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Mailänder Motorradmesse Italien und die Lust am Unkonventionellen

23.11.2006 ·  Vor allem der Piaggio-Konzern trumpft auf der Mailänder Motorradmesse mit neuen Ideen auf. Dabei reicht die Spanne vom Automatik-Motorrad von Aprilia hin zu zwillingsbereiften Dreirädern von Piaggio. Aber auch Yamaha und Ducati zeigen kompromißlose Neuheiten.

Von Walter Wille
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Die Karawane zog weiter: nach Mailand, wo sich wenige Wochen nach der Intermot in Köln die Motorrad- und Rollerbranche aufs neue versammelte, um ihre Modelle des Jahrgangs 2007 zu zeigen. Der Grund für den abermaligen Aufmarsch: Die italienischen Messemacher haben auf einen jährlichen Turnus umgestellt, zum Verdruß der deutschen Konkurrenz. Nachdem die meisten Hersteller ihre Neuigkeiten schon auf der Intermot vorgeführt hatten, schlug vergangene Woche nun die Stunde des Piaggio-Konzerns mit seinen Marken Aprilia, Moto Guzzi, Gilera und Vespa. Die hatten Köln die kalte Schulter gezeigt.

In Mailand trumpften sie auf. Italien steht zur Zeit für Ideen und den Mut, Unkonventionelles zu verwirklichen. Beispiel Aprilia: Mit der NA 850 Mana (55 kW/75 PS) präsentieren die Mannen aus Noale ein V2-Motorrad mit Automatikgetriebe in drei Einstellungen (Touring, Sport, Regen). Wahlweise kann der Fahrer mit einer manuellen Siebenstufen-Schaltung die Gänge wechseln, und zwar ohne zu kuppeln entweder über Knopfdruck am Lenker oder mit Fußpedal. Wie ein Roller hat die Mana Stauraum (allerdings unter der Tankattrappe, angeblich sogar für einen Integralhelm, der Tank befindet sich unter dem Sitz), sie sieht gleichwohl aus wie ein echtes, bulliges Allroundmotorrad. Mit der 750 Shiver stellte Aprilia ein leichtes, agiles Naked Bike vor, in dem ein neuentwickelter V2 mit 90 Grad Zylinderwinkel eingesetzt wird; er leistet 70 kW (95 PS). Für ein kommendes Superbike haben die Italiener einen V-Vierzylindermotor entwickelt, der zu einer geradezu aberwitzig anmutenden Spitzenleistung von mehr als 155 kW (210 PS) fähig sein soll.

Roller mit Zwillingsrädern

Gilera kreiert eine neue Gattung Roller, den „Megascooter“, der Suzukis Burgman 650 als Dickmann Nummer eins ablösen soll. Der mächtige GP 800 ist der erste Roller überhaupt mit V2-Motor (55 kW/75 PS, 76 Nm), überdies mit großen Rädern (16 und 15 Zoll), dicken Reifen, hohem Durchstieg, einer Stromlinienkarosse, die von vorn kaum von der eines Tourenmotorrads zu unterscheiden ist. Weiter war die Verschmelzung von Motorrad und Roller nie fortgeschritten. Das Ziel lautet: die Dynamik des einen mit dem Nutzwert des anderen vereinen.

Piaggio verfolgt das Konzept des dreirädrigen Rollers MP3 mit Zwillingsrädern vorn konsequent weiter. Wir haben darüber schon berichtet, zur Zeit bewegen wir solch ein Fahrzeug, das vor allem ein Plus an Fahrsicherheit mitbringen soll, im Testbetrieb und werden das in Kürze ausführlich im Motorteil der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung beschreiben. Die Hubraum-Varianten 125 Kubik (11 kW/15 PS) und 250 Kubik (17 kW/23 PS) kommen gerade auf den Markt, ein 400er (25 kW/34 PS) wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Konzerntochter Gilera darf sogar eine 500er-Abenteuerversion des Dreirads herausbringen, mit einem grimmigen Gesicht, verkleinerter Verkleidung und martialischem Stahlrohr-Stoßfänger. Fuoco 500 ie. heißt das schräge Ding, das von einem 28 kW (40 PS) starken Einzylinder-Viertakter auf mehr als 150 km/h beschleunigt werden soll.

