Home
http://www.faz.net/-gya-10ddi
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Moto Guzzi V7 Classic Die Leichtigkeit der Vergangenheit

19.09.2008 ·  Der Begriff „altmodisch“ ist in diesem Fall nicht böse gemeint, man sollte ihn als Kompliment verstehen. Die neue V7 Classic aus Mandello del Lario ist ein Retrobike und soll sich auch so anfühlen. Der Name ist Programm.

Von Walter Wille
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Zeitreise beginnt mit dem ersten Aufsitzen. So altmodisch hat sich schon lange kein Motorrad mehr angefühlt. Es ist schmal, zierlich, leicht, niedrig, es ginge auch als schön restaurierter Oldtimer durch aus der Zeit, als sich die Menschheit darauf vorbereitete, die ersten Schritte auf dem Mond zu unternehmen.

Es war kein großer Schritt für die Menschheit, aber ein wichtiger für Moto Guzzi, als 1967 die V7 auf den Markt gebracht wurde. Die Maschine kam mit einem 90-Grad-V2-Motor mit querstehenden Zylindern und längs laufender Kurbelwelle, ein Bauprinzip, das zum Guzzi-Markenzeichen schlechthin werden sollte. Die Ziffer 7 im Modellnamen stand für den Hubraum von gut 700 Kubikzentimeter. Ein großes Motorrad damals, nach heutigen Maßstäben Mittelklasse.

„Altmodisch“ ist nicht böse gemeint

Das mit dem „Altmodisch“ ist nicht böse gemeint, man sollte das als Kompliment verstehen. Die neue V7 Classic aus Mandello del Lario ist ein Retrobike und soll sich auch so anfühlen. Stilmittel verschiedener Guzzis der späten Sechziger und frühen Siebziger greift sie auf, trägt zum Beispiel den langgestreckten Tank der V7 Sport, erinnert mit ihrem opulenten Chromschmuck und den Verzierungen an die V7 Special. Mit Chromrädern und Drahtspeichen, Stereo-Federbeinen, abnehmbaren Seitendeckeln, Analog-Instrumenten mit traditionell anmutenden Zifferblättern, dem Markenschriftzug hinten am Sitzpolster erntet sie Sympathien und anerkennende Blicke - wenngleich der Plastikanteil an den verbauten Komponenten etwas hoch ist. Der Anblick zweier kleiner Digitalfenster im Cockpit für Kilometer- und Tageskilometerzähler sowie Uhrzeit und Umgebungstemperatur holt einen zwischenzeitlich zurück ins Heute. Aber das Auspuff-Duo erinnert ganz klar an Opas Handelsgold-Zigarren.

Der Qualm wird zeitgemäß nach Euro-3-Norm gefiltert, der luftgekühlte V-Twin mit 744 Kubik überträgt seine Kraft über ein Fünfganggetriebe (mit arg langen Schaltwegen) und die für Guzzi typische, unauffällig arbeitende Kardanwelle ans Hinterrad. Der Zweiventiler leistet überschaubare 36 kW (49 PS) bei 6800 Umdrehungen je Minute, er fühlt sich auch nicht nach mehr an, klingt dezent rockig, auf jeden Fall eher nach Janis Joplin als nach Nelly Furtado. Seinen Stoff spritzt er sich elektronisch geregelt ein, unsere V7 brauchte 5,4 bis 5,9 Liter auf 100 Kilometer. Das maximale Drehmoment von 55 Newtonmeter ist früh zur Stelle, schon bei 3600/min. Was den Umgang mit dem Guzzi-Triebwerk außerdem so angenehm macht, ist seine berechenbare Art, die Tatsache, dass es schon bei niedrigsten Drehzahlen unter 2000/min sauber Gas annimmt.

Höchstgeschwindigkeit von gut 150 km/h

So ergibt sich im Zusammenspiel mit dem geringen Gewicht von fahrfertig knapp 200 Kilo, der antiquiert-schmalen Bereifung (100/90-18 vorn, 130/80-17 hinten) und der bis auf die recht hoch angebrachten Fußrasten entspannten Sitzhaltung eine wunderbar unbeschwerte Art des Motorradfahrens jenseits von Leistungsstress, Gewichtsproblemen und Imponiergehabe. Auch dank ihrer geringen Sitzhöhe macht es diese Moto Guzzi jenen leicht, die ihre ersten Kilometer mit einem größeren Bike wagen. Die Handhabung ist in jeder Hinsicht unkompliziert. An der Höchstgeschwindigkeit von gut 150 km/h werden sich auch Könner schon allein aus Mangel an Windschutz selten versuchen.

Beim Kaltstart ist eine gewisse Zögerlichkeit zu verspüren, was sich schnell ändert, wenn man den V-Twin mit ein paar Gasstößen am Leben hält. Störende Vibrationen gibt es nicht, nur solche der angenehmen Art, die einem Zweizylinder-Motorrad Charakter verleihen. Unzulänglich ist die Sicht in den Rückspiegeln, holzig agiert bei kurzen, schnellen Stößen die Federung, angenehmer läuft es auf glattem Parcours. Wer von der Einzelscheibe am Vorderrad eine hohe Bremswirkung will, muss am Handhebel hart hinlangen. Mit dem ABS verhält es sich bei der V7 von 2008 genauso wie anno '67 bei der Ur-V7: Fehlanzeige. Ein Hauptständer ist ebenfalls nicht dran.

Die V7 Classic bringt die Menschheit keinen Schritt voran. Aber sie erfreut den am Zweirad interessierten Teil mit ihrem Charme. Ein traditionsreicher Hersteller wie Moto Guzzi darf sich auch mal selbst zitieren, umso mehr, als er mit 8200 Euro keinen Mondpreis verlangt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Geboren am 10. Dezember 1959, Redaktion „Technik und Motor“

Jüngste Beiträge

Mit Mazda ein Romeo

Von Wolfgang Peters

Wenn sich zwei leidlich gesunde Automarken, ohne eine Hochzeit im Himmel zu zelebrieren, miteinander ins Bett legen, dann kommt ein Roadster dabei heraus. Alfa Romeo und Mazda haben genau diese Autoform im Sinn. Mehr