Home
http://www.faz.net/-gya-qavz
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Messe Eurobike Später Einstieg beim Elektrorad

07.09.2010 ·  Auf der „Eurobike“ haben mit Bosch und Shimano zwei ganz große Namen ihre Vorstellung vom Elektroantrieb fürs Fahrrad vorgestellt. Außerdem sind technische Nostalgie, bunte Farben und der Chic urbanen Radelns unter der Überschrift „Lifestyle“ angesagt.

Von Hans-Heinrich Pardey
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (4)

Wer vor einem Jahr glaubte, die Friedrichshafener „Eurobike“ könne kaum noch deutlicher davon geprägt werden, was allenthalben als „Megatrend E-Bike“ herumposaunt wird, sah sich in diesem Jahr getäuscht. Nie war auf einer Fahrradmesse die Test-Strecke größer, nie gab es mehr und unterschiedlichere Elektroräder zum Ausprobieren, nie war der insgesamt stagnierende deutsche Fahrradmarkt so abhängig von der Stützung durch die Zuwächse beim Elektrorad. Um mehr als zehn Prozent korrigierte der Zweirad-Industrie-Verband seine Jahresprognose auf 200.000 in diesem Jahr in Deutschland verkaufte Elektrofahrräder nach oben.

So war die Stimmung trotz einer Saison mit ungünstigem Wetter gut. Das neue Friedrichshafener Messegelände wurde von der sich allmählich zu einem Moloch an Unübersichtlichkeit entwickelnden Fahrradmesse wieder bis hinüber zur Zeppelinhalle ausgelastet. Aber weder das noch Warnungen vor steigenden Preisen (oder bei gehaltenen Preisen schlechter ausgestatteter Räder) sind die aufregenden Neuigkeiten vom Bodensee.

Dafür haben Bosch und Shimano mit ihren zwei elektrisch unterstützenden Antriebssystemen gesorgt. Im Fall von „Steps“ des japanischen Komponenten-Riesen sind nicht nur der 250-Watt-Frontnabenmotor und der samt Rücklicht im Gepäckträger untergebrachte, schlanke 4-Amperestunden-Akku (24 Volt) - er soll 3000 Ladezyklen von nur einer Stunde oder so lange wie durchschnittlich das ganze Fahrrad halten - sowie ein „Fahrradcomputer“ Teile des Systems.

In die Gesamtlösung einbezogen sind auch die Beleuchtung, die - elektrisch betätigte - 8-Gang-Nabe und die Bremsen, auf deren Griffen Bedientasten sitzen. Der Antrieb ist in drei Unterstützungsstufen schaltbar, lässt sich neutralisieren und in zwei Stufen auf Rekuperation (Motorbremse mit Energierückgewinnung) umschalten. Ersichtlich ist „Steps“ für Anbieter konzipiert, die das elektrisch unterstützte Fahrrad - in der Preisklasse jenseits von 2000 Euro - weiterhin ein Fahrrad bleiben lassen wollen. Diesen Eindruck vermittelte auch eine schmuseweiche Probefahrt: Alles flutschte flott und untadelig funktionierend. Die Reichweite wird sich in den Grenzen der fürs Fahrrad typischen Nahmobilität halten.

Ein 250-Watt-Mittelmotorantrieb von Bosch

Das massiv nach Motor aussehende „eBike System“ von Bosch ist ein 250-Watt-Mittelmotorantrieb. Er wurde auf drei verschiedenen Rädern von Cannondale, Scott und Haibike (Winora) gefahren. Die beiden Ersten hatten eine von der Antriebseinheit, die Motor, Sensorik, Steuerung und Kurbelwelle zu einem kompakten Paket vereint, reduzierte Bodenfreiheit unterhalb des Tretlagers. Als einziger von einem Dutzend Hersteller, mit denen das Bosch-System auf dem Markt startet, hat Winora bei den drei elektrifizierten Haibike-Modellen von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, den Antrieb zu drehen. In jedem Fall muss der Radrahmen der Motoreinheit in der Nähe des Tretlagers ein Formteil mit spezifizierten Befestigungsmöglichkeiten anbieten.

Wie bei Bosch hervorgehoben wurde, kann das aber unter ganz verschiedenen Winkeln geschehen. Auch der Akkupack (36 Volt / 8 Amperestunden, 500 Ladezyklen zu 2,5 Stunden) kann unterschiedlich befestigt werden: Geradezu abschreckend erschien die Lösung von Cannondale, wo der Akku wie ein Soziussitz aussieht, während er von Winora am Unterrohr plaziert wurde. Der Bosch-Antrieb hat ein abnehmbares Bedienteil, ohne das der Antrieb nicht funktioniert. Er lässt sich jeweils in drei Stufen in vier verschiedene Modi schalten, die hinsichtlich Sparsamkeit und Reichweite oder Tempo optimiert sind. Die Unterstützung wirkte kraftvoll; einzig der Frontfreilauf der Motoreinheit missfiel durch Klinken, die sich klackernd in den Kraftfluss einschalteten. Das werde in der Serie beseitigt sein, hieß es dazu.

