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Luftfahrt-Event „Tannkosh“ Fliegerfest mit Kult-Charakter

04.09.2011 ·  Mehr als 1400 Flugzeuge in der Provinz: Ende August wurde der idyllische Flugplatz in Tannheim im württembergischen Allgäu wieder zum Treffpunkt für Piloten und Flugbegeisterte aus ganz Europa. Die Vielfalt der beteiligten Maschinen war wieder enorm.

Von Jürgen Schelling
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„Delta ...Echo Delta Yankee Hotel, Endanflug Null Neun!“ meldet sich der landebereite Pilot mit dem Kennzeichen seines Oldtimers im Funk. Die Flugleiter auf ihrem Mini-Tower beobachten nur kurz, wie die Piper einige Sekunden nach diesem Spruch sanft auf der breiten Graspiste „Null Neun“ aufsetzt, die in exakt 90 Grad von West nach Ost verläuft. Augenblicke später rollt der Klassiker flott auf den parallel verlaufenden Taxiway, um die Runway nicht unnötig lange zu blockieren. Viel Zeit, um die gepflegte Maschine aus den sechziger Jahren zu bewundern, bleibt den Flugleitern nicht. Schließlich drängt sich am Himmel bereits weitere anfliegende Kundschaft, die auf ihre Informationen über Landerichtung und Windstärke wartet.

Fast 400 Flugzeuge landen bereits am Tag vor der offiziellen Eröffnung der Luftfahrtveranstaltung Ende August, mehr als 1400 werden es insgesamt sein. Dabei liegt der kleine Flugplatz ja eigentlich in der fliegerischen Provinz: Tannheim im baden-württembergischen Teil des Allgäus, einige Dutzend Kilometer nordöstlich des Bodensees, ist normalerweise ein beschauliches Fluggelände mit Pilotenschule, Restaurant und gemütlichem Flair. An drei Tagen im Jahr ist hier aber die Hölle los. Dann verwandelt es sich in „Tannkosh“. Das Wortspiel ist zusammengesetzt aus Tannheim und Oshkosh, und zumindest für Luftfahrt-Fans hat Oshkosh einen magischen Klang. In dem kleinen Städtchen des amerikanischen Bundesstaates Wisconsin findet seit mehr als 50 Jahren ein Pilotentreffen statt, das sich zum größten Luftfahrt-Event der Welt entwickelt hat. Mehr als eine halbe Million Flugbegeisterte, dazu rund 10.000 Flugzeuge, nehmen jedes Jahr Ende Juli an der einwöchigen Veranstaltung teil. Die ist eine unbeschreibliche Mischung aus Airshow, Luftfahrtmesse und Pilotentreffen. Das Ganze garniert mit dem Auftritt populärer Rockbands samt einer kräftigen Prise Woodstock-Atmosphäre.

Verschiedene Piloten-Phänotypen

Tannkosh wandelt gekonnt auf den Spuren dieses großen Vorbilds, auch wenn es im Allgäu deutlich ruhiger und familiärer zugeht als beim amerikanischen Spektakel. Aus bescheidenen Anfängen eines Ultraleichtflieger-Meetings entstanden, hat sich das Event über Jahre zum mittlerweile größten Treffen von und für Piloten in Europa entwickelt. Auch die Vielfalt der beteiligten Maschinen ist enorm. In diesem Sommer verblüfft etwa das größte Passagierflugzeug der Welt, der Airbus A380, die Besucher mit zwei extrem leisen Überflügen. Landen kann der vierstrahlige Gigant auf der kurzen Grasbahn natürlich nicht. Das tut der Begeisterung am Boden aber keinen Abbruch.

Etwas später ist auch ein nostalgischer Vorfahr des A380 am Himmel zu bestaunen: Die in Europa einzigartige Lockheed Super Constellation aus der Schweiz, ein Propeller-Airliner der fünfziger Jahre, überfliegt den Platz ebenfalls in geringer Höhe. Oft als „schönstes Flugzeug der Welt“ bezeichnet fasziniert der Oldtimer mit seiner eleganten Silhouette und dem mächtigen Sound der vier Sternmotoren. Damit können die Zuschauer mit einstündigem Abstand die Evolution der Passagierflugzeug-Technik über einen Zeitraum von 60 Jahren live erleben.

Ist gerade mal etwas Pause am Himmel, lohnt es sich, die Reihen der abgestellten Maschinen entlangzuschlendern. Dort lassen sich auch leicht die verschiedenen Piloten-Phänotypen ausmachen. So gelten etwa die Besitzer von ultraleichten Flugzeugen oft als lässige Vögel, denn auch ihren PS-schwachen und libellenschlanken Maschinen haftet etwas Spielerisches an. Die sogenannten Echo-Klasse-Jockeys hingegen, zumeist in vier- bis sechssitzigen Reisemaschinen von Cessna, Piper und Beechcraft, sind meist etwas konservativer unterwegs – sowohl, was die Technik ihrer Maschinen betrifft als auch vom Lebensalter her.

