23.11.2009 · Der wichtigste Autopreis des Jahres 2010 geht in seine letzte Runde: Aus 33 Kandidaten für das neue „Car of the Year“ wurden von rund sechzig europäischen Motorjournalisten zuvor sieben Bewerber auf der sogenannten Shortlist versammelt.
Von Wolfgang PetersDer wichtigste Autopreis des Jahres 2010 geht in seine letzte Runde: Aus 33 Kandidaten für das neue „Car of the Year“ wurden von rund sechzig europäischen Motorjournalisten aus knapp zwei Dutzend Ländern zuvor sieben Bewerber auf der sogenannten Shortlist versammelt. Diese kamen jetzt mit Juroren aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, aus Polen und Slowenien auf dem Boxberg-Testgelände von Bosch zusammen.
Hier gibt es wunderbare Marterstrecken, mehrere Handling-Kurse mit tückischen Kurven, aus denen man auch mal ohne böse Folgen rausrutschen kann, und auf dem Hochgeschwindigkeitsoval kommt man mit den Probanden in jene Tempozonen, wo Windgeräusche nicht mehr zu vermeiden sind. Und durch das unmittelbare Bewegen unterschiedlicher Autos hintereinander und die Möglichkeit der Quervergleiche mit gespeicherter Erfahrung ergeben sich die Präferenzen für die Journalisten.
Die Bewertungskriterien sind sehr subjektiv und ähneln sich dann doch: äußerer Eindruck, Design, Materialanmutung, Raumangebote für Passagiere und Gepäck, Einstieg, Sitze, Ablagen, Rundumsicht. Dann die Technik des Fahrens mit Motorlauf, Gasannahme, Kuppeln und Schalten oder das Automatikverhalten, Lenken und Lenkkräfte sowie -präzision, Beschleunigen und Einparken, Reaktionen auf Richtungs- und Lastwechsel, Bremswirkung und -ausdauer. Dazu kommen die bereits ermittelten Werte für den Verbrauch, maxi- und minimal und durchschnittlich, und dann wird in Kopf und Computer alles zusammengesetzt, und es kommt zur Bewertung: Jeder Juror kann insgesamt 25 Punkte vergeben, sie auf fünf von sieben Shortlist-Kandidaten verteilen, maximal gibt es zehn Punkte für ein Auto, und es darf nur einen Erstplazierten geben.
Probanden zeigten vor allem Vielfalt
Das klingt einfach, birgt aber manche Tücke, und die Ergebnisse des gesamten Wahlvorgangs sowie die Punktvergabe jedes Jurymitglieds werden veröffentlicht. In diesem Jahr müssen die Bewertungen bis zum 27. November abgeschlossen sein, dann wird ausgezählt, und am Montag, dem 30. November, steht das „Auto des Jahres 2010“ fest. Wie der renommierteste Autopreis für 2010 vergeben wurde, bringt wir dann Anfang Dezember mit ausführlicheren Belegen der Reihenfolge.
Die diesjährigen Probanden zeigten vor allem Vielfalt: Mit Citroën C3 Picasso, dem Peugeot 3008, dem Skoda Yeti und dem Toyota iQ wurde demonstriert, dass die einstige Karosserie- und Klasseneinteilung der automobilen Gesellschaft nicht mehr gültig ist. Sogar der auf den ersten Blick als konventionelles Schrägheckmodell antretende Opel Astra sprengte aufgrund seiner üppigen Dimensionen herkömmliche Raster. Nur die neue E-Klasse von Mercedes und der gleichfalls frisch aufgelegte VW Polo ließen sich wie bisher in die Kategorien Stufenheck-Limousine und Kompaktwagen einordnen.
Vom Muster der Konventionen entfernt
Mit größtmöglicher Entschlossenheit hat sich Toyota beim iQ vom Muster der Konventionen entfernt. Der würfelförmige Winzling ist konsequent auf geringen Platzbedarf im Straßenverkehr und möglichst großes Raumangebot im Inneren ausgerichtet. Er ist ordentlich motorisiert, tritt flott an und sieht aus, als könnte man mit ihm jene Zukunft motorisieren, die ohne Auto auszukommen hat.
Der Citroën C3 Picasso ist so exaltiert, wie man es von der Marke schon immer erwartet hatte. Er trägt seine besten Eigenschaften nach innen, seine Passagiere haben ein gutes Auskommen auf allen Plätzen, er ist komfortabel unterwegs und witzig möbliert und erinnert mit einem leichten Wiegeschritt an die Passionen der unvergessenen Ente von Citroën.
Mit der jüngst vorgestellten und jetzt mit Coupé und T-Modell komplettierten E-Klasse fährt Mercedes-Benz die klassisch gekleidete Hightech-Kompetenz auf. Besser liegt keiner der Probanden auf der Straße, feiner federt keiner, und nirgendwo sonst sind die Belästigungen von Straße und Verkehr weiter entfernt. Zudem hat Mercedes mit dem Einsatz von zusätzlichen Assistenz- und Sicherheitssystemen gewisse Maßstäbe gesetzt. Mit der jetzt im Alltag komfortabel zu nutzenden Mager-Motor-Technik wurde eine Vorreiterrolle auf dem Weg zum noch sparsameren Benzinmotor besetzt.
Eine eher einseitige Begabung ist der Peugeot 3008
Der Opel Astra soll in die Erfolgsspur des Insignias fahren, seine Chancen dafür stehen nicht schlecht. Seine im Vergleich zum Vorgänger deutlich gewachsene und auf hohem Qualitätsniveau gefertigte Karosserie ist eine Absage an die Langweiligkeit der kompakten Mittelklasse, und auch die Materialwahl für den Innenraum scheint in Ordnung zu gehen. Defizite hat der Astra allerdings auf der Antriebsseite, wo man zum Beispiel das im VW-Konzern eingesetzte Doppelkupplungsgetriebe nicht finden kann.
Eine eher einseitige Begabung ist der Peugeot 3008: Ihm ist die Rolle des Familienautos auf den ausreichend dimensionierten Leib geschrieben, und er übernimmt sie mit Begeisterung. In der Eigenschaftswertung dominiert beim 3008 der Raum, und das Thema Rasse wird recht klein geschrieben.
Der Preis für das „Car of the Year“ wird seit 1964 vergeben
Das ist beim Skoda Yeti anders. Dass er dem Vorbild des VW Tiguan folgt, ist kein Makel, er interpretiert das SUV-Muster aber eher als Hochdachvariation und verbindet sein höfliches Auftreten mit schicken Details, die ihn zu unerwarteter Eigenständigkeit führen. Er bringt alles mit, was für die freizeitaktive Familie, für die Kindergarten- und Schulfahrten nötig ist, und er führt zudem alle technischen Höhepunkte heran, die man in dieser Klasse nur aus dem Hut zaubern kann, wenn man zum VW-Konzern gehört.
Das trifft auch auf den VW Polo zu, der das Mercedes-Niveau in die kleine Klasse trägt. Er ist das beste Beispiel dafür, wie man ein eigentlich konventionelles Konzept sorgfältig an die Perfektion des Möglichen heranführen kann.
Der Preis für das „Car of the Year“ wird seit 1964 vergeben, damals gewann der Rover 2000 vor dem Mercedes 600 und Hillman Imp. Seitdem haben sich die Ergebnisse der Wahl gebessert. Fiat stellte in neun Jahren das Siegerauto und ist die erfolgreichste Marke.