16.08.2005 · Vor 50 Jahren debütierte der VW Karmann Ghia mit Käfer-Technik im schönen italienischen Kleid. Fast 450.000 Exemplare wurden gebaut. Für 2007 plant Volkswagen wieder einen Sportwagen, der das legendäre Automobil beerben könnte.
Von Paul SchinhofenDer Karmann Ghia spielt gekonnt den Part des Latin Lover in der Autowelt im Wirtschaftswunder-Deutschland. Mit seinem wohlgeformten Äußeren betört er vor allem die Damenwelt und ist dabei - ganz im Gegensatz zu seinen feurigen Konkurrenten aus Italien von Fiat, Alfa Romeo oder Lancia - ein stets treuer, zuverlässiger und im Unterhalt günstiger Begleiter ohne Allüren, aber auch ohne nennenswertes Temperament. Denn italienisches Design war gepaart mit niedersächsischer Konfektionsware von VW. Diesen Sommer wird der Karmann Ghia 50 Jahre alt.
Wilhelm Karmann, Inhaber der Karmann Karosserie-Werke in Osnabrück, hatte schon früh die Vision, auf der Basis des sich rasch vermehrenden VW-Käfers ein elegantes Coupe zu realisieren. Eigenständig und schön sollte es werden - mit italienisch leichter Linie und deutscher Perfektion. Im Frühjahr 1953 treffen sich Wilhelm Karmann und Luigi Segre, Inhaber der Carrozzeria Ghia aus Turin, erstmals auf dem Genfer Automobil-Salon. Bereits im Herbst präsentiert Segre in der Garage des französischen VW-Importeurs Ladouche im noblen Pariser Vorort Neuilly seinem deutschen Kollegen die italienische Lösung: ein wunderschön gezeichnetes, formal eigenständiges Coupe. Schnell fällt die Entscheidung, das Auto auch zu bauen.
Italienische Eleganz mit Volkswagen-Genen
Der internationalen Presse präsentiert man im Juli 1955 in Georgsmarienhütte in der Nähe von Osnabrück die elegante Kreation. Die italienisch-deutsche Mixtur trifft mit ihrer harmonischen Form den Geschmack der Zeit, die deutschen und mehr noch die amerikanischen Medien verfallen nahezu unisono in eine kollektive Euphorie beim Anblick dieses Autos. Es ist nur 1,32 Meter hoch, die sich nach vorn sanft zuspitzende Front mit ihren fast spielerisch wirkenden Lüftungsgittern, die sehr dezent angedeuteten hinteren Kotflügel sowie das leichte und luftige Dach mit seinen filigranen Streben vermitteln Eleganz und Sinnlichkeit. Lediglich das Interieur mit dem dominierenden Tachometer sowie die originalen Käfer-Bedienungselemente erinnern etwas uncharmant an die Volkswagen-Gene.
Das verhindert den Verkaufserfolg des Schönlings aus Osnabrück ebensowenig wie die zu Karrierebeginn bescheidene Leistung von 30 PS des 1,2 Liter großen Boxermotors, die im Grenzbereich tückischen Fahreigenschaften (starkes Übersteuern) oder der relativ hohe Preis von 7.500 Mark. Nur zwei Jahre später erscheint das attraktive Cabriolet für 8250 Mark.
Verkaufsschlager
Im nachhinein erweist sich die Idee des Wilhelm Karmann als visionärer Weitblick, denn die VW-Händler verkaufen in den folgenden 19 Jahren rund 450.000 VW Karmann Ghia, der zumindest in Deutschland vom Volksmund gern kurz und knapp, aber phonetisch unkorrekt "Dschia" genannt wird. Und er bedeutet für die Wolfsburger Fabrik eine Abkehr von der Käfer-Monokultur, denn außer dem VW-Transporter, der seinerzeit doch sehr seinem Nutzfahrzeugcharakter verpflichtet ist, hat man beim VW-Händler bis 1961 in Sachen Personenwagen nur die Wahl zwischen dem Käfer in Standard- und Export-Version.
Teurer Konkurrent Porsche
Der Porsche 356, der in den Grundzügen seiner Konzeption mit luftgekühltem Boxermotor und Heckantrieb der Idee des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche folgt, ist der einzige Konkurrent, aber viel zu teuer. So bleibt der Karmann Ghia für viele der erfüllbare Traum vom schicken Flitzer, der während der nächsten Jahre zum zuverlässigen, unprätentiösen Freund mutiert.
Der Nachfolger hieß Scirocco
Die Ära des Karmann Ghia endet in jenem Jahr, als der VW Golf erscheint: 1974. Doch das VW-Management zaudert nicht lange - es stellt dem legitimen Käfer-Nachfolger bereits 1975 ein Coupe zur Seite. Hier wiederholt sich die Geschichte: Für die kantige Kontur im Zeitgeist der siebziger Jahre zeichnet der italienische Design-Aufsteiger Giorgietto Giugiaro verantwortlich, montiert wird das Frontantriebs-Coupe Scirocco wieder bei Karmann, und wieder trifft man den Geschmack der Masse. Es folgt mit dem Scirocco II allerdings eine in ihren Linien weichgespülte, charakterschwache Zweitauflage, bevor dann Mitte der neunziger Jahre mit dem glanzlosen, Corrado genannten Nachfolger recht unspektakulär die erfolgreiche Coupe-Tradition des Hauses Volkswagen endet.
Für 2007 ist ein neuer Sportwagen geplant
Bernd Pischetsrieder, umtriebiger Chef des VW-Konzerns und ein leidenschaftlicher Befürworter der automobilen Nischenprodukte, hat die Lücke im Programm erkannt und meldet Vollzug: Bereits 2007 soll wieder ein sportliches Derivat, aufbauend auf der Golf-Struktur, entstehen. Diesmal jedoch mit einem klappbaren Blechdach und damit Coupe und Cabriolet in einem - ganz dem Zeitgeist verpflichtet. Für den optischen Auftritt in neuer VW-Formensprache zeichnet die multikulturelle Kreativabteilung unter Leitung des türkischstämmigen Chefdesigners Murat Günak verantwortlich, eine Produktion im Hause Karmann ist durchaus möglich. In schweren Zeiten wie diesen könnte ein schickes Coupe dem Namen Volkswagen wieder zu mehr Glanz verhelfen - wie vor 50 Jahren der Karmann Ghia.