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Veröffentlicht: 25.01.2013, 17:29 Uhr

Motorrad Honda CB 1100 Aus der Tiefe des Traumes

Die Honda CB 1100 soll das Erbe eines Motorrads antreten, das eine Legende ist. Die moderne Interpretation eines Klassikers ist keine leichte Aufgabe. Ein erster Fahrtbericht.

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© Hersteller, F.A.Z. Honda CB 1100: Aus der Tiefe des Traumes

Honda hat sich lange geziert. 1999, dreißig Jahre nach Erscheinen der CB 750 Four, einer Ikone der Motorradhistorie, wurde auf der Tokio Motor Show der Entwurf einer Vierzylinder-Maschine im Retro-Design vorgestellt, mit Luftkühlung, wie ehedem. 2007 folgte ein weiteres Konzeptmodell, aus dem schließlich eine Serienmaschine namens CB 1100 hervorging. Die wird seit 2010 in Japan, Australien und Neuseeland verkauft. Aber nur dort. Amerika, Europa, Deutschland wurde das Motorrad vorenthalten. Es gab Unmut deswegen. Jetzt kommt es doch.

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Gewissheit herrscht seit der Kölner „Intermot“ im vergangenen Herbst, wo die CB 1100 als Neuzugang präsentiert wurde, vorige Woche gab es ein erstes Kennenlernen für die Presse. Im Februar wird sie bei den hiesigen Händlern erscheinen und an Kunden weitergegeben, denen ein stilechter Blick in den Rückspiegel 11 255 Euro wert ist.

Der Preis wird kein Hindernis sein. Wer diese Honda haben will, der will sie haben. Nostalgisches ist gefragt momentan, das hängt mit der Erkenntnis zusammen, dass früher zwar nicht alles besser, aber manches schöner und man selbst jünger war. Diese Zeiten holt man sich gern zurück, die CB 1100 ist das passende Vehikel dafür, ein charmantes Zeiteisen, angetrieben von einem großvolumigen Vierzylinder mit Luftkühlung. Schaut man ihr ins Gesicht - Blinker, Doppelhupe, Tacho- und Drehzahlmessergehäuse wie einst um einen großen Rundscheinwerfer mit Chromring gruppiert -, ist es, als träfe man nach langer Zeit einen alten Bekannten wieder, mit dem man sich immer bombig verstanden und öfters einen draufgemacht hat.

Honda spricht von einer modernen Wiedergeburt

Eine mittlerweile archaisch anmutende Luftkühlung war für die Honda-Mannen von Anfang an Kern des Konzepts dieser modernen Interpretation eines klassischen Motorrads. Warum? „Muss einfach sein“, sagt Chefdesigner Mitsuyoshi Kohama lapidar. Die Frage erübrigt sich beim Betrachten des schönen Triebwerks mit den feinen Kühlrippen. Wer dennoch das Verlangen nach einer Wasserkühlung verspürt, nach mehr Leistung, der soll einmal dem historisch korrekten Knacken und Ticken dieses Motors beim Abkühlen zuhören. Er wird ergriffen schweigen.

Es gibt 66 kW (90 PS), das reicht. Das ist mehr Qualm, als jene Maschine aufbot, welche die Inspiration für die CB 1100 lieferte, die CB 750 Four, Traummotorrad einer Ära, die nun rund 40 Jahre zurückliegt. Honda spricht von einer modernen Wiedergeburt. Kohama spricht von einem freundlichen Motorrad für Genießer. Nicht auf besonders hoher Leistung lag der Fokus der Entwickler, die man mit Oldtimern von damals auf die Straße geschickt hat, um deren Charakter zu erspüren, sondern auf Stil und Gefühl. Gut so. Honda hat sich in den vergangenen Jahren vor allem durch tüchtige, mitunter arg nüchterne Motorräder hervorgetan, die den Verstand ansprechen. Die CB 1100 zielt aufs Herz und verdreht einem den Kopf. Gestreckte Linien, wenig Plastik, viel Metall, viel Chrom, authentische Details von den Stereo-Federbeinen bis zu den Zifferblättern im Cockpit, die in einem ähnlich undefinierbaren Dunkelgrün im Sonnenlicht schimmern wie die der 750. Das ist alles so klar und klassisch zusammengefasst, dass man gern noch auf das Digitaldisplay zwischen den analog anzeigenden Rundinstrumenten verzichten und sich statt des Solo- einen Doppelschalldämpfer wünschen würde. Oder sogar eine Vier-in-vier-Anlage.

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Im Zentrum von alldem der Reihenvierzylinder mit 1140 Kubikzentimeter Hubraum, der natürlich in einem Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen hängt, auf der Höhe der Normen dieser Zeit dank elektronischer Einspritzung, Katalysator, ergänzender Ölkühlung, nicht auf hektisch hohe Drehzahlen ausgelegt, sondern auf ruhige Durchzugskraft und seidenweichen Lauf. Schon bei 5000 Umdrehungen je Minute erreicht er sein maximales Drehmoment von 93 Newtonmeter. In niedrigen Drehzahlen liefert er gleichmäßigen, berechenbaren Schub, bei 5000/min einen unterhaltsamen Kick und dann bis etwa 8000 Touren ein angenehmes Feuer.

Übermotorisiert ist die Honda nicht, aufrecht und entspannt die Sitzhaltung, Gelassenheit die Grundstimmung im Sattel. Man gewöhnt sich an, früh hochzuschalten mit dem präzisen, leichtgängigen Fünfganggetriebe, wird nicht von störenden Vibrationen heimgesucht, baut Vertrauen auf zum stabilen Fahrwerk und den feinen, serienmäßig mit ABS und Kombifunktion ausgestatteten Bremsen. Nicht ganz astrein, nämlich in niedrigen Geschwindigkeiten mitunter etwas ruckig, ist das Lastwechselverhalten.

Den Verbrauch - nachzumessen war das noch nicht - gibt Honda mit rund 5,5 Liter auf 100 Kilometer an. Die Reichweite ist angesichts des recht kleinen Tanks mit 14,5 Liter Fassungsvermögen eher bescheiden, auffällig dafür das leichtfüßige Verhalten der mit vollem Fass immerhin 248 Kilogramm wiegenden Maschine: Einlenken und Schräglagenwechsel gelingen mühelos, was zu einem guten Teil auf die nach heutigen Maßstäben niedlich schmale Bereifung (110er vorn, 140er hinten, jeweils auf 18-Zoll-Rädern) zurückzuführen sein dürfte.

Wer heute vor einer alten CB 750 steht, die mal als Ungetüm galt, wundert sich, wie klein die inzwischen wirkt. Auch die CB 1100 fühlt sich schmal und kompakt an, macht es auch weniger erfahrenen Piloten einfach. Jahrelang haben Hondas Strategen diesem Produkt außerhalb Japans nicht viel zugetraut. Jetzt heißt es, die Nachfrage sei größer als zunächst angenommen. Händler haben nicht losgelassen, Interessenten lange genug gequengelt. Ob die nun auch alle zuschlagen, ist die Frage. Sicher ist das nicht. Zumindest wird, wenn nicht alles täuscht, für die CB 1100 gelten, was schon auf die CB 750 zutraf: Ist auch in 40 Jahren noch ein schönes Motorrad.

Quelle: F.A.Z.

 

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