Am schlimmsten sind die Hunde. Nicht die Schäferhunde oder Doggen, die schauen majestätisch von oben herab ins Cockpit und denken sich: So ein verrückter Kerl. Aber die Dackel, die sind auf Augenhöhe mit dem Fahrer, der mangels Scheiben ungeschützt dem wilden Gekläffe ausgesetzt ist. Anzugreifen trauen sich die Tierchen dann aber doch nicht, schließlich knattert das grüne Monster irgendwie bedrohlich, und es sieht auch so aus.
Wir reden da noch gar nicht von der Kriegsbemalung mit der Folie „Einschusslöcher“, die zu 140 Euro in der Aufpreisliste steht und ein Muss ist. „Pin-up-Girl“ kostet geklebt übrigens 250 Euro, was ein echtes verlangen würde, wissen wir nicht. Vermutlich würde die freizügige Dame freiwillig einschwingen in das engste aller uns bekannten Cockpits, Tuch- und Nylonfühlung ließen sich nicht vermeiden, ach, so ein Morgan hat wirklich unschätzbare Vorteile. Und die Hunde sind schon vergessen.
Zurück aus dem Jahr 1909
Die britischen Meister des Verzichts haben doch tatsächlich ihr Dreirad wiederbelebt, und es sieht noch immer so aus wie 1909, als es zur Keimzelle von Morgan wurde. Erst 1936 montierten die Kerle ein viertes Rad an ihre Autos und ließen sie fortan nur noch in dieser doch sehr gewöhnlichen Bauart aus den Hallen rollen. Doch jetzt kehrt er zurück, der Morgan 3-Wheeler.
Das Auto, wenn man es denn so nennen will, hat das gewisse Nichts: Es gibt keine Türen (was beim Zustieg Gelenkigkeit erfordert) und kein Dach (was beim Zustieg wiederum hilft). Es gibt keine Kopfstützen (aber immerhin Überrollbügel), keine Seitenfenster und nur zwei wischerlose Scheibchen an der Front, die bei Außentemperaturen um den Nullpunkt die Hände etwa drei Minuten lang vor dem Erfrierungstod bewahren. Es gibt kein ABS oder ASR, keine Heizung, eine Klimaanlage fehlt natürlich sowieso, und Stauraum, ach, wofür? Außenspiegel sind vorhanden, aber sie verzerren wild vibrierend jeden Blick zurück. Sichtbare Dämpfer und Federn künden vom Versuch, ein Fahrwerk mit Restkomfort einzubauen, man darf ihn zufrieden als gescheitert registrieren.
Vier Kippschalter und der Starterknopf „Bomb release“
Exakt vier Kippschalter für Licht, Nebelscheinwerfer, Hupe und Warnblinker teilen sich das Armaturenbrett mit zwei Anzeigen für Geschwindigkeit und Drehzahl und einem Starterknopf mit der deeskalierenden Bezeichnung „Bomb release“. Das muss als Luxus-Accessoires genügen.
Letzterer hat nicht zufällig etwas von Jagdflugzeug, und wenn der Pilot Glück hat, setzt sich das S&S-Triebwerk nach ein paar Stößen in Bewegung. Wenn nicht, versucht er es eben noch einmal, irgendwann meldet sich der vorn unverhüllt angepflanzte, luft- und ölgekühlte Zwei-Liter-V2 brüllend, schüttelnd, zerrend, krachend zum Dienst.
Über dessen Leistung herrscht gewisse Uneinigkeit unter den Morgan-Leuten, einige sprechen von (85 kW) 115 PS, andere von 60 kW (82 PS), man kann ja vor der Auslieferung nicht alles wissen, und so eine läppische Abweichung von 40 Prozent ist nun wirklich nichts, worüber es sich zu erregen lohnte. „Schauen Sie doch noch mal auf der Homepage von Morgan nach“, empfiehlt der fröhliche Hamburger Händler Robert Kasten, oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Mit dem Mann lassen sich recht nette Dialoge führen, zum Beispiel: „Was passiert, wenn es regnet und ich die Abdeckplane vergessen habe?“ „Lenzpumpe.“
In 5 Sekunden von 0 auf 100 km/h
Wir fuhren dem Vernehmen nach mit etwa 82 PS oder ein bisschen mehr, was für raketenähnliche Beschleunigung des 550-Kilogramm-Federgewichts in fünf Sekunden von 0 auf 100 km/h genügt, sofern der angetriebene 195er-Hinterreifen Bereitschaft erklärt, die Haftung zu übernehmen.
