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Motorräder im Retrolook Nicht nur für Grauhaarige

Eine Zeitreise im Motorradsattel: Nicht nur sentimental gewordene Silberköppe sind empfänglich für diese Motorräder, die älter aussehen als sie sind.

© Hersteller Vergrößern Das Segment der Klassiker nimmt Jahr für Jahr einen größeren Stellenwert ein

Es ist nicht so, wie man vielleicht denkt. Dass nämlich nur sentimental gewordene Silberköppe empfänglich sind für das, was man auf dieser Seite sieht. Männer um die 50 oder 60 also, die beim Blick in den Spiegel feststellen, dass das Leben Spuren hinterlässt, nicht nur bei anderen, sondern ärgerlicherweise sogar bei einem selbst.

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Als das Gesicht noch unzerknittert war, hinterließen Motorräder Ölfecken am Boden, sprangen schlecht an, bremsten noch schlechter und zogen eine Qualmwolke hinter sich her. Aber wer zum Beispiel eine Yamaha RD 250 am Schulhof parkte, dem steckten manchmal Mädchen aus der Parallelklasse Briefchen an die Maschine, sofern er nicht ein totaler Trottel war. Wer kein Motorrad hatte, hätte gern eins gehabt, es war fester Bestandteil einer jugendlichen Kultur aus Musik und Mode und Momenten, die im Rückblick besonders wertvolle waren.

22981699 © Hersteller Vergrößern Welches Jahrzehnt hätten Sie denn gern? Harley-Davidson macht das. Kennedy war noch lange nicht Präsident, als Motorräder aussahen wie die Softail Slim. 1,69-Liter-Kraftwerk, knapp 80 PS, 20.000 Euro

Gefühlsduselei, gewiss, aber es ist nur verständlich, dass man sich diese Zeiten gern zurückholt, wenn die Möglichkeit besteht. Motorräder, die aussehen wie ihre Vorfahren in den Fünfzigern, Sechzigern, Siebzigern, spielen seit geraumer Zeit eine gewichtige Rolle im Markt, Tendenz steigend. Harley-Davidson lebt bestens davon, dass sich im Sinne der Tradition luftgekühlte V-Twins in ihrem Stahlrahmen schütteln. Die Nostalgiker aus Milwaukee haben um ihre Maschinen eine Erlebniswelt aus Historie, Zubehör, Klamotten, Ausfahrten in der Chromkolonne, Born-to-be-wild-Feeling geschaffen.

Triumph verkaufte im Jahr 2012 mehr Bonnevilles als alles andere - weltweit 14 400 Fahrzeuge dieser „Modern Classic“-Modellfamilie, in Deutschland 1095 Stück. Keine Ölflecken mehr, aber Einspritzanlagen, die als Vergaser getarnt sind - mit solchen Details sind die Briten authentisch. Zuverlässigkeit ist Pflicht und Selbstverständlichkeit heutzutage, die Vergangenheit lebt, wie im Fall der bezaubernden Kawasaki W 800, durch Speichenräder, Faltenbälge und eine wunderschön präsentierte Königswelle für den Ventiltrieb auf.

22981685 © Hersteller Vergrößern Die Bonneville T100, 68 PS, ab 8990 Euro, hier mit Touring-Zubehör, verkörpert die Sechziger. Man beachte den Peashooter-Auspuff. Triumpf wird sein Klassikerangebot noch ausbauen.

Viele Hersteller haben inzwischen verstanden: Hier geht was, denn nicht nur die Generation der Grauhaarigen verfügt über Sinnesorgane für klare, klassische Formen. „Die Klientel wird immer jünger,“ stellt Triumph-Sprecher Ulrich Bonsels fest, „es gibt eine wachsende, erfrischend junge, unglaublich aktive Szene.“ Darin ist das Motorrad plötzlich wieder in einen „Lifestyle“ eingebunden, dem Ästhetik wichtiger ist als Leistung und Leistungsgewicht, elektronische Hilfssysteme und Bremsen mit dem Biss der Mamba. Umbauten, Veränderungen nach eigenem Geschmack, regelmäßige Festivals des gemeinsamen Zurschaustellens und Benzinverbrennens wie das am Glemseck setzen Impulse. Darüber schwebt der Geist von Ace Café und Easy Rider, auch wenn es abgedroschen klingt.

Das Segment der Klassiker nimmt Jahr für Jahr einen größeren Stellenwert ein, sagt Bonsels: „Wir sehen großes Potential und setzen für die Zukunft darauf.“ Triumph bereitet eine größere Modelloffensive mit weiteren Retro-Maschinen vor, vermutlich mit größeren Motoren als den bisherigen 865-Kubikzentimeter-Reihenzweizylindern.

22981711 © Hersteller Vergrößern Nicht mehr als diese Skizze zeigt BMW bisher vom angekündigten klassischen Motorrad

Auch BMW Motorrad will im 90. Jahr seines Bestehens auf die klassische Karte setzen und ein puristisch gezeichnetes Motorrad mit dem in den Volumenmodellen demnächst auslaufenden luftgekühlten 1,2-Liter-Boxermotor herausbringen. Mehr als Andeutungen dazu gab es aus München bisher nicht. Rollerhersteller Piaggio enthüllte mit der Vespa 946 neulich einen Scooter, der gekonnt an die Anfänge in der Nachkriegszeit erinnert.

