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Mercedes-Benz GL Die Behaglichkeit des Kaminfeuers

 ·  Der Mercedes-Benz GL ist eine Burg auf Rädern und für Deutschland zu groß. Das wäre fast ein Grund umzuziehen.

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Wie weit der Arm der Stuttgarter Sternendeuter reicht, wissen wir nicht. Aber zu Petrus werden sie wohl keine Verbindung unterhalten. So nehmen wir es als Glücksfall hin, dass pünktlich zum Wintereinbruch ein Mercedes-Benz GL auf den Hof rollte, mithin das dickste aller schwäbischen Schiffe, dem Wind und Wetter nichts, aber auch gar nichts anhaben können. Hoch oben genießen Fahrer und seine bis zu sechs Passagiere die Erhabenheit des Überblicks, unten pflügt der Allradler mit schier unerschütterlicher Ruhe durch Schnee und Matsch. Solch ein Gefühl der Sicherheit ist selten. Zum Termin der Rückgabe verflüchtigte sich die weiße Pracht aus Deutschland, ausgesprochen rücksichtsvoll, nur riss uns die Trennung aus allen Träumen, das Leben sei tatsächlich ein langer, ruhiger Fluss.

Den GL durch die vorne wie hinten weit öffnenden Türen verlassen heißt aussteigen aus der Geborgenheit der Burg. Die Abteilung Testwagen möge uns verzeihen, dass wir an der Rücksitzbank vorübergehend ein heimeliges Kaminfeuer eingerichtet hatten. Es war bei Anwesenheit dreier Glasdächer, elektrisch klappbarer Bänke, kommoder Plätze selbst in der dritten Reihe, beheizter und gekühlter Getränkehalter, elektrisch ausstellender Fenster ganz hinten, des Fernsehers und der Luftfederung das einzige Extra, das uns zur vollkommenen Behaglichkeit fehlte. Halt, eine verschiebbare zweite Sitzreihe wäre vielleicht nett. Der einfallslose Piepskreischton als Anschnallhinweis ginge wohl verträglicher. Und der Totwinkelassistent stellt, Schneefall oder Sprühregen ausgesetzt, seinen Dienst ein. Wären derlei Assistenzsysteme nicht genau in diesen Momenten besonders hilfreich?

Erste Heimat Amerika

Den GL verlassen heißt aber auch, wieder so profane Dinge des Alltags nutzen zu können wie Parklücken am Straßenrand oder DIN-Doppelgaragen an Einfamilienhäusern. In Amerika mag das anders sein, dort ist des großen Wagens erste Heimat, aber in guten Jahren führen ihn auch hierzulande knapp 1000 Fans nach Hause. Mercedes hat seiner zweiten Generation mit zarten Strichen im Kleid die zuvor etwas unbeholfene Wuchtigkeit genommen. Noch immer ist der GL ein mächtiges Auto, doch ist nun eine Ruhe eingekehrt, die mancher als Eleganz empfinden darf.

Für ein Auto dieses Formats ist der GL gar überraschend wendig, mit ein bisschen Übung lässt er sich zielgenau durch enge Gassen oder in Parkhäuser zirkeln. Das ist freilich relativ, mit der Masse gibt es kein Vertun: Der siebensitzige Geländewagen ist nun 5,12 Meter lang, 2,14 Meter breit (mit Spiegeln) und 1,85 Meter hoch - also größer als ein auch nicht eben als Twiggy bekannter Audi Q 7. Recht eindrucksvoll sind Momente, in denen man neben einem Minivan vom Schlage eines, sagen wir, VW Touran parkt. Der wirkt wie eine Einkaufstasche, die sich ohne größere Mühe über die eben noch angenehm positionierte Ladekante heben und in einem Stück im Kofferraum verstauen lässt. Dessen Klappe schwingt elektrisch so weit auf, dass selbst stattliche Cowboys Hut und Lasso nicht ablegen müssen, wenn sie die Pferde abkoppeln und ihr Zeltlager aufschlagen.

Wer meint, er müsse nur auf die Länge achten, sei gewarnt. Vor dem Kauf empfiehlt sich auch eine Höhenkontrolle in der zur nächtlichen Unterbringung vorgesehenen Behausung. Schließlich sind oben noch Dachreling und Antenne zu berücksichtigen. Niedrig hängende Garagentore können ein K.-o.-Kriterium sein - im Zweifel für das Garagentor. Dann muss halt aufgestockt werden.

Keine Geräusche aufdringlicher Art

Angeboten werden zwei Benziner und ein Diesel, an Zapfsäulen diesseits des Atlantiks ist allein der Selbstzünder zu ertragen. Allen gemein sind der lange Radstand von 3,08 Meter und der permanente Allradantrieb mit sperrbarem Mittendifferential. Es gibt sechs Fahrprogramme für das Fahren auf oder neben der Straße. Der Mercedes-Benz GL 350 Bluetec (also der Diesel, wir haben uns noch immer nicht an diese neue, unsinnige Bezeichnung gewöhnt) 4Matic hat einen V6-Motor, 3 Liter Hubraum, 190 kW (258 PS), und er ist von 72 471 Euro an zu haben. Allerdings wäre Mercedes nicht Mercedes, ließe sich mit allerlei Annehmlichkeiten nicht spielend die 100.000-Euro-Marke reißen. Der Normverbrauch beträgt sensationell anmutende 7,4 Liter, doch die stehen nur auf dem Papier. Wen wundert das?

Der Diesel-GL hat zwar ein wenig Diät gehalten und ist rund 90 Kilogramm leichter als der Vorgänger, aber 2,4 Tonnen sind natürlich immer noch ein strammes Gewicht. Wir notierten Verbräuche zwischen 10,5 und 12,3 Liter, 11,0 waren es im Durchschnitt. Dafür wird üppige Motorleistung geboten, die Kraft liegt ohnehin in der Ruhe, woran die beim Anfahren etwas ruppige, ansonsten aber blitzschnell schaltende Siebengang-Automatik ihren Anteil hat. Unter voller Last sind 100 km/h nach knapp 8 Sekunden möglich, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 220 km/h, Geräusche aufdringlicher Art sind dann noch immer nicht zu vernehmen. Sparen kann man sich die Stellung „Sport“ des so zu unnötiger Härte greifenden Fahrwerks. Und was an der Klimaregelung die Stellungen „Air Flow Diffuse, Medium, Focus“ bedeuten, erschließt sich dem gemeinen Westeuropäer auch nicht auf den ersten Blick.

Wahrscheinlich kann es ihm egal sein. Er lässt sich einfach in den Massagesitzen nieder, versetzt die in der A-Säule wohnenden Hochtöner in sanfte Schwingungen, nimmt zur Lektüre eine gute Zeitung mit, greift in den Festmeter Holz im Kofferraum, legt einen Scheit nach und ruft der weiten Welt da draußen zu: Lass Wind und Wetter und Schnee und Kälte ruhig kommen, das kann doch einen GL nicht erschüttern.

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