17.06.2005 · Bremerhaven ist die erste Station für die meisten Importautos auf deutschem Boden. Dort sorgt eine riesige Logistikmaschinerie für die Aufbereitung der Fahrzeuge, bevor sie ihre Weiterreise über den Händler zum Kunden antreten.
Von Isabella Finsterwalder-ReineckeWer heute ein neues Auto bestellt, hätte seinen Traumwagen am liebsten gleich morgen vor der Haustüre stehen. Allerdings, so einfach geht das vor allem bei den Autos nicht, die jenseits des großen Teichs oder in Fernost gebaut werden. Die meisten der für den hiesigen Markt bestimmten Import-Autos gelangen über Bremerhaven nach Deutschland.
Haben Hersteller mit deutscher Produktion sozusagen "Heimspiele", müssen sich insbesondere die außereuropäischen Autobauer ganz schön strecken, um ihre Ware zum hiesigen Kunden zu bringen. So dauert die Schiffsreise von Asien nach Europa je nach Wetterverhältnissen oder Meeresströmung immerhin einen knappen Monat. Dabei transportieren die bis zu 230 Meter langen Schiffe jeweils bis zu 6500 Fahrzeuge. Untergebracht sind die Autos in den riesigen Schiffskörpern auf zwölf bis sechzehn Decks. Die Kosten für den Transportweg von Asien nach Europa werden von Branchenkennern auf rund 400 Euro je Fahrzeug beziffert. Bis die Autos dann definitiv in den Showrooms der Händler stehen, kann es vom Bestelleingang über die Produktion im Mutterland, die Fahrzeugaufbereitung bis zur Auslieferung acht bis zehn Wochen dauern.
Platz für 120000 Fahrzeuge
Dafür, daß auch das vorletzte Teilstück der langen Reise der Neuwagen reibungslos verläuft, trägt der Dienstleister BLG Logistics Group in Bremerhaven Rechnung. Die 1877 gegründete Bremer Lagerhaus-Gesellschaft ist heute mit ihren 6800 Mitarbeitern einer der Riesen in der Autologistik und im sogenannten Finishing in Europa. Im Autoterminal der BLG ist Platz für 120000 Fahrzeuge. Der Gesamtwert beläuft sich bei voller Auslastung auf 3,6 Milliarden Euro.
Doch mit der Anlandung der Autos in Bremerhaven allein ist es nicht getan. Was sich daran anschließt, ist ein ausgefeilter Aufbereitungsprozeß, den Jens Riepenhusen, Chef von "Europas größter Autowerkstätte", kokett mit "Waschen, Legen, Fönen" umschreibt. Denn bevor die Fahrzeuge vom Spediteur "E.H. Harms" per Bahn, Lastwagen oder Binnenschiff zum Händler geschickt werden und somit das letzte Teilstück der Reise zum Kunden absolvieren, gilt es, die Fahrzeuge aus Fernost "landfein" zu machen. So beherbergt Bremerhaven nicht nur einen der größten Fahrzeugumschlagplätze der Welt.
Vielmehr befindet sich hier gleichzeitig eine der größten Autowerkstätten Europas. In dem Technikzentrum "E. H. H. Autotec", das aus der Verschmelzung der "BLG Autotec" mit "E.H. Harms Auto-Terminal Bremerhaven" entstanden ist, erfolgt neben der Fahrzeugreinigung die sogenannte Pre-Delivery Inspection (PDI), sprich der Erstcheck der Fahrzeuge nach ihrer Ankunft in Deutschland, oder auch die technische Umrüstung nach den Zulassungsbestimmungen in den Zielländern.
Wertschöpfung mit Handy und DVD
Darüber hinaus werden hier verstärkt Sonderausstattungen wie Sonnendächer, Klimaanlagen, Ledersitze, Anhängerkupplungen, Sportfelgen oder auch Spoiler verbaut. Das ist für asiatische Hersteller von Großserienfahrzeugen, die ihre Fahrzeuge im Mutterland nicht nach Aufträgen individualisiert herstellen, bedeutend. Außerdem sind Importautos damit oftmals schneller beim Kunden. Bremerhaven profitiert in diesem Zusamenhang von der großen Nachfrage nach Sondermodellen und Sonderserien mit kompletten Kommunikationssystemen einschließlich Handy-Freisprecheinrichtung und DVD, durch die eine hohe Wertschöpfung erzielt wird.