„Leistungsstärkstes Serien-Zweizylindermotorrad“

Vespa ist dazu verdammt, immer wieder die eigene Vergangenheit auszugraben, was nicht zu tadeln ist, solange dabei Roller herauskommen wie die neue Vespa S. Sie versprüht den Charme der Sechziger und Siebziger: puristische Linien, rechteckige Lampe, flacher Beinschild, kleine Räder, Wespentaille, unwiderstehlich in Weiß. Sie wird als Zweitaktknatterer mit 50 Kubik und als Viertakt-125er angeboten. Dem Vespa-Flaggschiff GTS 250 wird eine 125er mit 10,5 kW (14 PS) zur Seite gestellt.

Moto Guzzi hat die Griso noch einmal in die Muckibude geschickt, mit einem komplett neuen 1,2-Liter-V2 soll das Griso 8V genannte Macho-Bike mehr als 80 kW (110 PS) auf den Boulevard bringen. Details wurden überarbeitet, die dicke Auspufftröte der bisherigen Griso wird noch überboten von einer Zwei-in-eins-Anlage, die in einen asymmetrischen Doppelkammer-Schalldämpfer von ungeheurem Protz mündet. Herrlich. Griso 1100 (65 kW) und Griso 850 (56 kW) sollen im Programm bleiben. Dem Tourer Norge 1200 folgt eine Variante mit 850 Kubik.

Ducati, kein Bestandteil der Piaggio-Gruppe, geht mit dem neuen Superbike 1098 in die kommende Saison. Das „leistungsstärkste Serien-Zweizylindermotorrad der Welt“ trägt das Gesicht des Unbezähmbaren und Technik aus dem Rennsport: 118 kW (160 PS) und 123 Newtonmeter bei einem Trockengewicht von nur gut 170 Kilogramm. Die 1098 gibt es von Dezember an in zwei Varianten, wobei die „S“-Version sich durch eine gehobene Ausstattung auszeichnet. Ähnlich wird auch mit der Hypermotard verfahren, deren endgültige Form nun feststeht. Die filigrane Supermoto-Maschine kommt im Frühjahr und wird von dem 1100er-Zweizylinder befeuert, der in der neuen Multistrada debütierte.

Schickes Großrad-Modell für die Stadt

Na also, da war doch noch was. Bedauerlich, daß das 187 000 Messebesuchern in Köln vorenthalten wurde. Und noch mehr: Die renovierte KTM 990 Super Duke, ein aggressives Straßenbike, bekam neben Designretuschen einen größeren Tank, Radialbremsen und ein auf mehr Hochgeschwindigkeitsstabilität modifiziertes Fahrwerk. Harley-Tochter Buell schafft mit der Lightning Super TT XB12STT eine Art Synthese aus Streetfighter und Supermoto-Maschine mit einem extrem handlichen Fahrwerk und einem druckvollen 45-Grad-V2 (1200 Kubik, 110 Nm). Und die anderen wichtigen Hersteller? Siehe Intermot (Sonntagszeitung vom 8. Oktober, F.A.Z. vom 17. Oktober), dort haben sie ihr mehr oder weniger farbenfrohes Feuerwerk abgebrannt. Kawasaki hatte sich für Mailand noch ein Böllerchen aufgespart, die überarbeitete Version der Z 750: neu abgestimmter Vierzylinder-Motor mit rund 80 kW, strafferes Fahrwerk, kantigeres Gesicht nach Art der neuen Z1000.

Yamaha nutzte die Schau auf dem Stiefel, um noch einen Roller ins Rampenlicht zu schieben, ein schickes Großrad-Modell, dessen Name X-City 250 klarmacht, wo die besonderen Stärken liegen. Er trägt den Städter stilvoll zum Büro und zum Shopping, der Stauraum unter der Bank kann den Laptop aufnehmen oder einen Helm. Der X-City bekommt die größten Räder, die Yamaha jemals in einem Maxiroller verbaut: vorn 16, hinten 15 Zoll, fast Motorrad-Maße. Das soll stabilen Geradeauslauf auf Schnellstraßen-Etappen gewährleisten, die vergleichsweise breiten Reifen sollen die Federelemente dabei unterstützen, städtische Holperpisten glattzubügeln, und für gute Bodenhaftung und Grip beim Bremsen sorgen. Der Einzylinder mit 16 kW (21 PS) wurde speziell auf Stadtverkehr abgestimmt, auf Drehmoment für Ampelstart und zügige Überholmanöver. Kann man in Mailand wie in Köln gebrauchen.

Quelle: F.A.Z., 21.11.2006, Nr. 271 / Seite T5
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