Liegt nur ein Hauch von Winterfeuchte auf dem Asphalt, dreht sich der Gummi nur um sich selbst, man kann den Fuß auf dem Gas lassen und bewegt sich keinen Meter von der Stelle oder mit etwas weniger entschlossener Pedalbetätigung einen (einspurigen!) Schlingerkurs von Barsbüttel bis Great Malvern auf die Teerdecke drücken.
Irgendwo um 185 km/h liegt die unter Einwerfen der fünf Vorwärtsgänge erreichbare Höchstgeschwindigkeit, die sich anfühlt wie 300 und sowieso weniger Spaß macht als kurvige Landstraßen ganz scharf am Tempolimit.
Ein Start mit Hindernissen
Wahnsinniger Fortschritt: Das Original von 1909 hatte Kettenantrieb, jetzt übernimmt die Kraftübertragung ein Zahnriemen. Von der Schülergruppe bis zum Rentnerehepaar blicken dem ansonsten traditionell aus Stahlprofilen, cuprinol-imprägniertem Holzaufbau und Aluminiumbeplankung bestehenden Morgan mit offenem Mund alle nach, was sie übrigens auch tun, wenn man den Versuch unternimmt, ganz gesittet loszufahren.
Das ist nicht so einfach, denn in der Sardinenbüchse, die sie Fußraum nennen, ist jenseits von Schuhgröße 32 kein Platz für gewöhnliche Herrentreter und Pedale. Dummerweise ist das Zusammenspiel beider von unschätzbarem Vorteil, wenn vor dem Morgan, sagen wir, eine rote Ampel auftaucht. Bremse und Gas gleichzeitig gewinnt der Akzelerator, im selben Moment auskuppeln führt zu Knoten in den Extremitäten, die Knie schlagen an das Lenkrad, das zum geschmeidigeren Ausstieg abnehmbar ist, was sich jetzt gerade jedoch nicht als hilfreich erweisen würde, noch mal ansetzen, jetzt das Pedal in der Mitte besser getroffen, wo war noch gleich die Ampel?
Das nächste mal steigen wir früher auf die Bremse, mit ein bisschen Übung klappt das sogar, obwohl Ausweichmanöver auch ihren Reiz haben und sich so sogleich der Beweis antreten lässt, dass dieses Dreirad dank mächtig breiter Vorderachse auch bei zackig ausgeführten Manövern nicht umkippt.
Die Macken werden verziehen
Wie selbstverständlich sind die zwei (gepolsterten!) Sitze unverrückbar eineinhalb Fingerbreit über dem Asphalt mit der Karosserie verschraubt, aber die Pedale lassen sich in der Tiefe verstellen. Nur hilft das nicht, wenn der Dirigent größer als etwa 1,50 Meter ist, denn dann ist der Weg selbst in der längsten Stellung zu kurz. Am servolosen Zahnstangenlenkrad lässt sich hebelarmverlängernd nur kurbeln, wenn der eine Ellbogen seitlich aus der Karosserie hängt und der andere das Dekolleté der Beifahrerin streift.
Hatten wir schon etwas über die Vorzüge der Unterbringung im Morgan gesagt? Der Versuch knackigen Einparkens sollte indes gleich unterlassen werden. Der Wendekreis ließe sich womöglich messen, doch dazu ist Morgan noch nicht gekommen, weshalb er mit „vermutlich unter 9 Meter“ angegeben wird, was aber auch ein Druckfehler sein und tatsächlich 90 Meter heißen könnte. Mit dem Verbrauch verhält es sich ähnlich, er wird wohl zwischen 5 und 15 Liter liegen, wen interessiert das schon. Die Tankuhr jedenfalls nicht, sie meldet selbst bei voller Füllung der beiden im Heck untergebrachten 20-Liter-Tanks den Schätzwert von „79 Prozent“.
Der Tag sollte niemals enden. Halt, er sollte erst einmal beginnen. Neun Monate Verzögerung haben die Briten hinbekommen, bis der erste 3-Wheeler tatsächlich ausgeliefert wurde. Nun tröpfelt einer nach dem anderen aus der Manufaktur. Wie lange es auch dauert, warten lohnt sich. So glücksbringend verrückt lassen sich 39.800 Euro zzgl. Pin-up-Girl und Einschusslöcher nirgendwo sonst anlegen.
Das gewisse Nichts
Erhard Heptner (samthase)
- 16.03.2012, 15:53 Uhr
Ein sehr schöner Artikel
Heinz Rehbein (rehbein2)
- 16.03.2012, 07:35 Uhr
Leider recht teuer
Marvin Parsons (mapar)
- 14.03.2012, 18:45 Uhr