22981696 © Hersteller Vergrößern Das Gesicht kommt einem verdammt bekannt vor. Die Moto Guzzi California ist aber kein plumper Nachbau der 850 T3 von 1975, sondern ein moderner Tourer voller Elektronik. 96 PS, 340 Kilo, knapp 20.000 Euro

Moto Guzzi leitete vor wenigen Wochen das fulminante Comeback der California ein. Bei dem schweren 1,4-Liter-Cruiser mit Tourenausstattung handelt es sich weniger um einen Nachbau als um den Versuch, verblichenen Ruhm mit modernen Mitteln aufzufrischen, doch ist das Erbgut aus den Siebzigern unverkennbar. Jüngster Neuzugang in der Kategorie Nostalgie ist die Honda CB 1100, deren stilistisches Vorbild die längst zur Legende erklärte CB 750 Four von 1969 ist. Einen Vierzylinder mit Luft- statt Wasserkühlung und filigranen Kühlrippen hatten die Japaner schon seit Jahrzehnten nicht mehr gebaut. In Europa wollten sie das für die Heimat entwickelte Modell zunächst gar nicht anbieten, weil sie ihm wenig Chancen einräumten. Doch Interessenten und Händler haben so lange danach gerufen, bis die Strategen weich wurden.

22981683 © Hersteller Vergrößern Mit der CB 1100 führt uns Honda rund 40 Jahre zurück in die goldene Ära der CB 750 Four. Markteinführung in diesen Tagen, Vierzylinder mit Luft-/Öl-Kühlung, 90 PS, 11.255 Euro

Die CB 1100 vereint den Anblick von einst mit heutigen Anforderungen an Umweltnormen, an die Funktion von Bremsen und Fahrwerk. Sie hat, wie ihre Kolleginnen, nichts Einschüchterndes an sich und wird rundum als Sympathieträger wahrgenommen. 66 kW (90 PS) stellen eine überschaubare Leistung dar, der Motor läuft seidenweich, die Sitzposition ist entspannt und das gesamte Paket auf unkomplizierten Genuss ausgerichtet. Für Motorräder dieser Gattung gilt: Es ist nicht so wichtig, was man damit macht. Wichtiger ist, was das Motorrad mit einem macht. Es entkrampft, stellt Lässigkeit und innere Ruhe her. Man hat nichts zu beweisen, verabschiedet sich vom allgemeinen Hochrüsten und Hinterherhecheln. Wasn’t born to follow.

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© Hersteller, F.A.Z. Vergrößern Honda CB 1100: Aus der Tiefe des Traumes

Die Entwicklung der CB 1100 sei schwierig gewesen, sagt Honda-Projektleiter Hirofumi Fukunaga, weitaus schwieriger als die einer hochgezüchteten Supersportmaschine. Dort sei man geleitet von ganz eindeutigen Zielen - hohe Leistung, niedriges Gewicht und so weiter. Hier aber gebe es kein Patentrezept, kein Richtig oder Falsch. „Es ging darum, ein Gespür für das Früher zu bekommen, einen Charakter zu definieren. Es ging allein um Emotionen.“

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Harley-Davidson dominiert

Unter den 100 meistverkauften Motorrädern in Deutschland fanden sich im vergangenen Jahr 15 Retro-Maschinen. Allein zwölf davon stammen von Harley-Davidson, zwei aus Europa, eins kommt aus Japan. Die japanische Fahne hält die Kawasaki W 800 hoch, 413 Neuzulassungen bedeuten Rang 68. Die englische Triumph Bonneville (454) belegt Rang 60. Triumphs Klassikerfamilie insgesamt einschließlich der Typen Scrambler und Thruxton brachte es laut Hersteller in Deutschland auf 1095 Exemplare. Gerade so eben in die Top 100 schaffte es die Moto Guzzi V7 Classic: 258 Zulassungen, Rang 95. Damit ist die V7 immerhin das bestverkaufte Modell der italienischen Manufaktur. Die zwölf gelisteten Harley-Modelle gehören in ihrer Mehrzahl zu den vergleichsweise günstigen Produkten der Motor Company. Vorne liegt, wie schon 2011, die rund 10 600 Euro kostende XL1200X, besser bekannt als Sportster Forty-Eight (1223 Stück, Platz zehn). Zwei Vertreter der Dyna-Baureihe schafften es unter die Top 50: Fat Bob (rund 16 000 Euro) mit 847 Exemplaren und die fast 3000 Euro günstigere Street Bob (knapp 700 Stück). Die neun anderen Retro-Harleys (es gibt auch einige Modelle der Amerikaner, die nicht in diese Kategorie gehören) sind jenseits von Rang 51 gelandet; die Road King etwa (23 000 Euro) wurde 70. (379 Exemplare). Hondas CB1100 (Bild links) dürfte in der Statistik für 2013 auftauchen. Der Hersteller rechnet mit einem Absatz von 450 Fahrzeugen. (fbn.)

Quelle: F.A.S.

 
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