Mehr als 100 ehrenamtliche Helfer

Nicht zu vergessen die Hardcore-Luftfahrer, also die Eigenbauer: Sie fliegen nicht nur, sondern erschaffen sogar ihr Flugzeug oder ihren Helikopter in Eigenregie. Die meisten fertigen ihren ganz persönlichen Fliegertraum zwar aus einem Bausatz, aber einige begabte Konstrukteure geben sich lediglich mit einem Plan zufrieden oder entwerfen die Maschine gleich komplett selbst. Diese Multitalente freuen sich ganz besonders, wenn Interessierte die Qualität ihrer Bauausführung bewundern oder fragen, ob sie mal einen Blick unter die Motorhaube werfen dürfen. Eher eine Exotenrolle nehmen die Helikopter-Dompteure ein. Sie gelten als die Piloten mit der besten Feinmotorik, weil ihre instabilen Drehflügler durch meist nur millimetergenaue Eingaben am Steuerknüppel beherrscht werden wollen.

Ähnlich bunt wie bei den Piloten-Typen geht es entlang der Flightline zu. Dort reicht die Palette von filigranen Ultraleichtflugzeugen über dickbäuchige Oldtimer und elegante Kunstflugmaschinen bis hin zu knuffigen Doppeldeckern. Wenige Meter weiter finden sich fragile Tragschrauber, insektenartige Helikopter sowie die Schwerlastfraktion innerhalb der Luftfahrt, ein massiges Transportflugzeug der Luftwaffe.

Auch bei der Airshow herrscht jede Menge Vielfalt: Rainer Wilke etwa, einer von nur fünf Piloten weltweit mit einer Kunstfluglizenz für Hubschrauber, zeigt mit seinem Bo-105-Helikopter atemberaubende Akrobatik-Figuren, die noch vor Jahren undenkbar erschienen. Lokalmatador Matthias Dolderer, der mit seiner Schwester Verena den Flugplatz betreibt und zusammen mit mehr als 100 ehrenamtlichen Helfern das Tannkosh-Event organisiert, setzt hingegen voll auf Speed: Wenn er mit dem über 2000 PS starken ehemaligen Jagdflugzeug vom Typ Corsair aus dem Zweiten Weltkrieg mit geschätzten 600 Sachen über seinen Heimatplatz rauscht, bleiben den Zuschauern die Münder offen stehen. Als Gegenpol dazu gibt es Vorführungen von Ultraleichtflugzeugen, die mit gerade mal 60 oder 70 PS nahezu geräuschlos demonstrieren, wie einfach, preisgünstig und unbeschwert motorisiertes Fliegen heute möglich ist.

Campieren unter der eigenen Maschine

James-Bond-Freunde freuen sich zudem über die rasante Vorführung eines seltenen Mini-Jets vom Typ BD-5, wie er einst in dem Action-Streifen „Octopussy“ mit Roger Moore vorkam. Viel Beifall findet auch die Löschflugdemonstration eines polnischen Agrarflugzeugs, zumal der Wasserabwurf für etwas Abkühlung des am ersten Veranstaltungstag 33 Grad heißen Fluggeländes sorgt. Das luftfahrtbegeisterte Publikum in Tannheim goutiert jedenfalls alles, was im Rahmen der Airshow fliegt. Dabei ist es völlig egal, ob das Gerät von Propeller, Düse oder Rotor angetrieben wird.

Wer nach diesem Himmelsspektakel die obligatorische Hangar-Party besucht und sie frühmorgens müde wieder verlässt, krabbelt zum Schlafen einfach ins nur wenige Meter entfernte Zelt unter der Tragfläche der eigenen oder gecharterten Maschine. Auch die lässige Art des Übernachtens ist dem großen Vorbild Oshkosh nachempfunden, wo Tausende Teilnehmer unter ihrer Maschine campieren. Gerade dieses einzigartige Ambiente beschert auch dem süddeutschen Fliegerfest seinen Kult-Charakter. Auf den Automobilbereich übertragen, wäre Tannkosh so etwas wie eine wilde Mischung aus Formel-1-Rennen, Typentreffen und Oldtimerkorso, das Ganze kombiniert mit legendären Partys samt rockiger Livemusik – und müsste dort aber erst erfunden werden. Kein Wunder also, dass sich die meisten Piloten vor ihrem Heimflug am Sonntag noch einmal versichern: „Also dann, nächstes Jahr auch wieder bei Tannkosh?“ „Garantiert!“

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