11.11.2010 · Altes Gebälk voller faszinierender Geschichte: Aus 120 Tonnen deutscher Eiche wurde einst der Lotsenschoner „No. 5 Elbe“. Als „Wander Bird“ war er in der Welt unterwegs. Heute liegt er in Hamburg.
Von Erdmann BraschosWarwick M. Tompkins ist kein Mann für die Normalität. Ein Dasein zwischen Ein- und Auskommen, eine zwischen Arbeit und Freizeit dahinschlummernde Durchschnittsexistenz hatte der amerikanische Meeresvagabund nicht. Als er in den zwanziger Jahren in Paris einer hübschen jungen Texanerin begegnet, ist er nach einem abenteuerlichen Kurs durchs Leben eher zufällig mit seiner Schreibmaschine in der Metropole gestrandet. Als Berufsseemann, Segler und Journalist hatte er auf unterschiedlich seetüchtigen Frachtschiffen und Rennyachten auf dem Pazifik und Atlantik alles außer Langeweile gehabt.
Nach der Begegnung mit der Frau seines Lebens könnte Tompkins seine amphibische Existenz nun an Land verlegen. Als er mit Gwen Bohning rasch den sogenannten Ehehafen ansteuert, könnte der Weltenbummler das Leben eine Idee geregelter und seriöser nehmen. Doch ist Tompkins für die übliche Landlebenslaufbahn, wie sie die Menschheit überwiegend praktiziert, nicht so geeignet. Er ist aus der Weite des Meeres nach Paris gekommen, von draußen, wo der Ozean mit langer Amplitude auf seine Weise atmet, dem Besucher seine eigenen Gesetzmäßigkeiten aufzwingt, Demut lehrt und die "Vexationen des Landlebens", wie Stefan Zweig die alltägliche Bürde der Zivilisation einmal genannt hat, vergessen lässt.
Tompkins muss wieder zurück, an die frische Luft, seine Normalität leben. Nur soll es nicht mehr an Bord anderer Eigner Schiffe sein. Er ist reif für die eigene Arche. Damit möchte er selten gesegelte Kurse jenseits des absehbaren Abenteuers nehmen. Er will Gewässer ansteuern, die mit Angstlust und Ausdauer, mit Geschick und einer Portion Glück zu meistern sind. Tompkins träumt von der klassisch schweren Route von Ost nach West, gegen Meeresströmung, Wind und Wetter um Kap Hoorn. Dieses Vorhaben hat sich im Lauf der Jahre unverrückbar bei ihm eingenistet.
Das Geld reicht so eben
Dazu braucht er die passende Gefährtin. Denn um Kap Hoorn segelt damals niemand, der es nicht muss. Das Verschwinden in der kalten Wasserwüste des Südpolarmeeres, das Zerschellen von Hab und Gut in der Brandung patagonischer Klippen ist so wahrscheinlich wie das Gelingen der Reise. Außerdem braucht Tompkins ein geeignetes Schiff. Der erfahrene Segler weiß, dass es ein Lotsenversetzer sein muss. Denn so ein Gefährt ist dazu gebaut, sommers wie winters an der Küste auszuharren, ankommenden Schiffen revierkundige Lotsen an Bord zu geben und die Kollegen von den auslaufenden Schiffen an Bord zu nehmen.
Es gibt da nur ein Problem. Das Leben an Land kostet, und außer bescheidenen Einkünften als "Newspaperman" verfügt Tompkins über 1500 Dollar. Das Geld reicht so eben, um die "Wandervogel", einen seit Jahren im Hamburger Hafen stillgelegten, von Regen, Ruß und Schnee verdreckten Lotsenschoner zu kaufen - 1928, im Jahr der Heirat. Damit gründet das Ehepaar eine gemeinsame Existenz. Das 43 Jahre alte Schiff ist seit einer Weile aus dem Dienst vor der Elbmündung ausgemustert. Es ist wechselnden Eignern, darunter den Wandervögeln, in der wirtschaftlich schwierigen Großwetterlage der Weimarer Republik nicht gelungen, die gut 120 Tonnen deutsche Eiche wie gedacht für neue, eigene Ziele flottzumachen.
Rasch ist "Wander Bird" mit geliehenem Geld hergerichtet, wird im Lauf der dreißiger Jahre mit einem Dutzend Atlantiküberquerungen, einem Segeltörn durch die Ostsee und einer Mittelmeerkreuzfahrt mit zahlenden Gästen für den kühnen Trip ausprobiert.
