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Oldtimer Dolce Vita aus dem Katalog

09.10.2006 ·  Der Vignale-Fiat 500 Gamine erschien 1967 erstmals in Deutschland. Ein Auto aus der Versandhandel: Billig und einfach. Der italienische Gassenjunge sorgte schnell für Ärger. Der Zentralverband des KfZ-Handels witterte „Verrat am Kunden“.

Von Dieter Günther
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Guter Geschmack? Gern. Manchmal aber darf darauf gepfiffen werden. Wie 1967, als der Fiat 500 Gamine - was soviel wie frecher Bengel, Gassenjunge bedeutet - debütierte. Mit seinem auf "Oldtimer" getrimmten Outfit - der langen Nase mit dem "falschen" Kühlergrill, den stilisierten Kotflügeln mit den verschraubten Scheinwerfern - empfahl sich der freizügige Zweisitzer kaum als Verfechter des Goldenen Schnitts. Nicht mal zum praktischen Einkaufswagen taugte er, mit seinem knappen Blechkleid, den tief ausgeschnittenen Türen und dem dünnen Flatterdach. Der Gamine machte seinem Namen alle Ehre, wirkte frech, pfiffig und liebenswert, versprühte südländischen Charme.

Er kam aus Italien, aus der Fabrik von Alfredo Vignale, der bei Pininfarina als Karosseriebauer angefangen und sich 1947 in Grugliasco (nahe Turin) selbständig gemacht hatte. Als Jahre später bis zu zwölf Gassenjungen pro Tag aus den Werkshallen an der Strada del Portone purzelten, war Virginio Vairo Designberater und dürfte damit für den Retro-Look des Gamine - im Stil von Fiat Balilla und Topolino Spider aus den dreißiger Jahren - verantwortlich gezeichnet haben.

Roadster für Fahrer mit bescheidenen Ansprüchen

Wer sich als routinierter Fiat-500-Pilot hinter das Lenkrad des kleinen Roadsters schwang, startete und lostuckerte, erlebte kaum Überraschungen. Da Vignale die von Fiat angelieferten Bodengruppen "unbehandelt" verbaute, klang, fuhr und fühlte sich der Gamine an wie ein normaler 500 F - nur noch rumpeliger, da das stabilisierende und geräuschdämmende Dach fehlte. Sein blechern klingender Zweizylinder-Viertakter saß im Heck und holte aus 499 ccm Hubraum 18 PS bei 4600 Touren, tosendes Temperament stand also nicht auf der Tagesordnung. Aber die Ansprüche waren bescheiden, also regte sich niemand über eine Spitze von 95 km/h oder die zähe Beschleunigung auf.

In scharf gefahrenen Kurven hob das Fiatlein gerne mal das kurveninnere Hinterbein, sonst zeigte sich das Fahrwerk mit den einzeln aufgehängten Rädern (vorn an oberen Querlenkern und unterer Querfeder, hinten an Schräglenkern und Schraubenfedern) den Herausforderungen des Alltags gewachsen. Eine Trommelbremsanlage, vier Vorwärtsgänge (mit unsynchronisiertem ersten Gang) sowie Knüppelschaltung waren weitere Merkmale des 3,02 Meter kurzen Leichtgewichts, das leer 500 Kilo wog. Daß im Innenraum ein spartanisches Armaturenbrett mit einem großen Rundinstrument und schwarzes Kunstleder den Ton angaben, ging in Ordnung, ebenso, daß der Stauraum unter der üppigen Nase knapp bemessen war (Ersatzrad, Tank, Batterie und Werkzeug wohnten hier).