Aber nicht nur importierte Fahrzeuge asiatischer Hersteller werden bei Autotec hochgerüstet. Auch Wagen aus amerikanischer Produktion, wie beispielsweise die neue M-Klasse von Mercedes-Benz aus dem amerikanischen Tuscaloosa, werden hier abgewickelt. Dazu hat Autotec allein bis zu 600000 Euro in eine neue Fördertechnik und Waschstraßen investiert. Riepenhusen rechnet für dieses Jahr mit 30000 bis 35000 neuen M-Klasse-Fahrzeugen und im kommenden Jahr sogar mit einer Verdopplung auf 70000 Einheiten, die von der Bremerhavener Werkstatt betreut werden.
100 Euro Umsatz pro Wagen
Bis zu 30000 Fahrzeuge im Monat bereitet Autotec für Händler aus Deutschland und aus Übersee vor - es werden also auch Autos aus Deutschland für Amerika "fit" gemacht, zum Beispiel für BMW. Über das Gesamtjahr gerechnet, sind es immerhin rund 322000 Fahrzeuge, die durch das Technikzentrum geschleust werden. Im kommenden Jahr will man 350000 Autos schaffen. Pro Auto erwirtschaftet die Autotec durchschnittlich 100 Euro Umsatz. Die stärksten Monate der Werkstatt liegen dabei laut Riepenhusen im Frühjahr und Herbst. Weitere Technikzentren, die die BLG zusammen mit Harms betreibt, befinden sich an größeren Binnenterminals wie den Häfen in Neuss, Duisburg, Hamburg oder Kehlheim. Dort werden ebenfalls täglich Hunderte von Fahrzeugen aufbereitet und entsprechend den Kundenwünschen mit Sonderausstattungen versehen.
Die Dimension der Autotec übersteigt normale Dimensionen bei weitem: Auf insgesamt 500000 Quadratmetern - die Gesamtfläche der BLG ist fast drei Millionen Quadratmeter groß - arbeiten immerhin rund 400 feste Arbeitskräfte und weitere 300 Aushilfskräfte. Zwei kombinierte Wasch- und Endkonservierungsanlagen sowie zwei reine Waschstraßen ermöglichen eine Jahreskapazität in nur einer Schicht von 560000 Fahrzeugen. Weitere 50 Hebebühnen stehen als Arbeitswerkzeug zur Verfügung. Bis ein Auto die Werkstatt verläßt, dauert es je nach Arbeitsaufwand zwischen ein und drei Tagen, bei aufwendigen Lackierarbeiten oder Sonderausstattungen können auch schon mal fünf bis zehn Tage ins Land ziehen. Die anschließende Transportzeit zum Autohaus beträgt weitere drei bis fünf Arbeitstage. Angesichts der erwarteten steilen Wachstumskurve der Koreaner rechnet Riepenhusen auch künftig damit, daß die Arbeit der Bremerhavener Werkstatt nicht ausgeht.
Konkurrent Zeebrügge
Mit einem Ergebnis von 27,2 Millionen Euro im vergangenen Jahr und damit rund 85 Prozent mehr als 2003 liegt die BLG weiter auf Erfolgskurs. Allerdings spürt auch dieser Anbieter den Konkurrenzdruck anderer westeuropäischer Wettbewerber wie des Hafens im belgischen Zeebrügge. Hier wurden 2004 allein 100000 Toyota-Modelle für den deutschen Markt angeliefert. Mit einem Gesamtumschlagsvolumen von annähernd jährlich 1,4 Millionen Fertigfahrzeugen (2004) und damit einem Plus gegenüber 2003 von sieben Prozent zählt Bremerhaven jedoch nach wie vor zu den führenden Autodrehscheiben der Welt.