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Mercedes AMG SLS Direkt aus der Hölle

18.03.2009 ·  Bei der Mercedes-Tochter AMG entsteht ein Supersportwagen, der jenseits politischer Korrektheit für Hightech auf Rädern sorgt. Und gut 315 km/h soll er auch noch erreichen. Mit Flügeltüren zitiert der neue SLS den legendären SL.

Von Wolfgang Peters
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Uns hat dieses Auto völlig in seinen Bann geschlagen.“ Einerseits gibt es sehr geschäftliche Eigeninteressen für den Mann, sich dergestalt zu äußern. Andererseits spricht er von einem vierrädrigen Faszinosum, dessen Entstehen und Eigenschaften nicht nur in diesen Zeiten der Käuferkrise ein besonderes Spektakel ist: Das Zitat stammt von Volker Mornhinweg, und der Chef von Mercedes-AMG ist dafür verantwortlich, ein Auto zu entwickeln, das jenseits jeglicher politischer Korrektheit fährt. Es sei denn, man rechnete technische Herausforderung, deren ingeniösen Reiz, erzielbaren Umsatz, angepeilten Ertrag, Image und Arbeitsplatzsicherheit hinzu. Alles und noch mehr bietet der neue Mercedes-Benz SLS AMG. Noch existiert er nur in Form von Prototypen und Aggregateträgern.

Doch auf der Frankfurter IAA im Herbst wird Mercedes-Benz mit diesem Auto ein Ausrufezeichen setzen, und die Botschaft klingt schon jetzt nicht schlecht: Hightech und hohe Emotionen dürfen von (hoffentlich) vorüberziehenden Eintrübungen des Wirtschaftsklimas nicht unterdrückt werden. Während bei der Mercedes-Mutter mit Hochdruck sowohl an der Feinjustierung relativ konventioneller Verbrennungsmotoren und am Fortschritt bei alternativen Antrieben gearbeitet wird, erhielt die AMG-Tochter (Eigenwerbung: „Performance-Marke“) zum erstenmal in der Firmengeschichte den Auftrag, ein eigenständiges Fahrzeug zu entwickeln und auf die (recht breiten) Räder zu stellen.

Ab Frühjahr 2010 für rund 350.000 bis 400.000 Euro erhältlich

Der Supersportwagen in Stichworten: Alu-Spaceframe-Karosserie, Flügeltüren wie weiland beim ersten 300-Ikonen-SL, 6,3-Liter-V8 mit 420 kW (571 PS), Frontmittelmotor-Position, neues Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe als Transaxle, Sportfahrwerk mit Alu-Doppelquerlenkerachsen. Alles technische Delikatessen, die auf der Zunge des automobilen Feinschmeckers jenes Kräuseln verursachen, das nach den Vorstellungen von Mercedes-AMG unmittelbar in das Prüfen der Finanzvorräte übergehen sollte: Man hält sich bei AMG noch bedeckt, wenn es um den Verkaufspreis geht, aber man liegt nicht allzu weit daneben, wenn man den Tarif des ausgelaufenen SLR McLaren als Obergrenze nimmt und vielleicht noch hunderttausend Euro abzieht: für rund 350.000 bis 400.000 Euro sollte der neue SLS vom Frühjahr 2010 an seinen direkten Weg zu den Käufern finden.

Sie kaufen ein Auto, das in seiner technischen Konsequenz und in seiner komprimierten Erfahrung aus vierzig Jahren Leistungssteigerung keinen Vergleich zu scheuen braucht: Damit weist AMG-Chef Mornhinweg auf den ungewöhnlich hohen Aufwand hin, mit dem dieser SLS seit 2007 entwickelt wird. Und dabei ging es nicht nur um Leistungsdaten der Antriebsaggregate, sondern ebenso um Fortschritte bei Windschnittigkeit, aerodynamischer Stabilität, um Leichtbau und Dauerhaltbarkeit, um passive Sicherheit und eine ausreichende Menge von Komfort und Luxus bei gleichzeitiger Auslegung des Sportwagenkonzeptes für einen reinrassigen Renneinsatz.

