03.12.2009 · Nautor ist Legende. Aber die letzten Modelle waren manchem zu gesichtslos. Die neue Swan 60 soll zum Meilenstein werden, ein Vorbild für eine komplett neue Linie. Bericht von Bord der Baunummer 1.
Von Claus ReissigDie Swan 60 liegt strahlend weiß in der Sonne und im Blickfeld der Gäste des Restaurants auf der Pier. Auf dem Dach ist eine Webcam installiert, die dem Eigner alle paar Sekunden aktuell seine Yacht auf den heimischen Bildschirm bringt. Die Szene erinnert an Peter Fox' „Haus am See“, und man braucht die Gäste an den Restauranttischen nicht zu fragen, was sie gerade denken, sondern sieht es ihren Gesichtern an: Was wird dieses schöne Boot wohl kosten? Selbst wenn sie bei Nautor auf der Homepage nachsähen oder eine Bootsmesse besuchten, würden sie keine Auskunft bekommen. Der Preis - das ist Unternehmenspolitik - wird nur ernsthaften Interessenten mitgeteilt. Aber hier sei es verraten: rund 2,8 Millionen Euro. Immerhin ist die Mehrwertsteuer schon drin.
Viel Geld. Eine vergleichbar große Yacht aus der Großserienfertigung ist für gerade einmal ein Drittel zu haben - die Verkäufer hassen diesen Vergleich. Er ist auch nicht fair. Ein derart schönes Schiff, durchdacht bis in die hinterste Ecke, sieht man selten. Makellos spannt sich das Teakdeck mit seinen weißen Fugen von achtern über fast 19 Meter Länge nach vorn, umfließt dabei mit schmalen, gleichmäßigen Fugen die bei Nautor eigens hergestellten bündigen Luken mit weiß lackiertem Kohlefaserrahmen, endet am unverschämt spitzen Bug. Dieses Schiff wirkt nicht wie gebaut, sondern wie komponiert, jede Leine nimmt einen vorbestimmten Weg, nichts kreuzt sich oder stört, alles hat seinen Platz auf dem Gesamtkunstwerk. Mittendrin der schwarze Kohlefasermast, der vermutlich schon einmal mit einem Drittel eines Großserien-Gesamtpreises zu Buche schlägt, zuzüglich der Segel.
Bei Nautor's Swan in Finnland gibt es einen Projektmanager, der speziell für dieses eine Schiff tätig war. Es gibt auf dem gesamten Schiff nur noch einen einzigen Schäkel, alle anderen Verbindungen übernehmen sogenannte Loops, die sind ebenso stabil, aber wesentlich leichter, und nichts steht hervor, woran man sich die Füße stoßen könnte. Bei der Vorführyacht ist sogar die Fußreling (bis auf den Bereich des Vorschiffs, dort ist sie nach der CE-Kategorie A vorgeschrieben) verschwunden, ebenso wie Handläufe auf dem Kajütdach. Das ist schön anzusehen, aber bei schlechtem Wetter keine wirklich angenehme Sache. Schließlich soll die Swan 60 nach dem Willen ihrer Erbauer nicht nur Schönwettertyp für Tagesausflüge, sondern auf den Ozeanen dieser Welt zu Hause sein.
Zurück zu den Wurzeln, heißt das Konzept
Die Neue übernimmt die Führungsrolle für eine ganze Serie kommender Modelle, die für die nächsten Jahre geplant sind (siehe Interview). Zurück zu den Wurzeln, heißt das Konzept, und man könnte jubeln, so schön ist es gelungen. Vor allem auch unter Deck. Nach langen Jahren, in denen die finnische Werft mit ihren italienischen Eigentümern immer wieder Schelte für ihr konservatives Design bekam, scheint mit der 60 der Durchbruch gelungen. Zum Glück ist nicht noch ein Wally-Abklatsch entstanden, sondern etwas Eigenständig-Modernes. Ein bisschen Blockhütte aus geöltem Teak, gepaart mit kräftigem Leder wie in einem englischen Jagdschloss, eingerahmt von weißen Schränken, die an einen Airbus erinnern, das Ganze sehr einladend und indirekt mit Diodenlicht beleuchtet. Da wird Swan nun möglicherweise selbst zum Objekt der Begierde eifriger Kopierer.
Einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Eindruck des Vollkommenen leistete das erstmals konsequent genutzte 3D-Mock-Up, in dem alle Baugruppen und Einzelteile virtuell schon einmal angeordnet werden können. Die Möbel entstanden vorher am Computer, aber auch die Leitungen wurden schon Monate im Voraus virtuell verlegt, Pumpen eingebaut und Räume für Zusatzausstattungen konstruiert. Wenn sich Klempner und Elektriker in die Quere kamen, taten sie es schon vorher auf dem Bildschirm und nicht beim Bau der teuren Yacht. Alle Durchbrüche durch Schotten und Möbel wurden festgelegt, bevor es richtig ans Werk ging, und in der Konstruktion berücksichtigt. Kein Handwerker musste mit einer Bohrmaschine nach Wegen suchen. Öffnet man den Verschlag von Seewasserentsalzungsanlage und Generator, fragt man sich, wie das alles dort bloß hineingekommen ist. Jede Ecke ist genutzt, die Technik endet millimetergenau hinter der Tür.
