Der Motorroller als solcher ist nach verbreiteter Ansicht ein nüchternes Fortbewegungsmittel ohne Prestigewert. Nördlich der Alpen neigt man zu dieser Sichtweise. Dem Autofahrer ist der frech bewegte Scooter eher ein Dorn im Auge, der wahre Motorradfahrer hat für ihn oft nur Verachtung übrig. Die Ehre gebietet es, dass er sich die Hand abhackt, wenn er aus Versehen einen entgegenkommenden Scooter gegrüßt hat.
„Hast du den Scheiß dahin gestellt?“, dröhnt ein Grauhaariger mit Zopf über den Parkplatz auf dem Feldberg hinweg, als er einen Motorradkumpel erblickt. Er tut das so, dass wir, die den „Bikertreff“ in der Nähe Frankfurts mit zwei neuen Maxirollern angesteuert haben, es auf jeden Fall hören müssen. Dabei sind doch sowohl der Kymco Myroad 700i als auch der Yamaha Tmax imposante Erscheinungen. Und besonders der Tmax könnte dem Grauhaarigen mit seiner alten, verbastelten Boxer-BMW um die Ohren fahren, sofern der nicht ein außergewöhnlicher Könner ist. Danach sieht es nicht aus.
Leichtes Lebensgefühl
Südlich der Alpen hat der Scooter einen anderen Stellenwert. Selbst in schlechten Jahren verkauft Yamaha in Italien wie selbstverständlich 10.000 Stück seines teuren Tmax, in Deutschland gerade mal 160 bis 200. Auf dem Stiefel wird getunt und poliert und im Berufsverkehr schwer aufgetrumpft. Stetes Streben nach Perfektion im Durchmogeln, Auswahl eines Parkplatzes ohne Zeitverschwendung, unkomplizierte Handhabung dank automatischer Kraftübertragung, Wetterschutz und Stauraum - dafür steht der Scooter. Aber auch für ein Lebensgefühl der Leichtigkeit und des Geschmacks von Pistazieneis: lässig draufschwingen, Gas geben und den Fahrtwind um die Nase genießen. Man zwängt sich nicht jedes Mal in eine Kluft, die Kleiderordnung tendiert Richtung leger, der Jethelm Richtung schicker Modeartikel.
Wenn andere Verkehrsteilnehmer an der Ampel gerade in die Gänge kommen, hat ein halbwegs kräftiger Roller die Kreuzung schon im Rückspiegel. Die Mittelklasse um 300 Kubikzentimeter Hubraum hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen, sie steht für eine smarte Art der Vorankommens dank hoher Beweglichkeit, recht geringen Gewichts (rund 170 Kilogramm), sparsamer Motoren mit ausreichend Leistung (um 30 PS) und Preisen zwischen 4000 und 5000 Euro. Mehr ist nicht nötig. Die doppelt so teure Oberklasse schien zuletzt zu verkümmern, das einstige Oberdickschiff, der Suzuki Burgman 650, dümpelt seit Jahren ohne Modellpflege vor sich hin.
BMW beherrscht die Kunst
Doch siehe:Zur Saison 2012 wird mit diversen Novitäten die Führungsposition in der Maxiliga neu ausgefochten. Italien, Japan, Taiwan mischen mit, und BMW ist mittendrin. Die Münchener sorgen, nachdem der letzte Ausflug in die Scooterwelt mit dem verflossenen Dachroller C1 danebengegangen war, für Furore. Mit dem knackigen C 600 Sport und dem auf Tourenkomfort abgestimmten Schwestermodell C 650 GT attackieren sie den Markt über zwei Flanken. Beide bewegen sich auf Anhieb auf höchstem Niveau, wie erste Probefahrten zeigten.
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Roller, Motorrad? Die einen sagen so, die anderen so. Sitzgefühl auf dem Honda Integra: Roller. Technik, Stabilität, Dynamik: Motorrad. Schmankerln sind das Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe und die famose ABS-Integralbremse. Stauraum mau. Zweizylinder-Reihenmotor, 670 cm³ Hubraum, 38 kW (52 PS), 238 Kilo, 8255 Euro (inkl. Nebenkosten).
