Home
http://www.faz.net/-gya-qxtv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Motormarkt Die Marktmacht von Fiat hat sich längst relativiert

15.07.2005 ·  Italien ist der drittgrößte Neuwagenmarkt in Europa. In der Beliebtheit der Italiener rangieren dann auch die heimischen Hersteller ganz vorne. Vor allem kleine und kompakte Autos zu erschwinglichen Preisen sind gefragt.

Von Thomas Geiger
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Während in Europa auf vielen (Neuwagen-)Märkten in den vergangenen Jahren zum Teil deutliche Einbrüche zu verzeichnen waren, hielt sich der Markt südlich der Alpen stabil, zum Teil gab es sogar leichte Zuwächse. So meldet für das Jahr 2004 die Turiner "Associazione Nazionale Fra Industrie Automobilistiche" (Anfia) 2,259 Millionen Neuzulassungen und damit gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg um 0,5 Prozent. Allerdings wurde dieses Wachstum nach Angaben des Verbandes vor allem im ersten Halbjahr erreicht und von einem Minus in der zweiten Halbzeit beinahe wieder aufgezehrt. Und weil die steigenden Kraftstoffpreise, die schlechte wirtschaftliche Gesamtsituation und die Besteuerung der Neuwagen den Kunden die aktuelle Kauflust nachhaltig verdorben haben, ist der Markt im ersten Quartal 2005 im Vergleich mit dem Vorjahr um annähernd sechs Prozent auf 677000 Fahrzeuge gesunken - und nach ganz aktuellen Halbjahreszahlen liegt der Markt sogar jetzt um fast zehn Prozent im Minus. Legt man das Jahr 2004 zugrunde, kommt Italien auf etwa 16 Prozent der 14,1 Millionen Neuzulassungen in den 15 europäischen Kernländern. Damit ist der Stiefel nach Deutschland (23,1 Prozent) und Großbritannien (18,2 Prozent) der drittgrößte Neuwagenmarkt in Europa. Dazu kommen allein im ersten Quartal dieses Jahres noch gut vier Millionen Besitzumschreibungen jährlich bei den Gebrauchten.

Ganz vorn in der Gunst der Italiener liegen allen Unkenrufen zum Trotz die Fahrzeuge des Fiat-Konzerns, die im letzten Jahr laut Anfia auf einen Marktanteil von zusammen 28,1 Prozent kommen. Für das erste Quartal 2005 weist die Statistik sogar 28,4 Prozent aus. Damit ist man aber meilenweit von den Zeiten entfernt, in denen Fiat, Lancia und Alfa Romeo fast zwei Drittel des Marktes unter sich ausmachten. Stärkster Importeur im Jahr 2004 ist Ford mit 8,1 Prozent Marktanteil, gefolgt von Opel (7,4 Prozent), Renault (7,0) und Citroen (6,5). Als bester japanischer Anbieter erreicht Toyota mit 5,6 Prozent den siebten Platz in der Anfia-Jahresbilanz. Smart kommt aufgrund der Popularität des Zweisitzers in Großstädten auf einen Marktanteil von 1,54 Prozent und liegt damit an sechzehnter Stelle, vor Seat und allen japanischen Anbietern außer Nissan.

Obwohl die Fiat-Marktanteile stark gesunken sind, reicht es immer noch zu drei italienischen Autos auf den Medaillenrängen. So führt das Marktforschungsinstitut Jato Dynamics für 2004 als Bestseller mit 177000 Zulassungen den Fiat Punto, gefolgt vom Fiat Panda (112000 Zulassungen) und dem Lancia Ypsilon (74000). Bestes Importfahrzeug ist der Ford Fiesta auf Rang 4 mit 70000 Zulassungen, direkt gefolgt vom Toyota Yaris, dem meistverkauften asiatischen Auto. Mit dem Seicento (9.) ist ein weiterer Fiat unter den ersten zehn, in Deutschland wird dieses Auto nicht mehr angeboten. Der kompakte Stilo ist Elfter.

Klein und kompakt solle es sein

Die Italiener kaufen hauptsächlich Klein- und Kompaktwagen - vor allem die Privatkunden. "Denn mehr als 80 Prozent der Neuwagen-Zulassungen entfallen auf die Segmente A, B, C und die kleinen Vans", sagt Giovanni Pioli, der Jato Dynamics in Italien vertritt. Die meisten neuen Autos seien deshalb kleiner als der VW Golf. Nur zehn Prozent der Fahrzeuge, vor allem viele Geschäfts-, Flotten- und Firmenwagen werden noch im schrumpfenden D- und E-Segment, also vom VW Passat aufwärts, verkauft. Und immerhin bereits neun Prozent des Marktes entfallen auf Nischenmodelle wie Gelände- oder Sportwagen. Das insgesamt stärkste Segment ist das B-Segment des Marktführers Fiat Punto, auf das 43 Prozent der Neuzulassungen entfallen. In der Golf-Klasse, die Italiener lieber Stilo-Klasse nennen würden, werden 17 Prozent der Neuzulassungen angemeldet, und die Minis vom Format des Panda machen 13 Prozent des Marktes aus: Anders als in Deutschland werden in Italien zum Beispiel zweimal mehr Geländewagen (5,3 Prozent Anteil) als Limousinen von der gehobenen Mittelklasse aufwärts an (2,5 Prozent) verkauft.

