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Moto Guzzi Custom Sechseinhalb Zentner Zuversicht

Minimalismus im Maximalformat: Mit der Custom bringt Moto Guzzi die zweite Version der neuen California 1400. Mit 320 Kilo ist sie immer noch ein Reisedampfer. Eine Probefahrt.

© Hersteller Vergrößern Farbe? Wozu? Nero Basalto steht der California Custom gut. Man muss nicht schwarzsehen für Moto Guzzi

Der neuen Moto Guzzi California 1400, moderne Interpretation eines Klassikers, mangelt es nicht an schönen, liebevoll gestalteten Details. Ein schnödes Ding dagegen ist der Tankdeckel. Und doch handelt es sich bei diesem schmucklosen Tankdeckel um etwas Besonderes: Er ist das einzige Teil am ganzen Motorrad, das unverändert vom Vorgängermodell übernommen wurde.

Daran lässt sich ermessen, dass die Entwicklung der California eine sehr aufwendige gewesen sein muss. Vom teuersten Projekt der Unternehmensgeschichte ist die Rede, zum Erfolg verdammt. Die California werde für Moto Guzzi den Wendepunkt zum Besseren markieren, heben die Verantwortlichen in Mandello del Lario immer wieder hervor. Das haben sie schon vor einigen Wochen bei der Präsentation des Touring-Version beschworen, und sie wiederholten es jetzt bei der Vorstellung einer zweiten Variante der mächtigen Kardanmaschine, „Custom“ genannt.

23623234 © Hersteller Vergrößern Der Reisedampfer hat Ballast abgeworfen

Die entstand durch Weglassen. Der Reisedampfer hat Ballast abgeworfen, Windschild, Seitenkoffer, Zusatzscheinwerfer, Sturzbügel gingen über Bord, das zweifarbige Sofa wurde durch einen knapperen Sattel ohne Reling ersetzt. Ein niedriger Lenker streckt den Rudergänger in eine aktivere Haltung mit Ellbogen auf Attacke. Statt Chrom und Funkel geben Matt und Dunkel die Grundstimmung vor, roh und ein bisschen böse die ganze Komposition, aber nicht so, dass am Zebrastreifen irgendjemand in Aufruhr versetzt wird.

Als Gewinn im Sinne des Fahrspaßes erweisen sich die hochwertigeren, besser ansprechenden Stoßdämpfer des Hinterrads mit separaten Ausgleichsbehältern. Sie sind in Vorspannung und Zugstufe einstellbar und überdies zehn Millimeter länger als die Federelemente des Tourers, weshalb das Heck ein wenig höher und die Telegabel steiler steht, bei geringerem Nachlauf. Nuancen nur, doch genug, um die Custom agiler wirken zu lassen. Mit 320 Kilo ist sie zwar ein Klotz, aber immerhin 20 Kilogramm leichter als die Touring-California.

23623226 © Hersteller Vergrößern Trotz der noch immer immensen Masse und des langen Radstands von 1685 Millimeter lässt sich der Powercruiser erstaunlich gut handhaben

Trotz der noch immer immensen Masse und des langen Radstands von 1685 Millimeter lässt sich der Powercruiser erstaunlich gut handhaben, stressfrei wenden, zügig bewegen oder auch in sehr geringem Tempo spazieren führen, wie es auf Strandpatrouille und beim Inspizieren von Straßencafés erforderlich ist. Der niedrige Schwerpunkt, der tiefliegende Sattel (74 Zentimeter) machen sich dabei angenehm bemerkbar. Klarer, unmittelbarer ist das Fahrerlebnis mit der Custom, natürlich auf Kosten der Langstrecken- und Alltagsqualitäten.

Das dicke, originelle Rundinstrument, das frei vor einem im Fahrtwind steht, kommt jetzt noch besser zur Geltung, ebenso der 200er-Breitreifen hinten sowie vor allem der monumentale 1,4-Liter-Motor. Beim Anblick der seitlich unter dem Tank hervorstehen Zylinder, typisch für Guzzi, wird selbst hartgesottenen Maschinisten warm ums Herz.

23623224 © Hersteller Vergrößern Lässt sich auch in sehr geringem Tempo spazieren führen

Wie in der Touring-Version auch liefert der luft-/ölgekühlte 90-Grad-Zweizylinder 71 kW (96 PS) bei 6500/min und ein sattes Drehmoment von 120 Newtonmeter schon bei 2750 Umdrehungen. Man kann ihn im Traktormodus betreiben, um zum Beispiel einen Kartoffelacker zu häufeln, aber auch bis 7000/min zwiebeln, um ein Bergsträßchen flott hinter sich zu bringen. Spektakulär ist es, wie sich der famose V-Twin im Stand im Rahmen schüttelt, das ganze Fahrzeug zum Beben bringt, der Besatzung eine Massage verabreicht, in Fahrt allerdings dank einer speziellen, patentierten Motoraufhängung keinerlei unangenehme Vibrationen überträgt. Mehr urwüchsiger Charme ist ab Werk kaum zu haben, obendrein gibt diese Muskel-Guzzi ein Beispiel dafür, dass guter Klang nichts mit Lautstärke zu tun hat. Feine Bremsen mit ABS, Traktionskontrolle, verschiedene Motorprogramme und Tempomat zählen wie im Fall des Tourers zur Serienausstattung.

17 950 Euro (Tourer: 19 600) sind ein stolzer, aber im Vergleich mit ähnlichen Angeboten auf dem Markt nicht unfairer Preis. Jeweils rund 200 Stück planen die Italiener dieses Jahr in Deutschland ein. Das wäre ein respektabler Anfang. Wahrscheinlich wird eine weitere Variante folgen. Mit diesem Motor und mit diesem Tankdeckel.

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Quelle: F.A.Z.

 
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