16.05.2008 · Ein seltener DKW Monza stellt sich den Strapazen der Mille Miglia. Hinter dem Lenkrad wird Audi-Chef Rupert Stadler sitzen. Wir werden ihn auf den tausend Meilen durch Italien begleiten und ein Protokoll der Fahrt drucken. Es wird keine Kaffeefahrt.
Von Michael KirchbergerDie Faszination ist ungebrochen. Kaum jemand, dessen Herz für Autos, vor allem für alte Autos schlägt, kann sich der Magie der Mille Miglia, dem legendären, historischen Wettbewerb der Auto-Ikonen, entziehen. Dabei sein ist alles. Es kann daher nicht verwundern, wenn Audi ein besonders rares Stück aus den klimatisierten, blitzsauberen Remisen holt, in denen die Pretiosen der eigenen automobilen Vergangenheit sorgsam aufbewahrt werden.
Ganze 230 Stück von ihnen wurden einst gebaut, eines dieser DKW 3=6 Monza Coupés aus dem Jahr 1958 geht jetzt an den Start des materialmordenden Oldtimer-Rennens von Brescia nach Rom und retour. Am Volant Platz nehmen wird der Audi-Chef persönlich, Rupert Stadler, längst vom Ruf des trockenen Controlers befreit und mit lockerer Hand die Marke zu neuen Erfolgen führend, will er nun auch auf historischem Terrain punkten. Damit hierfür perfekte Voraussetzungen geschaffen werden, bekommt der Monza vorab eine Sonderbehandlung. Martin Hesse, der wohl am meisten bewanderte DKW-Experte Deutschlands, nimmt sich in seiner Werkstatt im hessischen Butzbach vor dem Start liebevoll des Monza an. Dank der Fürsorge soll das alte Eisen auf dem heißen Asphalt der italienischen Straßen durchhalten.
Zehn Exemplare des Monzas wurden gebaut
Hesse kann den Dreizylinder-Zweitakter gewiss mit verbundenen Augen zerlegen und wieder zusammenbauen. Seine Checkliste für den DKW ist ebenso lang wie sorgfältig aus den Erfahrungen vieler Jahre zusammengestellt. „Klar gibt es da Schwachstellen, die ich besonders intensiv kontrolliere oder vorsichtshalber schon im Vorhinein ersetze“, sagt der Zweitakt-Papst. Die Kühlerschläuche etwa werden grundsätzlich vor dem Einsatz ausgetauscht, ebenso die Zündkontakte und die Zündkerzen, beim öligen Brennprozess des Zweitakters häufige Ursache für Pannen. In eigener Werkstatt und mit einem Boden, auf dem ob der Sauberkeit Pizzateig ausgerollt werden könnte, prüft und reinigt Hesse den Motor, der aus einem Liter Hubraum immerhin 44 PS schöpft. Der Käfer jener Zeit brachte es mit größerem Hubvolumen auf geringere Leistung. Das hatte DKW damals zu der heute eigentümlich anmutenden Aussage „drei ist gleich sechs“ geführt. Der Dreizylindermotor der Marke sollte eine Leistung wie eine Sechszylindermaschine haben.
Das besondere Merkmal des Monza ist jedoch seine Karosserie. Sie basiert auf dem modifizierten Fahrgestell des 1955 vorgestellten „Großen DKW 3=6“. Das Kleid wurde allerdings aus Fiberglas geformt. Es wurde nicht bei DKW geschneidert, sondern bei den Carossiers Dannhauser und Stauss in Stuttgart. Die Marken-Sportfahrer Ahrens und Mantzel hatten sie dort in Auftrag gegeben, um mit dem Monza auf Rekordjagd zu gehen. Zehn Exemplare wurden gebaut, die ersten noch auf dem verkürzten und schmaleren Fahrgestell des DKW F 91. Im Dezember 1956 stellten Günther Ahrens, Roberto Barbay, Heinz Meier und Georg Theiler mit einem leicht modifizierten Monza auf der gleichnamigen Rennbahn Langstreckenrekorde für Serienfahrzeuge über 4000 Meilen, 48 Stunden, 5000 Meilen, 10.000 Kilometer und 72 Stunden auf.
Das Projekt Monza endete, kaum dass es begonnen hatte
Der Heidelberger DKW-Händler Fritz Wenk nahm sich des Projekts Monza an und ließ die Karosserie beim Lastwagen-Aufbauer Massholder in Heidelberg fertigen. Doch die Produktion geriet immer mehr ins Stocken, schließlich zogen die gesamten Fertigungsanlagen noch ein letztes Mal um. Der Karosseriebauer Robert Schenk in Stuttgart überarbeitete die Fertigungsmaschinen, um mit einer Serienproduktion zu beginnen. Tatsächlich rollt das Sportcoupé in den nächsten Jahren in nennenswerter Stückzahl aus den Werkshallen von Schenk. Diese Versionen unterschieden sich von den bisherigen durch eine kleinere Motorhaube, ein breiteres Heck, größere Radausschnitte und auf der B-Säule aufgesetzte tropfenförmige Kiemen. Nichts geändert hatte sich an der schlanken sportlichen Form des zweitaktenden Coupés.
Doch kaum hatte die Produktion größerer Stückzahlen begonnen, zeichnete sich auch schon das Ende des Monza ab. Denn 1958 brachte Auto Union einen eigenen Sportwagen, den AU 1000 SP, auf den Markt. Und da man keinen Kontrahenten im eigenen Lager dulden wollte, kündigte das Werk die Lieferverträge für die Fahrgestelle mit dem Heidelberger Wenk. Trotz einer guten Auftragslage endete das Projekt Monza, kaum dass es begonnen hatte. Zwar wurden in Stuttgart bis 1960 noch einzelne Karosserien gebaut, die man auf von Kunden gelieferte Fahrgestelle setzte, doch das Kunststoff-Zeitalter war für DKW vorüber.
1927 fiel der Startschuss für die Mille Miglia
Am 15. April 2008 schlägt die große Stunde des historischen Automobils. Der Zweitakter geht auf die 1000-Meilen-Strecke von Brescia nach Rom und zurück. Die Wurzeln des Rennens führen in das Jahr 1925 zurück, damals wollten die Grafen Mazotti und Maggi sowie die beiden Rennsport-Enthusiasten Renzo Castagneto und Giovanni Canestrini ihre Heimatstadt Brescia zu einem Zentrum des Motorsports machen. 1927 fiel der erste Startschuss, und 77 Rennwagen machten sich auf die zum Teil unbefestigte Strecke.
Da das Rennen über öffentliche Straßen führte, kam es häufig zu verhängnisvollen Unfällen, bei denen auch Zuschauer zu Schaden kamen. 1957 wurde die Mille Miglia daher verboten, lebte erst 1977 wieder als Wettfahrt für historische Automobile wieder auf. Die schnellste Zeit fuhr einst Stirling Moss auf einem Mercedes-Benz 300 SL. Er brauchte 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden bis zum Ziel, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,62 km/h entsprach. Das Monza Coupé von DKW wird diese Zeit nicht erreichen. Seine Höchstgeschwindigkeit liegt bei 135 km/h. Außerdem dürfte Audi-Chef Stadler den zweitaktenden Dreizylinder eher pfleglich behandeln, um ins Ziel zu kommen. Hesse hat schon alles dafür getan.