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Nissan GT-R Ravioli aus der Dose und eine strenge Erziehung

 ·  Der Nissan GT-R macht sich lustig über die Elite der eleganten High-Tech-Sportwagen. Er ist Meuterei und Herausforderung. Von einem GT-R trennt man sich nicht. Und dann ist Schluss mit putzig: in 4 Sekunden auf 100 km/h.

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Eine gute Frau erkennt den Mann immer. Aber was ist, wenn sie ihn so empfängt: "Wie siehst du denn aus?" Dann hat er vergessen, nach der Fahrt mit dem Nissan GT-R das zwischen den Zähnen getragene Messer herauszunehmen und die Zuckungen im Gas- und Bremsfuß zu unterdrücken. Und vielleicht hätte er vor der Rückkehr in die heimische Höhle duschen sollen. Aus dem GT-R entsteigt kein trockenes Löschblatt.

Auf den ersten Blick hinterlässt der Nissan GT-R den unbeholfenen Eindruck eines Menschen ohne Manieren. Irgendwie stimmen Linien und Proportionen nicht, Details wirken wie zufällig. Er tritt schließlich an gegen Audi R8 V10, Porsche Turbo und gegen die italienischen Legenden von Ferrari, Lamborghini und Maserati. Sein Design verspottet anderswo veranstaltete Bemühungen um sportliche Eleganz. Es folgt auch nicht der Funktion, es ist nicht historisierend und nicht futuristisch, nicht muskulös, und es bricht mit allen Designbildern, die den modernen Sportwagen definieren. Der stumpfe Bug mit dem schwarzen Maul ist seltsam reizlos, der Dachaufbau banal, die Räder stecken irgendwie in den langweiligen Flanken mit ihren Entlüftungsschlitzen, das Heck ist hoch und trägt die Leuchtengrafik einer älteren Corvette, und dann gibt es noch diesen Spoiler aus der Zubehörliste. Rasse, sagt der italophile Betrachter mit steifer Oberlippe, sieht anders aus.

Und im Innenraum sitzt man vor einem Armaturenträger wie in einem Nissan Bluebird, und das elektronische Mäusekino mit weitgehend unnötigen oder nutzlosen Anzeigen (hat der Fahrer die Muße zur Betrachtung der Querbeschleunigungsstatistik, dann lohnt der Blick nicht, oder es war sein letzter) ist einem Computerspiel entlehnt. Es ist ein Spiel mit den Parametern des Proletariats und der Essenz der Emporkömmlinge.

Doch dann ereignet sich eine Art von Metamorphose. Schon bei geringfügig längerer Betrachtungszeit formiert sich der GT-R neu, erhält seinen wahren Charakter und einen unerwarteten Inhalt und schließlich: Im Stand ist er gerade wegen seiner Verleugnung der gängigen Kategorien der stilistischen Sportlichkeit ein Genie der Frechheit. Er meutert gegen die Normen der Normalität und ist der Stachel im Fleisch der vierrädrigen Schönheiten. Und beim Fahren ist er das rotzige Aufbegehren einer automobilen Spezies, die von Höflichkeit und feinen Manieren nichts wissen will. Mit dem Selbstbewusstsein des Aufsteigers ist der Nissan GT-R die erste Wahl für die nun wieder erstklassigen Kicker von St. Pauli. Und die Fahrer des GT-R duschen selten und rasieren sich erst, wenn der Bart droht auf dem stumpfen Hebel für die Bedienung des Doppelkupplungsgetriebes aufzuliegen.

Auf Daumendruck aus der Flanke

Der Türgriff ist eine schmale Leiste, die sich auf Daumendruck aus der Flanke erhebt, mit einer gleitenden Bewegung in den Innenraum wird der Fahrer zum Teil einer Maschine, die sofort nach dem Start keinen Zweifel lässt an ihren Absichten. Nur kurz meckert der Anlasser. Es klingt nach empörter Ziege. Dann reißt der Biturbo-V6 schon im Leerlauf die Initiative an sich. Im Armaturenträger schlagen Zeiger aus, der Tacho erklärt sich für 340 km/h zuständig, das Display über der Mittelkonsole erwacht zu einem Informationsleben, das manche Website aussehen lässt wie die Speisekarte einer Dönerbude. Die Grafiken sind von feiner Gravur. Der durch das alte Japan ziehende Schwertmeister mit dem Kind wäre begeistert.

Noch röchelt, plappert und brabbelt der im Umfeld der Hypersportwagen mit relativ kleinem Hubraum antretende Nissan ohne Bösartigkeit. Täuscht Kooperationsbereitschaft vor. Vermeidet akustische Überfälle. Der Leerlauf ist stabil. Der Wagen beginnt etwas streng zu riechen. Das mag der Fußschweiß des Fahrers sein, der darauf verzichtet hatte, sich vor dem Start eine größere Menge von Talkum zwischen die Zehen zu reiben. Es gibt noch keine kraftschlüssige Verbindung von Motor und Rädern. Das Auto bietet aus den Tiefen seines 3,8-Liter-V6 quasi ein Remis an. Noch vor dem ersten Zug.