Außerdem gibt es von SR Suntour einen weiteren Elektro-Antrieb. Und Thun meldete sich mit dem Vertrieb des „Reevo“-Systems vom niederländischen Hersteller Flexaim auf der Eurobike. Bei einer Probefahrt mit einem Pedelec von Velo de Ville fiel der Reevo-Antrieb durch Softwarefehler auf: Das - mit Muskelkraft mögliche - Überschreiten von 30 km/h führte wiederholt zur völligen Abschaltung der Elektrik und zu Zwangsstopps zum Wiedereinschalten.

Schaufahren mit ungewöhnlichen Rädern

Jenseits aller Spielarten des Elektrorads und der Debatte, ob der Motor im Mountainbike nicht eine Verirrung sei, ist Radfahren wieder mal schwer in Mode - nicht zuletzt das Radeln in den Städten: Der Wunsch, als Berufspendler am Stau vorbeizuziehen, verbindet sich mit Gesundheitsbewusstsein und Gefallen an nostalgischer Technik. Zum urbanen Radeln gehört das Schaufahren mit ungewöhnlichen Rädern genauso wie praktischer Nutzen, verbunden mit unauffälliger Eleganz etwa bei Helmen und wetterfester Bekleidung und Zubehör. Aufmerksamkeit erregt bestimmt auch eine Komplettlösung wie das „Klimax“ von Hase: das Sessel-Dreirad „Kettwiesel“ mit E-Motor und einem wie ein Schirm zusammenlegbaren Wind-und-Regen-Schutz.

Vor dem Biergarten trifft man grässlich eiernd zu fahrende bunte Cruiser, aber auch deren wesentliche handlichere Derivate wie etwa die „Townie“-Serie von Electra. Mit dem Modell „Ticino“ bedient die amerikanische Marke Nostalgiker: Hammerschlag-Schutzbleche, dezente Farben, eine stark gebogene Stahlgabel, am Unterrohr sitzende - und dort nicht sonderlich bequem zu erreichende - Reibschalter für die Schaltung, alles wie anno dazumal. Insgesamt aber ein schmuckes Rad, das sich zudem aus einer eher die Pedale schiebenden Position heraus angenehm fahren lässt. Die Retrotechnik kulminiert in den Starrgang-Rädern (“Fixies“), die man nun nicht mehr bloß bei Spezialisten, sondern allenthalben sieht.

Schutz mit dem Kopf einer Comic-Figur

An buntem Spielzeug ist kein Mangel: Die Klingel, die wie ein Hamburger ausschaut, oder der Kinderhelm, der mit dem Kopf einer Comic-Figur Schutz verspricht, alles geht. Bemerkenswerter als die vom bloß Poppigen bis zu modisch Sicherheit bietenden Dingen wie dem Tagfahrlicht bei Busch und Müller reichende Vielfalt ist: Was ehedem bei kleinen Anbietern für ein begrenztes Publikum im Sortiment war, kommt nun von Branchengrößen und nicht mehr nur für eine Szene, sondern für alle.

Ein Beispiel: Faltrad-Spezialist Dahon fasst sein Fahrrad-Zubehör unter der Marke Biologic zusammen. Da gibt es den geschlossenen Halter, in dem das iPhone als Navi wettergeschützt funktioniert, geladen vom Naben-Dynamo via „ReeCharge“. Es gibt eine Thermos-Trinkflasche und einen Flaschenhalter, der praktisch überall montierbar ist. Zur länger bekannten Luftpumpe in der Sattelstütze kommen Handgriffe mit Inbusschlüssel zum Einstecken und „Blast“, eine hierzulande kaum als Klingel-Ersatz durchgehende 115-Dezibel-Drucklufthupe und Lautsprecher für MP3-Musik. Mindestens optisch viel auffälliger ist die gegen die Luftverschmutzung der Städte über Mund und Nase gestülpte „Pollution Mask“: Unter ihren zwei Kohlefiltern verschwinden die angenehmsten Gesichtszüge und lassen an Gaskrieg denken.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Frauenparkplatz

Von Boris Schmidt

Der britische Parkhausbetreiber NCP filmte rund 2500 FahrerInnen dabei, wie sie ihr Auto in eine Lücke manövrierten. Ergebnis: Frauen finden schneller einen Parkplatz. Mehr