14.07.2010 · Der saarländische Pharmaunternehmer Edwin Kohl will künftig Elektroautos verkaufen und die passenden Stromverträge gleich dazu. In einem Jahr soll der „Mia“ in Serie gehen.
Von Bernd Freytag, MerzigEdwin Kohl hat sich aufgemacht in die Welt der Elektroautos. Angst vor den etablierten Autobauern hat er dabei nicht. Elektroautos, sagt er, sei schließlich etwas ganz anderes: andere Technik, anderes Marketing, andere Geschäftsmodelle. „Das ist die Chance für Außenseiter“, betont Kohl. Autos verkaufen alleine ist ohnehin nicht das Ziel des umtriebigen Pharmaunternehmers aus dem Saarland. Kohl arbeitet vielmehr an einem neuen Geschäftsmodell, eines, das mit dem Auto das gute Gewissen gleich mitverkauft
Anfang Juli hat der 60 Jahre alte Unternehmer die Mehrheit an der Elektroautosparte des insolventen französischen Karosserieherstellers Heuliez übernommen. Teils, weil das Kerngeschäft seines eigenen Unternehmens – der Reimport von Medikamenten – unter heftigem Kostendruck steht, teils aus ökologischer Überzeugung, und teils schlicht deshalb, weil die Gelegenheit günstig war. Im vergangenen Sommer wollte er eigentlich für die Auszubildenden von Kohlpharma eine kleine Elektroauto-Flotte mit eigener Sonnentankstelle aufbauen, sagt er. Ein Freund, der ehemalige Volkswagen-Chefdesigner Murat Günak, arbeitete damals am Mia und habe ihn mit dem Auto bekannt gemacht. Seither ist Kohl von dem kaum 600 Kilogramm leichten Dreisitzer überzeugt.
Das 1920 gegründete französische Unternehmen Heuliez war nach dem Auslaufen wichtiger Großaufträge in die Insolvenz geschlittert. Der Traditionsbetrieb mit Stammsitz in Cerizay, 100 Kilometer südöstlich von Nantes, produzierte unter anderem Dachmodule für den Peugeot 206 CC und das Twin Top für den Opel Tigra; außerdem haben die Franzosen eine lange Tradition in der Entwicklung von Elektroantrieben. Um die Arbeitsplätze zu retten, wurde Heuliez mit finanzieller Hilfe der Regierung aufgespalten: Die Karosseriesparte ging an die französische BGI, die Elektroautosparte übernahm Kohl gemeinsam mit dem Essener Energiedienstleister Con-Energy. Kohl hält heute 74,9 Prozent an der Betreibergesellschaft Mia Elektrik, der Rest liegt bei Con-Energy.
Einstelliger Millionenbetrag investiert
Einen „höheren einstelligen Millionenbetrag“ hat Kohl investiert – „zum Anfang“. Für das Geld hat er nach eigener Einschätzung ein fertiges Elektroauto bekommen, eine eingespielte Entwicklermannschaft und Fertigungskapazitäten für mindestens 10 000 Fahrzeuge im Jahr, die problemlos auf 20 000 erhöht werden könnten. Jetzt gehe es darum, ein Händlernetz aufzubauen. Mit Günak als Geschäftsführer will Kohl im Juni 2011 mit der Serienproduktion beginnen, danach sollen jährlich mindestens 10 000 Autos vom Band rollen. 15 000 Euro plus Mehrwertsteuer soll der Mia kosten.
Das Potential sei riesig, sagt Kohl. Bis zu 100 Stundenkilometer schnell sei der Mia, an einer einfachen Steckdose aufladbar und mit einem Verbrauch von 7 Kilowattstunden Strom pro 100 Kilometer sei der Dreisitzer dem Wettbewerb um Längen voraus. „1,50 Euro Kosten pro 100 Kilometer ist konkurrenzlos.“ An den geringen Verbrauch knüpft Kohl seine größten Hoffnungen. Mit einem neuen Marketingmodell soll der Mia als Kleinkarosse mit ökologischem Rundumsorglospaket verkauft werden. Das große Manko von Elektroautos sei nämlich der Verbrauch von „schmutzigen Strom“, sagt Kohl. Um das zu ändern hat sich der Saarländer etwas ausgedacht. Kohl will nicht nur das Auto verkaufen, sondern eine Beteiligung an Windkrafträdern gleich mit. 10 000 Elektroautos könnten mit zwei zusätzlichen Windrädern gespeist werden, sagt er.
10 000 Kilowattstunden Windstrom im Jahr gutgeschrieben
Seine Überlegung ist simpel: Für einmalig 1000 Euro bekomme der Mia-Käufer 10 000 Kilowattstunden Windstrom im Jahr gutgeschrieben, ausreichend für eine Fahrstrecke von 15 000 Kilometern. Stromversorger hätten schon reges Interesse bekundet. Dazu hofft Kohl, dass es gelingt, Elektroautos mit diesem Kniff ökologisch sauber und damit subventionsfähig zu machen – ein Ansinnen, das die Politik bislang ablehnt. Weil Strom aus Windkraftanlagen ohnehin immer billiger werde, gingen die Betreiberkosten für das Auto mit der Zeit „gegen Null.“
Kohl hat sein Unternehmen Ende der siebziger Jahre in Merzig gegründet, mittlerweile ist es der größte Arzneimittelimporteur Deutschlands. Mit 1400 Beschäftigen gehört die Kohl-Gruppe im strukturschwachen Saarland zu den größten Arbeitgebern. Der Sparzwang im Gesundheitswesen belastet den Mittelständler allerdings beträchtlich. Im vergangenen Jahr hat das Familienunternehmen 920 Millionen Euro umgesetzt. In diesem Jahr werden 150 Stellen gestrichen, der Umsatz des Kerngeschäftes Kohlpharma wird nach den staatlich verordneten Zwangsrabatten auf Medikamente um 20 bis 30 Prozent sinken. Finanzierungsproblem kennt Kohl aber nach eigenem Bekunden nicht. Das jahrelang florierende Unternehmen habe keine Schulden bei den Banken, die Finanzierung der Mia-Produktion sei kein Problem, versichert Kohl. Dennoch kann sich der Unternehmer vorstellen, für die Großserie und die Vermarktung erstmals auch Schulden in Kauf zu nehmen. Angestrebt werde das aber nicht.
Um dem bedrohten Kerngeschäft etwas entgegenzusetzen hat Kohl eine Handvoll Unternehmen rund um die häusliche Betreuung von Patienten aufgebaut. 100 Millionen Euro Investitionen flossen in den letzten Jahren alleine in die mit großen Hoffnungen behängte Tochtergesellschaft 7x4 Pharma. Das Unternehmen stellt für alte und chronisch kranke Menschen die wöchentliche Medikamentenration in Form einer „Wochenarznei“ zusammen – neu verpackt und in einem eigens beschrifteten Medikamentpackungen, sogenannten Blistern. Ziel ist es, mit der „7x4 Box“ in der Regelversorgung der gesetzlichen Krankenkassen zu kommen, erste Verträge mit Kassen hat Kohl bereits unterzeichnet. Die vermeintlich simple Idee war mit einer langen Entwicklungszeit, eigenen Patenten und Gesetzesinitiativen verknüpft, sagt Kohl. „So komplex wird der Verkauf von Elektroautos sicher nicht.“
Angetrieben von üppigen staatlichen Subventionen!
Reinhard Martin (mfgreinhard)
- 14.07.2010, 23:31 Uhr
Seifenkisten auf drei oder vier Rädern
Michael Adam (MACHE174)
- 16.07.2010, 02:15 Uhr
Bernd Freytag Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.
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