Home
http://www.faz.net/-gya-qc1y
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Oldtimer Auto-Delikatessen an einem Ort der Magie

01.05.2005 ·  Einst turtelten Kardinäle und Fürsten mit ihren Geliebten in der Villa d'Este. Heute buhlen am Comer See automobile Schönheiten um die Gunst der Oldtimer-Freunde im Concorso d'Eleganza.

Von Eckhard Schimpf
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Ein Eisentor, schwarz und abweisend, schützt diesen Ort, der magisch genug ist, das Gedächtnis für lange Zeit zu verzaubern: die Villa d'Este am Comer See. Mauern, Bäume, Hecken versperren die Sicht von der Straße aus. Deshalb ist der Seeweg die schönste Form der Annäherung. Gemächlich tuckert das Motorboot von Como aus dahin. Bugwelle und Gischt tragen Frische und Duft von Tang heran. Im milchigen Dunst der Morgensonne gewinnt am Ufer ein Areal von königlichem Ausmaß an Kontur: die Villa - einst Schloß, jetzt Luxushotel. Schon 1929 lockte das Automobil-Defilee Adel und Geldadel hierher zum Concorso d'Eleganza.

Ins Deutsche übersetzt heißt das Schönheitswettbewerb. Unter diesem Begriff gab es solche Spektakel in den 20er und 30er Jahren in ganz Europa. Inzwischen erleben diese Paraden, die fast vergessen schienen, eine Renaissance. Natürlich darf man automobile Kostbarkeiten nicht auf einem Aldi-Parkplatz präsentieren. Solch ein Ereignis braucht Atmosphäre, es lebt von einem Umfeld, das Luxus, Schönheit und Historie verströmt. Die Villa d'Este bietet all das und noch dazu jenes flirrend-südliche Ambiente, das die Menschen aus der Kühle nördlich der Alpen schon immer betörte.

Der Kies knirscht leise, wenn die 60 motorisierten Pretiosen am Tisch der Jury vorüberrollen, die die Schönsten prämiert. Die Besucher sind fasziniert - vom Schauen, von der Stille, von den Gesprächen. Sie schlendern durch das 100-Millionen-Euro-Ensemble, plaudern hier und dort, bewundern und fotografieren. Federleichte, langbeinige Schönheiten schweben vorbei, das Chanel-Täschchen wippt an der Schulter. Dann genießt der bunte Fan-Reigen, erschöpft von all dem Augenschmaus, Pasta und Prosecco.

Flüstergeschichten streichen von Tisch zu Tisch. Da sitzt Peter Kalikow, der neben Donald J. Trump größte Immobilien-Tycoon New Yorks. Der Milliardär wirkt wie ein Rathaus-Sachbearbeiter und er hat seinen roten 250 GT California Spider einfliegen lassen. Nur einen von 35 Ferraris und 25 anderen Raritäten, die er in seinem Kalikow-Hochhaus an der Park Avenue in Manhattan verhätscheln läßt.

Da sind Reiche, die niemand beachtet, Promis die jeder kennt. Angehörige des Agnelli-Clans, Ex-Formel-1-Star Jacky Ickx oder Komponist Paolo Conte ("Azzurro"). Spyker-Konstrukteur Victor Muller nippt am Cappuccino. Gerade hat er mit Schanghai telefoniert und zwei Spyker verkauft, für 290 000 Euro das Stück. Der 50er-Jahre-Rennfahrer Umberto Marzotto läßt sich mit Jeff Fisher aus Florida ablichten, der nun den Marzotto-Ferrari besitzt. Jury-Mitglied Jürgen Lewandowski entbietet der Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein einen Handkuß wie ein Prinz. Auch Peter Kraus ist da, der deutsche Leitwolf des Rock 'n' Roll ("Sugar Baby"). Er hat einen grünen Jaguar SS von 1936 mitgebracht, aus dem Besitz des amerikanischen Sängers Mel Thorme stammend und weitgehend von Kraus selbst restauriert.

Wer Benzin im Blut hat, der wandert hier in einem Zauberreich. Was für Spielzeuge reicher Männer: Isotta-Fraschini, Hispano-Suiza, der schwarze Bugatti 35, mit dem einst der Brite Dick Seaman seine ersten Rennen gewann, der Düsenberg der Königin Marie von Jugoslawien, ein Bugatti Atalante - einst im Besitz des Rennfahrers Ottorino Volonterio, dann bei den Chandons (Champagner), heute - so läuft ein Autoleben - im Kreis Höxter bei Franz-Josef Kleine zu Hause. Die Reihe läßt sich lange fortsetzen: Mercedes 500 K, BMW 507, BMW 328, Maybach, Pegaso, Talbot Lago, der Voisin des Grafen Wurstemberger aus Aigle - gleich 30 Edelautos besitzt er. Und dann die Ferraris, Alfa Romeos, Lancias, Maseratis.

Wenn doch die Autos erzählen könnten! Nur ein einziges Beispiel. Den kraftstrotzenden grünen Bentley Speed Six ließ Woolf Barnato, der Diamanten-Milliardär und dreifache Le-Mans-Sieger, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise - 1931 ausgerechnet - von Gurney Nutting mit einer Art Roadster-Karosse versehen. Das 200 km/h schnelle Ungetüm besitzt merkwürdigerweise drei Sitze. So hatte Barnato, der Anführer der legendären Bentley-Boys, nach seinen nächtlichen Bar-Streifzügen in London stets die Chance, auch mal zwei Mädchen mitzunehmen. Exakt dieser Bentley brachte Barnato erheblichen Playboy-Ruhm ein. Er könne mit seinem Speed Six, so prahlte er mal in einer funkelnden Cote-d'Azur-Nacht, von Cannes aus schneller Londons Bahnhof Victoria Station erreichen als der berühmte D-Zug "Train Bleu". Einige hielten dagegen. Barnato schwang sich sofort im weißen Smoking ans Lenkrad, raste nordwärts und gewann die Wette.

BMW ist seit Jahren Concorso-Sponsor. Diese Tatsache wäre kaum erwähnenswert, würde die weiß-blaue Marke dieses automobile Faszinosum nicht besonders bereichern. Mit nobel-sportlicher Luftigkeit komponierte BMW diesmal nicht nur ein dezentes Divertimento eigener 50er-Jahre-Historie (von der Isetta bis zum Klassiker 507), sondern bescherte auch ein Stück intellektueller Substanz. Design-Talk nennt sich diese Runde, die seit drei Jahren Stylisten an den Comer See lockt und Horizonte erweitert. Carl-Gustav Magnusson, Konstantin Grcic, Pierre Keller, Adrian van Hooydonk, Lorenzo Ramaciotti, Paul Warwick Thompson sehen allesamt in den 50er Jahren die wichtigste Design-Phase des Jahrhunderts. Magnusson drückt eine Art Design-Trend aus: "Die 50er sind die Zukunft."

Ist es da ein Wunder, daß beim Concorso d'Eleganza zwei Modelle aus der quirligen Nachkriegsära die "Best of Show"-Titel gewannen? Die Jury entschied sich für den Alfa Romeo Cangu-Bertone, der Shiro Kosaka aus Japan gehört. Das Publikum wählte dagegen den Ferrari 212 von 1951, einen Vignale-Spider, mit dem Marzotto Rennen fuhr.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Frauenparkplatz

Von Boris Schmidt

Der britische Parkhausbetreiber NCP filmte rund 2500 FahrerInnen dabei, wie sie ihr Auto in eine Lücke manövrierten. Ergebnis: Frauen finden schneller einen Parkplatz. Mehr