Tompkins ist clever genug, seine Frau mit vergleichsweise angenehmen Reisen an die Eigner-Nordwand des Segelns heranzuführen. Der einstige Lotsenversetzer eignet sich mit seinem Dutzend Kojen, die in schrankähnlichen Schwalbennestern rings um den Salon als Etagenbetten angeordnet sind, bestens für die mehrköpfige Besatzung und zahlende Gäste. Tompkins lässt den vierschrötigen Arbeitssegler, wie er ist. Einzig eine Dusche und ein Steuerrad anstelle der archaischen Pinne werden eingebaut. So viel Komfort muss sein. Einen Hilfsmotor zum Vorankommen bei Flaute, zur Ansteuerung enger Buchten und unübersichtlicher Häfen hat die "Wander Bird" nicht. Dafür gibt es Augenmaß, Geduld, Erfahrung, den siebten Sinn des Kapitäns und nicht zuletzt den Anker.
Bald stellt sich mit Ann und Warwick M. Tompkins junior Nachwuchs ein. Die Kinder werden auf See groß, lernen an Deck nicht nur laufen und den Umgang mit Tauwerk. Sie turnen auch beeindruckend sicher in der Takelage, lernen also Tompkins Normalität. Ein Schiff kann ein sicherer Abenteuerspielplatz sein. Seinen Stammhalter nennt Tompkins mit augenzwinkerndem Stolz "Commodore".
Im Frühsommer 1936 sind die "Wander Bird" und die Familie Tompkins so weit: Die sechsjährige Ann hat den Atlantik achtmal an Bord der Familienarche überquert, ihr vierjähriger Bruder sechsmal. Der einstige Lotsenversetzer "No. 5 Elbe" ist ausprobiert, und eigentlich sind alle im Thema. Allein, die Ehefrau "mochte die Idee der Kap-Hoorn-Umsegelung nicht. Nach vielen tausend Meilen an Bord sehnte sie sich nach Gewässern mit wenig Wellengang und sanfter Brise. Aber die Aussicht, sich bis ans Ende unserer Tage mein Seemannsgarn von Kap Hoorn anhören zu müssen, nicht zuletzt die Möglichkeit, unterwegs auf das häusliche Silber und Porzellan aufzupassen, bewog sie wohl dazu, mitzukommen", fasst Tompkins ihre Motive salopp in seinem Buch "Fifty South to Fifty South", der 1938 veröffentlichten "Story of a voyage west around Cape Horn in the schooner Wander Bird" zusammen. Außerdem hat das fürchterliche Kap den Vorteil, dass es nach der Schinderei in jeder Hinsicht besser wird, weil es jenseits des südamerikanischen Steißes bekanntlich eine echte Südsee gibt und man ziemlich unbehelligt bei versöhnlichen Bedingungen bis Kalifornien segeln kann.
Zickzack durch Stürme und Winddrehungen
Am 26. Juni 1936 geht es in Gloucester an der amerikanischen Ostküste mit einigen zahlenden Gästen los. Ab Tanger zeigt der stämmig senkrechte Bug endgültig südwärts. Nach einem kurzen Stopp in Rio de Janeiro werden die gefürchteten, wetterwendischen hohen Breitengrade des Südens angesteuert. Der 50. Grad südlicher Breite befindet sich etwa eine Segel-Tagesreise vor den Falklandinseln. Dort beginnt das Projekt "50 South" diesseits Südamerikas bis jenseits des Kontinents. Aus den tausend Meilen der theoretisch kürzesten Route werden mehr als zweitausend, ein Kurs im Zickzack durch Stürme und Winddrehungen. Die "Wander Bird" kreuzt weit über das in Sichtweite umsegelte Kap hinaus in den Süden und droht schließlich am nordwestlichen Ausgang der Magellanstraße mit einer kaltschnäuzig landnah gesegelten Route zu scheitern.
Tompkins navigiert die Familienarche durch das Katz-und-Maus-Spiel ständig wechselnden Wetters. Im Unterschied zu den Rahseglern der soeben ausgeklungenen Ära der kommerziellen Segelschifffahrt geht die "Wander Bird" passabel an den Wind, und das bärenstarke Gebälk macht seinem Ruf als deutsche Wertarbeit alle Ehre. In Kenntnis der Verhältnisse in der Deutschen Bucht hatte die Hamburgische Deputation für Handel und Schifffahrt bei der Bestellung des Lotsenschoners "No. 5 Elbe" die Stülcken-Werft in Hamburg-Steinwerder ausdrücklich um eine solide Bauausführung gebeten. Die bewährt sich jetzt noch mal.