Seine Maschine rasselt ein wenig, es ist ein hübsches Geräusch, ähnlich jenem, das entsteht, wenn Kinder rostige Nägel in einer leeren Konservendose schütteln, die zuvor Ravioli in Tomatensoße beherbergte. Vom Bafög gekauft und kalt mit dem Plastiklöffel direkt aus der Dose gegessen. Dabei Sartre und Miller gelesen und von der Beauvoir geträumt: eine Mahlzeit für Gedärme und Geist, die mit dem GT-R wieder erlebbar wird, als hätte es nie die Jahre der feisten Limousinen gegeben. Jetzt hockt der Mann im GT-R und ist etwas kurzatmig. Er ist angeschnallt, er hat sich zurechtgekuschelt in dem knappen Sitz und seine Entscheidung getroffen. Er lässt sich aus dem Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe die erste Fahrstufe servieren.

Und kann jetzt nicht mehr zurück. Feige war er noch nie. Jede Herausforderung, von der er sicher war, sie zu bestehen, akzeptierte er. Nur manchmal versank er demütig in einem dunklen Tunnel der Ergriffenheit. Im SLR McLaren. Im Lamborghini Gallardo. Oder im Porsche GT. Und jetzt ist Schluss mit putzig. Womöglich hätte der Fahrer die Remis-Offerte annehmen und sich nicht sofort für den Rennstart aus der heimischen Boxengasse entscheiden sollen. Er hält mit dem kräftigen Linksfuß auf der Bremse den ins Zucken und Knurren geratenden GT-R fest und streichelt mit seinem zierlichen und höflichen rechten Füßchen, von dem sich schon russische Ballerinen begeistern ließen, das Gaspedal. Die Folgen sind zwar nicht verheerend, doch ziemlich verstörend.

Unerwartete Gehorsamkeit in Bewegung

Denn der Nissan GT-R setzt sich mit unerwarteter Gehorsamkeit in Bewegung, er katapultiert sich vehement und mit unerhörter Nachdrücklichkeit aus dem Stand auf eine dynamische Linie, die zerhackt wird in eine Abfolge von Episoden des Beschleunigens und des Schaltens. Kein Qualm von durchdrehenden Rädern, weil wegen des Allradantriebs kein Rad durchdreht. Kein Kreischen aus dem Maschinenraum. Weil der Motor sehr verhalten knurrt und von seltsamer Ruhe erfüllt scheint. Kein unwürdiges Ringen um Druckpunkte der Kupplung und Reißen am Schalthebel. Das Getriebe schaltet auf Fingerdruck, und dass der Wechsel von Schaltstufen wie die Hammerschläge eines im Liebestaumel verwirrten Schmiedes klingen und der Fahrer glaubt, direkt auf dem Amboss zu sitzen, sorgt nur zum Beginn der Fahrt für Misstrauen. Alle Nebengeräusche, Rasseln, Schaben und Knarzen und Pfeifen und Klirren und Atmen und Keuchen: vitale Äußerungen eines Nissans, der sich nicht über Geschmeidigkeit, sondern über den Grenzbereich definiert.

Wo dieser endet, wollte der Fahrer nicht ausloten. Das GT-R-Fahrwerk ist immer schneller als erlaubt. Auf der Autobahn, in jenen weiten Kurven, die sich durch das bayerische Unterland ziehen und sich am frühen Morgen eines Sonntags frei und bloß dem Nissan darbieten, da gerät eher der Fahrer an seine Grenzen. Gut 320 km/h signalisiert der Tacho, und der GT-R will noch mehr. Der Fahrer fühlt den Drang innerer Organe, sich aus ihrer Position nach außen zu verlagern, und spürt den Krallengrip der Räder. Und dann läuft er in dieser 300-km/h-Kurve mit ihren fiesen Bodenwellen auf einen schläfrigen Jüngling auf, der seine verspoilerte Limousine aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gerade mal auf lächerliche 200 beschleunigt hat. Der GT-R bremst kurz an und zieht dann wie das Licht aus einer Gewitterwolke innen vorbei. Keiner hat es gesehen. Vielleicht ist es gar nicht geschehen.

Um 85 000 Euro herum kostet der GT-R, wenn man ihn im ultimativen Silber erwirbt. Und man wird ihn nie unter zwölf Liter köstlichsten Superbenzins je 100 Kilometer fahren können. Das sind im Land der Supersportwagen fast Sozialtarife. Wie es um den Wiederverkauf bestellt ist, das weiß niemand, aber die Chance, ein kantiges Sammlerstück erworben zu haben, ist groß. Von einem GT-R trennt man sich nicht. Und wenn der Fahrer bei der Rückkehr ins häusliche Reich rechtzeitig das Messer aus den Zähnen nimmt und frische Wäsche am Leibe hat, freut sich das Weib dann doch und nimmt ihm den Zündschlüssel weg. Weil es mit dem GT-R zum Kindergarten will. Auch das kann dieser Nissan.

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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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