An kugelgelagerten Rutschern den Mast hoch
Neugierig verfolgen die Zuschauer an den Restauranttischen das Ausparken der Swan 60. Das 3DL-Segel gleitet an seinen kugelgelagerten Rutschern den Mast hoch, der mächtige Baum, der gleichzeitig als Garage für das Großsegel dient, schwingt nach außen, und nur Sekunden später vermeldet die Digitalanzeige am Mast bei vier Windstärken mehr als acht Knoten Fahrt. Der komplett flache Rumpf, dessen Bilge keinerlei Platz für Tanks oder Stauraum bietet, springt unverzüglich an. Dank Kohlefaserbauweise mit vorgetränkten Epoxidharzmatten hat die Swan 60 nicht ein Gramm zu viel auf den Rippen. 19,5 Tonnen bringt das Schiff auf die Waage. Unser Vergleichsschiff aus der Großwerft wiegt fünf Tonnen mehr.
Statt einer vielfach geschorenen Großschottalje mit martialisch durchs Cockpit donnerndem Travellerschlitten tritt hinter dem Rudergänger eine einzige Leine aus dem Boden wie eine überdimensionierte Lakritznudel. Darunter liegen quer drei Hydraulikzylinder, die die Schot je nach Winkel des Großbaums in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Kraft dichtholen oder fieren - der Magic Trim. Irgendwie geschieht fast alles an Bord magisch auf Knopfdruck, an den Steuerständen, die an Scotty's Bedienpult zum Beamen erinnern, an den direkt über dem Boden eingelassenen Paneelen. An der Kreuz registrieren wir reichlich neun Knoten über Grund, die Flensburger Förde schrumpft zusammen. Andere Yachten, an denen wir in Lee vorbeibrettern, scheinen zu stehen.
Gewaltige Kräfte am Werk
Der Wind legt auf fünf Beaufort zu, die ersten Böen einer nahenden Front ziehen über die Swan hinweg. Zweites Reff im Groß, die Genua ebenfalls verkleinert, und immer noch stehen raumschots 10,5 Knoten auf dem Display. Leichter Druck am Steuer deutet an, dass gewaltige Kräfte am Werk sind. Das Schiff leistet sich keinerlei Unsicherheiten, bleibt auch dank des bis auf drei Meter Tiefe reichenden Kohlefaserruderblatts immer kontrollierbar. Um das beim Rückwärtsanlegen zu schützen, gibt es einen zusätzlichen Tiefenmesser am Heck. Der offene, mediterrane Stil des Cockpits bietet wenig Schutz vor schlechtem Wetter. Den muss man in Form von Ölzeug selber mitbringen. Oder man begibt sich unter Deck.
Das Jaulen des Windes bleibt außen vor. Hier unten lässt die Swan den einsetzenden Seegang noch nicht spüren; wie in einem Video gurgelt die bewegte See geräuschlos hinter den Panzerglasfenstern vorbei. Wenn's wogt, wollen die Laufwege gut geplant sein, damit man - angesichts der Breite des Rumpfs im Bereich des Niedergangs - Festhaltemöglichkeiten nutzen kann. Über dem quer eingebauten Kartentisch (mit seinem nur mäßig komfortablen Klappsitz) leuchtet der Monitor des „Yachtmanagementsystems“ mit seinen virtuellen Schaltern und Anzeigen. Alle paar Minuten macht er sich mit einem Alarm wichtig. Irgendwo sitzt der Rechner, der alles unter Beobachtung hat. Ein Ausfall würde einen unmittelbar in die Steinzeit der Segelei zurückwerfen, doch da unterscheidet sich die Swan 60 nicht von anderen modernen Yachten. Zur Not gibt's ja noch einen Schäkel an Bord. Er befindet sich am Anker.
Technische Daten:
Länge 18,86 m; Länge in der Wasserlinie 16,70 m; Breite 5,09 m; Tiefgang 3,60 m (Flachkiel mit 3,0 m Option); Verdrängung Cruisingversion 19,5 t (Flachkiel 20,3 t); Ballast 7,7 t (Flachkiel 8,5 t); Ballastanteil 39 % (Flachkiel 43 %); Segelfläche 221 m2 (Genacker 320 m2); Masthöhe über Wasser 28,30 m; Frischwassertank 400 l; Dieseltank 500 l; Maschine 110 PS Volvo Penta Diesel mit starrer Welle und vierflügligem Faltpropeller.
Konstruktion: Rumpf Kohlefaser aus mit Epoxidharz vorgetränkten Matten (Prepreg) in Negativform laminiert; über Wasser sowie Deck Kohlefaser-Sandwich; Kiel Stahlfinne mit Bleibombe. Design Frers Naval Architecture; CE Kategorie A (Hochsee).
Grundpreis etwa 2,8 Millionen Euro. Serienausstattung u. a. durchgesteckter Kohlefasermast sowie -baum, Rodrigg, elektrische Rollreffanlage, elektrische Winschen, elektrohydraulische Bedienung für Backstag, Baumniederholer, Unterliek usw., Radar/Plotter, Satellitentelefon, Generator, Meerwasserentsalzungsanlage, Klimaanlage, Soundsystem, TV.
Werft: Oy Nautor AB, PO Box 10, 68601 Pietarsaari, Finnland, Telefon +358- 67 60 11 11. In Deutschland: Nautor's Swan Deutschland, 24937 Flensburg, Telefon 04 61/ 12 32 30
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Tam Axel von Bülow (tamvonbuelow)
- 03.12.2009, 23:35 Uhr