Kühn ringt Tompkins, er bezeichnet sich in der Reisebeschreibung als "The old man", mit einem beinhart gesegelten Steuerbordbug der exponierten Küste Meile für Meile ab. Gesegelt wird anhand gekoppelter (also geschätzter) Kurse. Mit Geschick und Glück lassen sich die Positionen per Sextantnavigation überprüfen. Hier gibt es wenig Spielraum für nautische Fehler oder Materialermüdung. Was auf die "Wander Bird" zukommt, erfahren Schiffer und Besatzung nicht anhand einer heute üblichen Wetterkarte samt elektronisch übermittelter Routenberatung. Aufschluss bieten der Blick unter die Wolken und die Kurve des Luftdruckschreibers (Barograph). Der Bericht über die beinharte Reise - es gibt ein Reprint der englischsprachigen Erstausgabe von 1938 - liest sich wie ein Krimi. Abgesehen von einem gebrochenen Klüverbaum passiert nichts.
Dennoch endet die Reise für Tompkins mit einer großen Enttäuschung, der Enttäuschung, nach vielen Monaten in San Francisco "with sadness" an Land gehen zu müssen. Später legt die Familienarche noch mal zu einer großen Reise ab, einer Odyssee durch den Pazifik. Dann trennen sich die Lebenswege von Gwen und Warwick Tompkins. Das Glück der beiden hatte mit der Umseglung Südamerikas seinen Zenit überschritten.
Die "Wander Bird" wird zum schwimmenden Hafeninventar. Ein Zustand, der beinahe so gefährlich ist wie der Dienst in der Deutschen Bucht oder die Passage Kap Hoorns. Ende des 20. Jahrhunderts wird der Hamburger Schiffshistoriker Joachim Kaiser auf das Schiff aufmerksam, 2002 gelingt der Kauf durch die Stiftung Hamburg Maritim. Das vom Beschäftigungsträger "Jugend in Arbeit" in einer Harburger Ausbildungsstätte und Werft verdienstvoll sanierte Gebälk wird zur segelnden Antiquität und zum Schmuckstück des neuen Traditionsschiffhafens der Hamburger Speicherstadt. Seit der behutsamen Wiederherstellung unter musealen Gesichtspunkten mit kleinen Zugeständnissen hinsichtlich Handhabung und Sicherheit ist die Hamburgensie in den Händen eines engagierten Betreibervereins auf der Elbe, Ost- und Nordsee unterwegs.
Ab und zu sieht eine betagte, eigens aus den Staaten angereiste Dame in Hamburg nach dem Rechten: Es ist Ann Tompkins, jenes kleine Mädchen, das auf dem Atlantik und während der abenteuerlichen Kap-Hoorn-Umseglung auf der "Wander Bird" die Normalität seiner Eltern lebte.
Die Lotsenschoner der Nordseeküste
1855/56 wurden erstmals zwei englische Werftbauten als Lotsenschoner vor der deutschen Nordseeküste eingesetzt. Weit draußen vor den Häfen von Elbe, Ems, Jade und Weser waren sie rund um die Uhr unterwegs, um der Schifffahrt Spezialisten mit intimer Revierkenntnis zu übergeben oder die Männer wieder an Bord zu nehmen. Die Ansteuerung der beim üblichen Westwind ungeschützten, flachen, vom ab- und auflaufenden Wasser der Tide durchströmten Küste mit entsprechend ruppigem Seegang war anspruchsvoll. Der zweimastige Lotsenschoner löste die zuvor eingesetzten Kutter und andere Typen mit wenig Tiefgang ab. Der Schonerspezialist Herbert Karting zählt bis 1952 an der deutschen Nordseeküste 41 Lotsenschoner, meist Holzkonstruktionen. Die Elbmündung wurde bis 1936 von zwölf Lotsenschonern betreut, darunter die 1883 gebaute „No. 5 Elbe“.
Vielen Dank für diesen Artikel.
Kevin Bond (00Kevin)
- 11.11.2010, 23:12 Uhr
Schön,
Andreas Kleinmann (shadowcucumber)
- 11.11.2010, 23:25 Uhr