Mehr als vierzig Prototypen sind seit Sommer 2008 im Einsatz

Noch nie zuvor hat sich AMG ähnlich intensiv sowohl mit virtueller als auch mit realistischer Erprobung um ein neues Auto, das im öffentlichen Straßenverkehr bewegt wird, bemüht: Digitale Prototypen schafften die Grundlage für tatsächliche Erprobungsträger. Dabei griffen die AMG-Techniker auf Karosserie und Plattform der Dodge Viper zurück, deren eher klobig-klotzige Gestalt freilich nicht als Maßstab für den künftigen SLS-Körper zu nehmen ist. Die Techniker sagen, das „Muletto“ diente nur als Komponententräger für Antrieb, Bremsen oder Achsen. Dann entstanden die ersten, handgefertigten Prototypen. Schwarze, zugeklebte und verunstaltete Dinger mit hässlichen Spoilern und jener Camouflage, die nötig ist, um nur jene Informationen über den SLS nach außen dringen zu lassen, die man als Appetithappen definierte.

Mehr als vierzig Prototypen sind seit Sommer 2008 im Einsatz zur praxisgerechten Erprobung: Gerne werden dabei für Höllentemperaturen das Death Valley in Kalifornien oder Höhenstrecken in Denver oder Südafrika aufgesucht. Für niedrige Temperaturen ist Arjeplog in Schweden bekannt, und in Nardo (Italien) und Laredo (Texas) sowie auf dem konzerneigenen Testgelände in Papenburg wurde Top-Tempo gefahren: etwa 315 km/h sind dem SLS zuzutrauen. Dauerläufe, Aggregate-Tests und Prüfungen des Gesamtfahrzeugs summieren sich: Etwa dreißig Erprobungsautos haben bis zum Beginn der Serienfertigung rund 1,25 Millionen Testkilometer hinter sich. Natürlich sind das keine Kaffeefahrten, sondern Konditionsprüfungen für Mensch und Maschine, die penibel aufgezeichnet und später ausgewertet werden.

Im Charakter soll der SLS ehrlicher, schärfer, reiner und klarer sein

Das Herz des SLS war in seinen Grundzügen bereits 2005 entstanden: Da hatte AMG jenen 6,3-Liter-V8-Saugmotor entwickelt, der in diversen Modellen mit unterschiedlicher, aber immer recht anständig dimensionierter Leistung unterwegs ist. Zum Beispiel im C63 AMG mit 336 kW (457 PS) oder aufgeladen im E63 AMG mit Kompressortechnik und 378 kW (514 PS). Auf der Basis dieser Maschine ist die neue Saugversion entstanden. Sie trägt die Chiffre M159, ist der „stärkste, serienmäßige Achtzylinder-Saugmotor der Welt“ und hält eine besondere Delikatesse bereit: Weil man sich für die recht aufwendige Trockensumpfschmierung entscheiden durfte, wird eine Ölwanne nicht benötigt, und der mächtige, aber relativ leichtgewichtige Motor (206 Kilogramm) hockt tief in seinen Lagern und drückt den Schwerpunkt des gesamten Fahrzeugs.

Im Charakter soll der SLS ehrlicher, schärfer, reiner und klarer sein, als es der von Freunden der etwas schärferen Klinge häufig kritisierte SLR war. Deshalb erhielt auch AMG (und nicht McLaren) den Entwicklungsauftrag, und dieser war kein Blankoscheck für ausufernde Leistung und ausschweifendes Design. Die im Dach verankerten Flügeltüren sind Zitat und praktisches Detail gleichzeitig: Für die Öffnung sind nur knapp 40 Zentimeter Abstand zum Nebenmann nötig.

„Effizienter“ sollte der SLS werden, und darunter, sagt AMG-Mornhinweg, sei „sparsamer und stärker“ zu verstehen. Deshalb sind die von AMG als vorläufiger Wert angegebenen „etwas über“ 13 Liter auf 100 Kilometer tatsächlich ein ungewöhnlicher Wert. Wer damit nicht umgehen kann, sei an den E-Smart, an den Diesel-Smart sowie die anderen Knauser-Modelle bei Mercedes-Benz erinnert. In der Welt des Autos sollte auch künftig Raum sein für einen SLS AMG. Es ist nicht zu befürchten, dass er hunderttausendfach produziert wird. Und er wird nicht wenige Menschen völlig in seinen Bann schlagen.

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Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

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