24.03.2010 · Kaum dass ihn der Lenz mit einem ersten Sonnenstrahl samstagmorgens in der Nase kitzelt, geht Otto Normalradler in den Keller und entdeckt, dass er ein Fahrrad besitzt. Doch genau das ist der Haken bei der Sache.
Von Hans-Heinrich PardeyDer Frühling ist da, nicht nur astronomisch, sondern auch real. Und so sicher, wie die Forsythienblüte anzeigt, dass der Frühling wirklich einzieht, gibt es eine phänologische Methode eher technischer Art zur Bestimmung des Frühlingsbeginns: Kaum dass ihn der Lenz mit einem ersten Sonnenstrahl samstagmorgens in der Nase kitzelt, geht Otto Normalradler in den Keller und entdeckt, dass er ein Fahrrad besitzt.
Das sieht eigentlich noch genauso aus, wie er es nicht mehr in Erinnerung hatte, und genau das ist der Haken bei der Sache. Das Rad war schon letztes Jahr dreckig und den Reifen fehlten bereits vor sechs Monaten mindestens zweieinhalb von vielleicht angezeigten fünf bar Luftdruck. Jetzt aber zum Saisonstart, der umgehend als Drei-Kilometer-Tour in einen Biergarten erfolgen soll, haben die Reifen sich noch etwas deutlicher viereckig gestanden. Schon beim Hingucken rieselt rostbrauner Staub aus der Kette. Und das eine Bremsgummi ist auch schon Ende letzten Sommers weggeflogen. Also, nichts wie flugs zum Fahrradhändler!
Der ist an diesem Morgen mit einem tiefen Seufzer aufgestanden: Den langen, harten, dunklen Winter lang hat er in seinem Laden zwischen den unverkauften Rädern Verstecken spielen können. Aber damit ist es an diesem Vormittag vorbei: Die zu Sonderangeboten umgeflaggten Räder sind nicht mehr zu sehen, weil der Laden voller Kunden ist. Die freilich über den Kauf eines Fahrrads nicht mal nachdenken, sondern nur ein Schräubchen, einen Bremszug und vielleicht noch ein bisschen Luft zum Nulltarif haben wollen. Oder aber ihren Oldtimer restauriert haben möchten, und zwar umgehend: "Wir wollen doch heute Nachmittag zur Hammelsdorfer Mühle raus ..." Der Fahrradhändler könnte mit dem langen Pedalschlüssel dreinschlagen: So geht das jedes Jahr.
Und weil es jedes Jahr so geht, sorgt die Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft (ZEG), zu der in Deutschland über 650 inhabergeführte Fachgeschäfte gehören, dafür, dass den Händlern just jetzt noch mehr Kunden in die Läden getrieben werden. Dazu hat man sich nicht nur einen Prospekt einfallen lassen, bei dessen Lektüre man leicht ins Schielen kommt, weil so gut wie alle riesengroß gedruckten Preisangaben mit einer Doppel-Neun enden.
Nein, die ZEG annonciert eine "Weltneuheit": den kabellosen CO2-Fahrradcomputer. Was soll denn daran neu sein, kabellos mit digitaler Datenübertragung zwischen Sensor am Laufrad und Anzeige am Lenker ist doch nun wirklich ein alter Hut. Sicherlich, unser letzter Schnurloser kostete im Supermarkt rund sieben Euro.
Der dient der Gewissensberuhigung
Doch der zur Einführung von stolz anmutenden 39,95 auf 29,95 Euro herabgesetzte ZEG-Computer lässt sich in einem zusätzlichen Punkt programmieren: Der dient der Gewissensberuhigung. In einem Auswahlmenü lässt sich zwischen D wie Diesel und B wie Benzin wählen. Man gibt noch den Durchschnittsverbrauch des eigenen Autos ein, und dann zeigt einem das Gerät, Kilometer für Kilometer, wie viel CO2 man im Dienste unserer aller Umwelt durch das Radfahren einspart.
Trotz tiefer Rührung über den Motivationsschub, den so etwas gibt, es bleiben Fragen offen: Wieso gibt die ZEG die CO2-Emission eines Liters Diesel mit 3,09 Kilogramm an? Das bayerische Umweltamt bietet rund ein Pfund weniger. Gibt es Abzug wegen der auf Rennrad oder Mountainbike erhöhten menschlichen CO2-Ausscheidung?