Auto aus dem Versandhaus

Bei nicht artgerechtem Roadster-Wetter allerdings war Schluß mit lustig. Mit aufgezogenem Faltverdeck und schlappen, stets beschlagenen Seitengardinen weckte das kleine Auto fatale Erinnerungen an einen verregneten Sommerurlaub im Zelt. In Italien kostete es 1968 exakt 600 000, ein "normaler" 500 F 515 000 Lire. Beim Fiat-Händler hatten Gamine-Liebäugler übrigens kein Glück: Vignale war eine eigene Marke mit eigenem Vertrieb.Wer bei uns auf einen Flirt mit dem italienischen Gassenjungen hoffte, bekam zunächst einen Korb. In Hamburg residierte zwar ein offizieller Vignale-Importeur, aber der hielt sich bedeckt, denn der "Hermes Post Shop" (Otto-Versand) bot 1969 das Auto an. Statt spießig-miefig-verstaubt präsentierte sich das Versandhausangebot plötzlich top-aktuell und progressiv.

Neu war die Idee vom Auto aus dem Versandhaus zwar nicht (die amerikanische Warenhauskette Sears Roebuck nahm 1952 den Allstate ins Programm - um schnell wieder die Finger davon zu lassen), aber das wusste keiner, war auch egal. Ausschließlich in Ziegelrot lieferbar, kostete der fesche, auf Wunsch mit Rallyestreifen garnierte Zweisitzer verlockende 3980 Mark (günstiger gab's kein neues Cabrio auf dem deutschen Markt). Ein Lederlenkrad schlug mit 85 zusätzlichen Mark zu Buche, Abstottern, bei 800 Mark Anzahlung, war ebenfalls möglich.

„Verrat am Kunden“

Die Leserinnen und Leser dieser Zeitung wurden umfassend informiert: daß zur Bestellung nur die jedem Magazin beiliegende "Shopping Card" auszufüllen und in den Briefkasten zu werfen sei (F.A.Z. vom 10. Januar 1969) und daß der Otto-Versand die Auslieferung, Fiat dagegen Garantie und Service übernehmen würde (F.A.Z. vom 18. Januar 1969). Dann begann der Ärger. Der Zentralverband des Kraftfahrzeughandels witterte Verrat am Kunden (und vermutlich an sich selbst) und intervenierte - angeblich als Sprachrohr der Fiat-Händler, die gar nicht daran dächten, den Gamine zu betreuen. Woraufhin der "Hermes Post Shop" bereits bestellte Fahrzeuge nicht auslieferte. "Jetzt sind alle sauer", stellte Redakteur Dr. Gerold Lingnau treffend fest. Und bedauerte, dass diese reizvolle Marketing-Idee zunächst - und wahrscheinlich überhaupt - gescheitert sei.

Aber die Verspannungen zwischen den Kontrahenten lösten sich (nach vermuteten Zugeständnissen seitens des Versandhauses) und führten zu einem neuen Modus: Der "Hermes Post Shop" übernahm die Garantie des Gamine und Fiat seine Wartung. Damit hieß es: "Freie Fahrt für den schicken Flitzer" (F.A.Z. vom 8. April 1969). Aber so richtig flitzen wollte der italienische Gassenjunge nicht, zumindest nicht in Sachen Absatzzahlen. Vielleicht zwei Dutzend wurden vom "Hermes Post Shop" ausgeliefert, dann verschwand Gamine erst aus dem Versandhausangebot und schließlich vom Markt; nicht mehr als 1200 Stück dürften insgesamt gebaut worden sein.

Roadster war in England beliebt

Etwa gleichzeitig verkaufte Alfredo Vignale sein ins Schlingern geratenes Atelier an Carrozzeria Ghia - um am 16. 11. 1969, nur drei Tage nach Vertragsabschluß, am Steuer seines Maserati ums Leben zu kommen. Bleibt abschließend zu notieren, daß sich der Gamine im eher feuchten England - wo er in mehreren Farben und mit Rechtslenkung angeboten wurde - besonderer Beliebtheit erfreute. Mehr noch: In den neunziger Jahren stellte dort eine Firma den kecken Winzling als Sun Roadster genannte Replik mit Kunststoffhaut auf die Räder.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.10.2006, Nr. 40 / Seite V10
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