Durchschnittspreis 18600 Euro

Weil der Schwerpunkt auf den kleinen Klassen liegt, ist in Italien der Preis des Durchschnitts-Neuwagens eher niedrig. Während laut Jato Dynamics zum Beispiel die Deutschen im Mittel 24300 Euro für ihren Wagen ausgaben oder die Spanier 20600 Euro zahlen, investiert der Italiener nur rund 18600 Euro. Dabei geht es allerdings laut Pioli mittlerweile auch in italienischen Autohäusern zu wie auf dem Mercato Centrale kurz vor der Siesta, Rabatte von acht bis zehn Prozent sind die Regel.

Bei der Ausstattung setzt der Italiener andere Schwerpunkte als der Deutsche. "Weil jeder von sich und seinen Fahrkünsten extrem überzeugt ist, spielt die Sicherheitsausstattung quasi keine Rolle", sagt der Jato-Manager. "Schließlich ist jeder Italiener per se ein perfekter Rennfahrer und braucht deshalb keine Airbags oder ESP", faßt Pioli überspitzt zusammen. Statt dessen investiert er das Geld lieber in seine "bella figura", also den für alle sichtbaren Luxus, oder in Komfortfeatures - allem voran in portable Navigationssysteme. Dafür übt man sich jenseits der Alpen unter der Motorhaube in Bescheidenheit. "Der italienische Markt ist vom Kleinwagen aus gewachsen, deshalb haben viele Kunden noch immer eine mentale Barriere bei mehr als zwei Litern Hubraum", sagt Pioli. Nicht zuletzt deshalb liegt der italienische Neuwagen hinsichtlich der Motorkraft nach einer Statistik aus dem Jahr 2003 deutlich unter dem europäischen Mittel von 78 kW (106 PS) oder gar den 87 kW (118 PS), die auf dem deutschen Markt der Durchschnitt waren.

Dafür jedoch sind die Italiener den Deutschen beim Diesel voraus. Für das Jahr 2003 weist der europäische Herstellerverband Acea (Brüssel) für Italien einen Dieselanteil von 48,7 Prozent aus. Im europäischen Mittel lag er bei 44,3 Prozent und in Deutschland "nur" bei 39,9 Prozent.

Insgesamt sind in Italien nach Angaben des Acea gut 33,7 Millionen Autos zugelassen (Stand 2002). Damit steht das Land nach Deutschland (44,7 Millionen) im europäischen Vergleich auf dem zweiten Rang. Entsprechend hoch ist auch die Fahrzeugdichte: Während sich nach Daten aus Brüssel in Deutschland 1000 Einwohner 541,6 Fahrzeuge teilen, standen den knapp 59 Millionen Italienern pro 1000 Bürgern 586,5 Autos zur Verfügung.

Beachtlicher Motorradmarkt

Italien ist also tatsächlich noch autoverliebter als Deutschland, und gäbe es keine Motorräder, wäre der Unterschied wahrscheinlich noch größer. Ohnehin kann der italienische Automarkt nicht beschrieben werden, ohne das motorisierte Zweirad zu erwähnen. Vor allem in den Großstädten und insbesondere in Rom hat man oft den Eindruck, es gibt mehr Vespas als Autos. Natürlich hängt das auch mit dem viel stabileren Wetter zusammen, aber das Motorrad (der Roller) ist in Italien als Transportmittel einfach selbstverständlich. Viele Manager und Managerinnen sind in den Metropolen in ihrem Business-Outfit auf zwei Räder unterwegs.

Das hat Auswirkungen auf die Statistik: Italien hat 2004 Deutschland sogar in absoluten Zahlen vom Platz 1 in Sachen Motorradmarkt verdrängt. Fast 150000 neue Maschinen (mit mehr als 125 Kubikzentimeter Hubraum) wurden zugelassen, hierzulande waren es knapp 130000. Noch vor zehn Jahren wurden jährlich in Deutschland fast dreimal so viele Bikes (rund 180000) verkauft wie in Italien (54000).

Die beiden ersten Teile der Serie befaßten sich mit Frankreich und Großbritannien (11./25. Juni). Am Samstag, dem 30. Juli, wird der spanische Automobilmarkt vorgestellt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Mit Mazda ein Romeo

Von Wolfgang Peters

Wenn sich zwei leidlich gesunde Automarken, ohne eine Hochzeit im Himmel zu zelebrieren, miteinander ins Bett legen, dann kommt ein Roadster dabei heraus. Alfa Romeo und Mazda haben genau diese Autoform im Sinn. Mehr