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Mercedes SLS AMG Coupé Electric Taumel der Gefühle und ein dumpfer Kontrabass

 ·  Der „stärkste und schnellste Elektro-Serienwagen der Welt“ ist bereit für unsere erste Probefahrt. Der SLS AMG Coupé Electric Drive wird von Juni 2013 an ausgeliefert.

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© Hersteller Dieser Mercedes steht mächtig unter Strom

Auf dem Auto liegt südliche Sonne, der Mistral heult und fetzt herum, und dennoch scheint es umgeben von dünnem Nebel. Es ist ein Hauch von technischer Arroganz in Verbindung mit Hightech-Einzigartigkeit, die auf dem futuristisch eingefärbten Zweisitzer liegt wie ein realistisches, aber nicht begreifbares Konstrukt aus Gedanken und Geld.

Der SLS AMG Coupé Electric Drive hieß früher bündiger E-Cell und wird von Juni 2013 an tatsächlich ausgeliefert. Der „stärkste und schnellste Elektro-Serienwagen der Welt“ ist bereit für unsere erste Probefahrt, aber es gibt da noch Fragen. Bei der AMG-Mutter Mercedes sagt man: Ja, es gebe Kunden, aber wie viele es sind und woher sie kommen, nein, das möchte man nicht „kommunizieren“. Es gibt einen Preis, den darf man nennen, es ist nicht so, dass wir davor Scheu hätten, aber für die Familie benötigten wir doch zwei davon. Einer kommt auf 416 500 Euro. Rabatt gibt es nicht, sagt man an diesem Tag. In Zeiten der automobilen Absatzkrise ist das enttäuschend. Bevor wir jetzt unbedacht ein Schriftstück unterschreiben, fahren wir lieber.

Wer sich für Elektromobilität begeistert, der dachte bisher in anderen Dimensionen. Der sieht den Smart von Mercedes vor sich: klein, hoppelig, bescheiden im Auftritt, eine automobile Gesundheitssandale, eine Visitenkarte der Rücksichtnahme auf alles, was man bedroht glaubt. Mercedes leistet sich diese Extreme, Ratio im Smart und Rasanz im SLS. Der Smart electric drive kostet mindestens 18 910 Euro, hat 35 kW, fährt 125 km/h, bietet eine Reichweite von 145 Kilometern und ist ganz einfach zu parken. Im SLS gehen 552 kW ans Werk, es steht ein Gesamtdrehmoment von 1000 Nm zur Verfügung, die Höchstgeschwindigkeit ist elektronisch auf 250 km/h begrenzt, 250 Kilometer kann man nach Werksangaben mit einer vollgeladenen Batterieeinheit zurücklegen. Und der SLS ist verdammt schwer einzuparken, weil er in der Öffentlichkeit sofort von Menschenmengen umlagert ist. Damit sollte ein Käufer rechnen und umgehen können. Aber vielleicht will er das.

Der Zugang zum Elektro-SLS vollzieht sich wie bei jedem SLS: anstrengend. Sein Flügel ist eine Tür und schwingt so weit nach oben, dass man zum Schließen aus der Sitzposition heraus die Armlänge eines gut entwickelten Gorillas benötigt. Wir kriegen das ohne Schwierigkeiten hin, entdecken ein SLS-Interieur wie gewohnt von den Verbrenner-Versionen und widmen unsere schwachen Kräfte dem Erforschen der Welt des Stroms: In Fahrzeug-Längsrichtung wuchert eine kastenförmige Verdickung durch das Interieur, der Powerstrang aus Karbon wie das gesamte Monocoque, hier hocken 548 Kilo Batterien, verteilt auf zwölf Module mit 72 Zellen, Lithium-Ionen-Technik, Batteriespannung 400 Volt, alles bereit zur Aktivierung von vier E-Motoren mit jeweils 250 Nm.

Die rundlichen Kraftpakete kümmern sich nicht nur um den Vortrieb und kreieren keineswegs einen konventionellen Allradantrieb. Das wäre den AMG-Ingenieuren wohl zu einfach gewesen. Mit den einzeln zur Kraftabgabe ansteuerbaren Permanentmagnet-Synchronmotoren erfüllt sich der Traum des Technikers. Denn die liberale Verteilung der Motormomente führt zu libidinösem Fahrverhalten. Dafür denkt und lenkt im SLS ein Rechenzentrum mit einer Kapazität, die wohl nur von der im Pentagon übertroffen wird. Auf freier Strecke gewährt der E-SLS nicht nur Beschleunigungserlebnisse wie beim Bungee-Jumping, sondern auch ein Beharrungsvermögen in Kurven jeglicher Art, wie man es kaum jemals erleben durfte. Bevor das Auto zu Problemen neigen könnte, protestieren beim Fahrer Gehirn und Gleichgewichtssinne. Wer reihert schon gerne in einem solchen Auto.

Aus dem Stand wuchtet sich der etwa zwei Tonnen wiegende Wagen nach AMG-Angaben in 3,9 Sekunden auf 100 km/h und erreicht wenig später seine Höchstgeschwindigkeit. Keineswegs lautlos, wie man vermuten möchte. Eigene Messungen waren nicht möglich: Die Stoppuhr konnte nicht mehr bedient werden. Dynamik soll man nicht nur spüren, sondern auch hören. Deshalb hat Jan Feustel, bei AMG mit Advanced Technologies beschäftigt, das eigentlich unspektakuläre E-Fahren mit einem künstlichen Geräuschteppich belegt. Nun hätte er das Klangbild eines SLS AMG Black Series verwenden können, aber der klingt wie ein brunftiges Monster aus der Vergangenheit. Und so hat der E-SLS die Töne der Zukunft drauf, der tiefe Bass einer gestrichenen Saite wird moduliert, dient als Basis für Starten, für Beschleunigung und Topspeed und für die Tätigkeit der Bremsen. Die arbeiten mit Karbon-Scheiben und erzielen zusammen mit der Wirkung der Motoren die Ergebnisse größerer Wurfanker.

Am Ende der Probefahrt kommt bei uns leichter Schwindel auf. Vielleicht sollte das Training vergessener Muskeln wiederaufgenommen werden, der E-SLS ist ein Hightech-Versuchslabor für den Alltag geworden, aber unsere E-Mobilität sieht ohnehin anders aus. Der Mistral fetzt noch immer. Hoffentlich haben wir im Taumel der Gefühle nichts unterschrieben.

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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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