegen den Fahrwind ankomme als manch ein Konkurrent mit verkleidetem Unterboden. Würde ein verkleideter Unterboden den Insignia nicht noch verbrauchsgünstiger machen? Vielleicht soll diese Maßnahme jedoch den Ecoflex-Modellen vorbehalten bleiben, die kurz nach dem Marktstart die Modellreihe erweitern und wegen ihrer niedrigen Verbräuche besonders wenig Kohlendioxid emittieren.

Die Aktion „Gesunder Rücken“

Fahrkomfort, das erwartet in dieser Klasse, in der eher gestandene Familienväter mit Kilometer-Erfahrung und solider Finanzsituation auf die Suche gehen, wohl jeder. Deshalb ist die Standard-Abstimmung des adaptiven Fahrwerks Flex-Ride eher komfortbetont ausgelegt. Die Sport-Taste am Armaturenbrett, die den Stoßdämpfern Schärfe gibt, mag für die Solo-Fahrt mit etwas harscherer Gangart gut sein; viel mehr Gefallen bei allen Familienmitgliedern dürfte die Wahl der entspannten Einstellung „Tour“ finden. Sie soll auf Langstrecke ein Höchstmaß an Federungskomfort bieten und wirkungsvoll das Zähneklappern des Filius im Fond auf schlechten Fahrbahnen verhindern.

Auf Komfort trimmten die Opel-Ingenieure gleichermaßen die Sitze. Die Serienversion soll mit langen Verstellwegen alle Insignia-Chauffeure zufriedenstellen, gleich, welcher Statur sie sind. Die Sportsitze, die als Option angeboten werden, haben sogar schon vor dem Serienstart eine Auszeichnung bekommen. Die Aktion Gesunder Rücken, eine Vereinigung von Ergonomie-Experten und Fachärzten, hat ihr selten vergebenes Gütesiegel dem Opel-Sportsitz zugestanden.

Opel hat mehr als nur die Hausaufgaben gemacht

Wird der Insignia zum Heilsbringer der Marke? Zumindest stehen die Chancen gut, dass er nicht zum Misserfolg gerät. Die Preisgestaltung ist moderat: 22 700 Euro kostet das Basismodell der viertürigen Limousine mit dem 1,6-Liter-Benziner, für den billigsten Diesel (2.0 CDTI mit 81 kW/110 PS) sind 24 300 Euro fällig. 34 205 und 41 850 Euro kosten jeweils der frontgetriebene Spitzendiesel und der kräftigste Benziner (mit Allradantrieb und Automatikgetriebe) in der höchsten Ausstattungsstufe Cosmo. Für die Schrägheckversion verlangt der Opel-Händler je nach Ausstattungsversion und Motorisierung rund 400 Euro mehr.

Die ersten Technik-Daten zeigen, dass man bei Opel mehr als nur die Hausaufgaben machte: etwa 1430 Kilo ist das Basisgewicht und die im Hubraum mit 1956 Kubik identischen Diesel verbrauchen nach Norm 5,8 bis 6,8 Liter. Die Benziner liegen zwischen 7,6 und 9,8 Liter, bei Höchstgeschwindigkeiten von 190 bis 250 km/h.

Noch nie zuvor war ein Opel muskulöser eingekleidet. Und der wie aus dem Vollen gefräste Insignia wirkt so selbstbewusst wie einst der Opel Diplomat mit amerikanischen V8. Aber das ist Vergangenheit. Der Insignia hat Zukunft.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (7)
Weitersagen

Offene Stilfragen

Von Wolfgang Peters

Das Öffnen eines geschlossenen Cabrios ist heute eine Frage des Stils, der Sekunden und des Tempos. Nicht für die Bewegung des Dachs, sondern des Autos. Mehr