Die Sache hat nur einen Haken: Mehr Geld kann man bei keinem anderen Rollerhersteller loswerden. BMW beherrscht die Kunst, nicht einfach nur die üblichen Extras anzubieten, sondern eben solche, die man unbedingt haben will. Hier: gleißend helles LED-Tagfahrlicht, Heizgriffe, Sitzbankheizung, maßgeschneidertes Gepäck-, Navigations- oder Kommunikationssystem, Reifendruckkontrolle, Chromsätze und mehr. So lässt sich der Basispreis von 11100 (Sport) und 11450 Euro (GT, jeweils zuzüglich Nebenkosten) in ehemals unbekannte Höhen treiben.
Südlich der Alpen sind die Märkte
Wenn die Münchener Motorrad-Mannen zurzeit etwas anpacken, dann mit hoher Konsequenz. Sie haben eine Abteilung „Urban Mobility“ zur Entwicklung von Vehikeln für Ballungsräume gegründet, es ist bekannt, dass auch kleinere BMW-Roller und solche mit Elektroantrieb zur Debatte stehen. Sie haben sich die bisherigen Referenzprodukte äußerst genau angesehen, den dicken Burgman und vor allem den Yamaha Tmax, Inbegriff des dynamischen Scooters.
Sie haben Fachleute aus Italien angeheuert, weil dort die meiste Expertise für Roller und Pistazieneis ansässig ist, und weil die Märkte südlich der Alpen weitaus größer und wichtiger sind als jene nördlich davon. Die Zweizylinder-Reihenmotoren (Eigenentwicklung, wie hervorgehoben wird) lassen sie bei Kymco in Taiwan bauen und ins Motorradwerk Berlin liefern, wo die Roller montiert werden. C 600 Sport und C 650 GT haben - auch wenn die Bezeichnungen anderes vermuten lassen - identische Triebwerke mit 647 Kubikzentimeter Hubraum, 44 kW (60 PS) und 66 Nm Drehmoment. Tiefe Einbaulage und eine um 70 Grad nach vorn geneigte Zylinderbank ermöglichen einen Durchstieg in akzeptabler Höhe.
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Immer wieder begeisternder Nobelscooter. Yamahas Tmax ist die Referenz, gegen neue Konkurrenz nun mit mehr Hubraum, mehr Drehmoment, aggressiveren Linien. Neu auch: Riemenantrieb statt Kette. Fahrspaß, Alltagsfähigkeiten, Klang – klasse. Zweizylinder-Reihenmotor, 530 cm³, 34 kW (47 PS), 221 Kilo, 10.995 Euro (plus Nk) mit ABS.
Der Motor läuft vibrationsarm, fühlt sich aber lebhaft an, klingt kernig, beinahe aggressiv. Er ist gut für 170 Sachen, beeindruckender indes ist, wie er durchzieht, wie bissig er sein kann, wie direkt er zupackt, wenn aus dem Schiebebetrieb wieder Gas angelegt wird. Vom rollertypischen Gummibandeffekt ist nicht viel übrig geblieben. Das Fahrwerk wirkt außergewöhnlich stabil, ausgewogen, präzise, beide Scooter sind zwar komfortabel, allerdings auf eine knackige Art - der Sport noch mehr als der GT.
Unterschiedliches Fahrgefühl
Es ist überhaupt kein Problem, auf enger, kurviger Landstraße einem engagiert bewegten Motorrad zu folgen. Das gilt aber auch für andere Neuzugänge der Chefkategorie, den Tmax, den Aprilia SRV 850 als stärksten Serienroller überhaupt und Hondas Zwitterwesen Integra. Der günstige Kymco geht zwar mit viel Hubraum und hoher Leistung an den Start, mit gutem Willen zur Schräglage, erfreulich neutralem Kurvenverhalten, jedoch mit dem Handicap der Fettleibigkeit. 292 Kilo bringt er vollgetankt auf die Waage. Zu viel.
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Rakete im Rollergewand. Aprilias SRV 850 soll 195 Sachen machen. Nicht der praktischste (Kettenantrieb wie beim Honda, wenig Stauraum), aber der stärkste aller Serienscooter. Groß, gewaltig, Gesicht wie ein Rennmotorrad. Zweizylinder-V-Motor, 839 cm³ Hubraum, 56 kW (76 PS), 270 Kilo, 10.390 Euro (inkl. Nk.) mit ABS und Traktionskontrolle.
Die technische Basis der BMW-Roller ist identisch: Motor, Fahrwerk, Einarmschwinge, gekapselter Kettenantrieb im Ölbad, 15-Zoll-Leichtmetallräder, großzügig dimensionierte, fein zu dosierende Bremsen mit serienmäßiger Antiblockiertechnik - alles eins. Dennoch ist das Fahrgefühl ganz verschieden. Der C 600 Sport im knappen Dress wirkt spritziger, der opulent verkleidete C 650 GT gemütlicher.
Pure Absicht
Auf dem Tourer entscheidet man sich fast automatisch für eine etwas gemächlichere Gangart, er hat einen höheren Lenker und niedrigeren Sitz, ist üppiger gepolstert, bringt mehr Stauraum mit, besseren Wetterschutz, eine elektrisch statt manuell zu verstellende Scheibe, klappbare Windabweiser, ist insgesamt praktischer und vielseitiger. Der Gewichtsunterschied (249 zu 261 Kilo) ist zu spüren. Ein erfreulich kleiner Wendekreis hilft beiden im Alltag. Unzulänglichkeiten? Das Cockpit neigt zum Spiegeln, die hintere Kante der langen Scheibe zittert vor der Nase, das ABS am Hinterrad öffnet nach unserem Geschmack arg früh. Beim Ampelstart, der Königsdisziplin des Scooters, zögern die BMW ein Momentchen, bevor sie losstürmen. Das sei Absicht, beteuern die Entwickler, eine Art natürliche Traktionskontrolle.
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Kymco Myroad 700i: Recht günstiges, extrem schweres Luxusschiff mit viel Stauraum, kräftigem Antritt, dem ersten einstellbaren Fahrwerk (Dämpferabstimmung) der Rollerwelt und satter Straßenlage. ABS-Bremse mit wenig Biss, unglückliche Ergonomie, klingt wie eine Landmaschine. Zweizylinder-Reihenmotor, 700 cm³, 43 kW (59 PS), 292 Kilo, 8499 Euro (inkl. Nk.).
„Wir behaupten nicht, dass wir den Scooter neu erfunden haben“, sagen die Münchener Strategen. Das nicht, aber sie haben Markt und Mitspieler genau unter die Lupe genommen und bei der Entwicklung offenbar geniale Phasen gehabt: Klappt der Seitenständer aus, wird zugleich die Feststellbremse aktiviert. Ebenfalls eine patente Sache: das „Flexcase“ der Sport-Variante. Deren Stauraum unter der Sitzbank fasst wegen des schlank geschnittenen Hecks im Fahrbetrieb - anders als im Fall des GT - nur einen Helm statt zwei. Im Stand allerdings lässt sich eine Klappe im Boden öffnen und ein Kevlar-Hightech-Beutel für einen zweiten Helm hinunter aufs Hinterrad entfalten. Ein Sicherheitsschalter verhindert, dass beim Fahren der Sack herausbaumelt.
Als BMW vor wenigen Jahren mit dem Supersportler S 1000 RR schon einmal aus dem Nichts in ein neues Marktsegment eindrang, hatte das Unternehmen Glück, traf auf eine damals ermattet wirkende Konkurrenz und war auf Anhieb der Hecht im Karpfenteich. Diesmal sind auch andere mit bemerkenswerten Neuigkeiten zur Stelle, die hier abgebildet sind und die „Technik und Motor“ schon vorgestellt hat (Aprilia) oder in kommenden Dienstagausgaben beschreiben wird. Und diesmal kommt anderen Herstellern die Angriffslust der Münchener gar nicht so ungelegen. Die könnten, heißt es hier und da, die gesamte Branche beleben. Auch nördlich der Alpen. Kein Scheiß.
Wann wird es Zeit auf einen Roller umzusteigen?
Dieter Härtel (savis)
- 09.04.2012, 09:52 Uhr
